Osnabrückerin als Beraterin Vertrauliche Geburt soll Schwangeren in Not helfen

Karin Schlüter mit einem Umschlag, in dem die Personalien der Frauen verschlossen werden. Bundesweit wird jährlich mit 100 vertraulichen Geburten gerechnet. Foto: Gert WestdörpKarin Schlüter mit einem Umschlag, in dem die Personalien der Frauen verschlossen werden. Bundesweit wird jährlich mit 100 vertraulichen Geburten gerechnet. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. In Deutschland können Frauen seit dem 1. Mai ihr Kind mit einer sogenannten vertraulichen Geburt im Krankenhaus entbinden. Das Gesetz will verhindern, dass verzweifelte Schwangere ihr Kind heimlich gebären, aussetzen oder gar töten. In Niedersachsen sind zwei Beraterinnen auf die Begleitung der Mütter vorbereitet worden. Eine davon ist Karin Schlüter, Leiterin der pro-familia-Beratungsstelle Osnabrück.

Schwangere in Not haben derzeit zwei Möglichkeiten, die zwar rechtswidrig sind, aber geduldet werden: Sie können ihr Kind anonym in einem Krankenhaus zur Welt bringen und verschwinden oder ihr Kind ohne Hilfe austragen und in einer Babyklappe aussetzen. In Osnabrück gibt es beide Hilfemöglichkeiten: Im Marienhospital können anonyme Geburten stattfinden. Am Kinderheim St. Johann befindet sich seit 2001 eine Babyklappe, in der seither drei Kinder abgegeben wurden.

In beiden Fällen haben die Kinder später das Nachsehen: Auch wenn sie glücklich in Adoptivfamilien aufwachsen können, haben sie nie die Chance, etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Das soll mit der vertraulichen Geburt anders werden.

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Auch dabei kann die Mutter in einem Krankenhaus unter Pseudonym entbinden. Parallel dazu informiert die Klinik aber die Beraterin, damit diese mit der werdenden Mutter Kontakt aufnimmt und die vertrauliche Geburt vorstellt (siehe auch „16 Jahre Anonymität zugesichert“).

Die Preisgabe der wahren Identität „ist der heikelste Moment“, sagt Karin Schlüter. Für die meisten Frauen sei sicher nicht vorstellbar, wie ihre Situation in 16 Jahren aussieht. Deshalb ist die Sozialpädagogin davon überzeugt, dass sich Frauen nicht alle darauf einlassen werden und lieber anonym entbinden.

Frauen, die ihre Schwangerschaft verheimlichen, befinden sich „in einer psychischen Ausnahmesituation“, sagt Karin Schlüter. Eingeklemmt in eine „traumatische Zange“, falle es ihnen schwer, rationale Entscheidungen zu treffen. Manche dieser Frauen lebten in einer Gewaltbeziehung, aus der sie sich nicht selbst lösen könnten.

In dem Gespräch mit der Schwangeren sieht Schlüter vor allem die Chance, dass die Mutter sich später daran erinnert, dass ihr im Krankenhaus jemand zugehört und Hilfe angeboten hat: „Vielleicht kommt sie später darauf zurück.“

Ein Plädoyer für die Hebamme

Das Gesetz zur vertraulichen Geburt hatte die frühere schwarz-gelbe Bundsregierung mit dem Ziel auf den Weg gebracht, die umstrittenen Babyklappen überflüssig zu machen. Nach Angaben des Deutschen Jugendinstitutes wurden in Babyklappen zwischen 1999 und 2010 652 „Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft“ abgegeben. In diesem Zeitraum sei die Zahl der nach der Geburt getöteten Kinder nicht signifikant zurückgegangen, begründet der Deutsche Ethikrat seine Kritik an den Babyklappen.

In Osnabrück gibt es seit 2001 das Netzwerk „Aktion Moses – Babyklappe“ in Kooperation von Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF), Marienhospital, Christlichem Kinderhospital und St. Johann Behindertenhilfe. Der SkF Osnabrück begrüßt die Einführung des Gesetzes zur vertraulichen Geburt.

Dennoch soll das Angebot der Babyklappe in Osnabrück als eine Alternative für verzweifelte Frauen erhalten bleiben. Seit der Eröffnung wurden dort drei Neugeborene abgegeben, deren Anonymität nicht aufgehoben werden konnte.

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Im gleichen Zeitraum gab es im Marienhospital Osnabrück sechs anonyme Geburten, bei denen der SkF zur Beratung der Frauen hinzugezogen wurde. In zwei Fällen, so der SkF, gaben die Mütter kurze Zeit nach der Geburt ihre Personalien an. In den anderen vier Fällen gebe es keine Herkunftsdaten.

Parallel zur vertraulichen Geburt hat das Bundesfamilienministerium eine anonyme mehrsprachige und
rund um die Uhr besetzte Telefonhotline für Schwangere in Not freigeschaltet: 08004040020. Informationen im Internet gibt es unter www.geburt-vertraulich.de .


Das Gesetz zur vertraulichen Geburt ist ein Kompromiss zwischen dem Schutzbedürfnis der Frau und dem Recht des Kindes, seine Herkunft zu erfahren. Der Mutter wird für 16 Jahre Anonymität zugesichert. Sie vertraut ihre Personalien nur einer unter Schweigepflicht stehenden Beraterin an. Ihre Daten werden versiegelt und beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegt. Die Beratungskraft koordiniert anschließend das Verfahren zwischen allen Beteiligten wie Klinik oder Hebamme, Jugendamt, Adoptionsvermittlungsstelle und Standesamt. Für die Kliniken und Hebammen bedeutet eine vertrauliche Geburt zugleich eine finanzielle Sicherheit: Während sie bei der anonymen Geburt die Kosten selbst tragen, werden sie bei der vertraulichen Geburt vom Bund übernommen.

Das Kind hat ab seinem 16. Lebensjahr das Recht auf Einsicht in den Herkunftsnachweis. Die Mutter kann dem vorher widersprechen. In diesen Fällen entscheidet ein Familiengericht.

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