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Interview mit Suchtmediziner „Rechne mit Welle von Crystal Meth im Raum Osnabrück“

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Osnabrück. Die synthetische Droge Crystal Meth ist laut Bundeskriminalamt und dem Bundesministerium für Gesundheit in Deutschland auf dem Vormarsch. Dr. Peter Subkowski ist ärztlicher Direktor der Paracelsus-Berghofklinik in Bad Essen. Er erklärt, warum Crystal Meth gerne von Studenten genommen wird und was die Droge so gefährlich macht. Subkowski ist Facharzt für Psychosomatische Medizin, Neurologie und Psychiatrie und behandelt Menschen mit Suchterkrankungen.

Herr Subkowski, Sie behandeln Patienten, die abhängig sind von Crystal Meth. Welche Rolle spielt die Droge im Raum Osnabrück?
Die Droge kommt meist über Tschechien nach Deutschland. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Droge bereits voll angekommen. Ich denke, hier ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir ähnliche Probleme bekommen. Im vergangenen Jahr hatten wir nur sechs Patienten, in diesem Jahr sind es schon deutlich mehr. Es ist leider damit zu rechnen, dass wir auch hier eine richtige Welle dieser neuen synthetischen Droge bekommen. Auch hier hat Crystal Meth das Zeug zur Modedroge Nummer eins zu werden.

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Wie sieht der typische Konsument aus?
Das sind jüngere Leute, die oft noch nicht sozial entwurzelt sind, die eine Ausbildung machen, ehrgeizig sind und oft unter einem großen Leistungsdruck stehen. Dabei sind Studenten, Facharbeiter und junge Angestellte, die Angst haben, ihr Leistungspensum nicht zu schaffen. Die durch die Droge dann beginnen, sich besser konzentrieren zu können, weniger müde und besser drauf sein wollen.

Und dann geht es irgendwann schief.
Ja, Beruf, Studium, Familie: Alles geht dann relativ schnell den Bach runter.

Wie abhängig wird man von Crystal Meth?
Das Suchtpotenzial ist sehr hoch. Es liegt vermutlich etwas unterhalb von Heroin, annähernd so wie das von Kokain. Von den Designerdrogen ist es diejenige, die auch körperlich die größte Abhängigkeit erzeugt.

Was für einen Zustand löst Crystal Meth aus?
Starke Euphorie, Selbstüberschätzung, Bewegungs- und Rededrang. Bei entsprechend hoher Dosierung kann das umschlagen wie bei allen antriebssteigernden Stimulanzen. Und zwar in Richtung Getriebensein, Ängsten, Schlafstörungen, Halluzinationen und Verfolgungswahn.

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Was für Halluzinationen sind das?
Typisch ist die Vorstellung, dass kleine Käfer über die Haut krabbeln. Deshalb kratzen die Patienten dann auch. Das ist ein Teil der Hautekzeme, die sich entwickeln. Es finden sich aber auch optische Halluzinationen.

Auf welchem Weg wird Crystal Meth konsumiert?
Das ist sehr unterschiedlich. Man kann es schnupfen, spritzen und rauchen, und man kann es auch als Pille nehmen.

Aus was ist Crystal Meth zusammengesetzt? Vielleicht können Sie das mal für den Laien erklären.
Crystal Meth ist ein Amphetamin-Abkömmling, daher Meth: Methylamphetamin. Das wird in der Regel mit Hustensaftinhalten wie Ephedrin und Batteriesäure, Abflussreiniger, Lampenöl oder Frostschutzmittel chemisch so verändert, dass diese Methylvariante entsteht. Aber bei Designerdrogen weiß man letztlich nie, wie sie verändert worden sind. Zutaten werden ersetzt oder gestreckt. Für die Konsumenten ist es völlig undurchschaubar, was sie da konsumieren. Insofern ist auch die Gefahr einer Überdosierung und eventuellen tödlichen Dosis sehr hoch.

Hört sich gefährlich an.
Ja, das Ganze ist auch noch bei der Herstellung hochexplosiv und damit auch für die Hersteller gefährlich. Daher erklären sich vielleicht auch die relativ hohen Preise für Crystal Meth, obwohl die Grundzutaten relativ einfach zu beschaffen sind.

Was zahlt man denn für Crystal Meth?
Derzeit 80 Euro pro Gramm. Damit ist es teurer als Kokain.

Was sind die Folgen von Crystal Meth für Körper und Geist?
Verschiedene Körpersysteme werden stark angegriffen. Das führt innerhalb von ein bis zwei Jahren zu einem massiven körperlichen Abbau. Das Herz wird sehr geschädigt, was dann bis zu einem Herzinfarkt gehen kann. Die Lungen werden geschädigt, und es kann zu einem Nierenkollaps führen. Es können Schlaganfälle auftreten. Besonders wird auch das Zahnfleisch geschädigt, sodass die Zähne ausfallen. Außerdem verändern sich die Talkdrüsen und es kommt zu massiven Ekzemen. Die Konsumenten sehen also sehr vorgealtert aus. Letzten Endes kann es bis zum Tod führen. Das besondere an allen synthetischen Drogen ist, dass man nicht weiß, wie sie zusammen mit anderen Drogen wirken. Häufig nehmen die Konsumenten noch andere Rauschmittel zusätzlich. Das ist auch der Grund, warum die Todesrate so hoch ist.

Ist Crystal Meth eine neue Droge?
Nein, die Droge Methamphetamin gab es bereits 1938 unter der Marke Pervitin zu kaufen. Sie wurde schon im Zweiten Weltkrieg von Kampfpiloten und Panzerfahrern genommen, damit sie sich besser konzentrieren konnten und Ermüdungserscheinungen unterdrückt wurden. Die Droge ist dann außer Mode geraten und wird nun wiederentdeckt.

Was ist das Ziel der Therapie?
Es geht darum, dass die zumeist jungen Patienten begreifen, was die Droge bewirkt und welche Alternativen sie haben. Die Patienten bleiben in der Regel 15 Wochen, danach ist in aller Regel eine ambulante Nachsorge notwendig. Am Ende geht es darum, dass die Patienten ihr Leben neu ausrichten.

Sind die Schäden, die möglicherweise schon eingetreten sind, reparabel?
Das kommt drauf an, wie weit sie forstgeschritten sind. Es gibt tatsächlich auch irreparable Schäden, beispielsweise wenn Herz, Gehirn oder Niere in Mitleidenschaft gezogen worden sind.

Wie hoch ist die Erfolgsquote bei der Therapie?
Bei jungen Leuten, die noch nicht so lange drauf sind, haben wir nach unseren Statistiken eine Erfolgsquote von 50 Prozent und mehr. Wichtig ist die soziale Eingliederung, dass beruflich wieder Fuß gefasst wird, dass familiäre Strukturen nicht ganz zerstört sind oder wieder aufgebaut werden können. Zudem sollte der alte Freundeskreis gewechselt werden.

Kennen Sie eigentlich die Serie Breaking Bad?
Ja, die Serie scheint jeder zu kennen, auch jeder Journalist (lacht). Die Serie ist ja auch cool gemacht. Die Droge wird dadurch aber populärer und das weckt dann leider auch die Neugierde. Ich sehe da eher einen auffordernden als einen abschreckenden Charakter.

Dr. Peter Subkowski war auch bei „Osnabrücker Land und Leute“ bei os1.tv zu Gast.


Crystal Meth könnte bald auch in der Region Osnabrück bei Drogenkonsumenten eine große Rolle spielen, befürchtet der Suchtmediziner Dr. Peter Subkowski. Er ist ärztlicher Direktor der Paracelsus-Berghofklinik in Bad Essen.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Amphetamine in großen Mengen hergestellt und vor allem wegen ihrer stimulierenden und schlafverhindernden Wirkung vorwiegend von Soldaten konsumiert. Ende der 40er Jahre waren sie zunächst vor allem unter Lastwagenfahrern und Studenten verbreitet, fanden aber in den folgenden Jahrzehnten immer weitere Konsumentengruppen. Aufgrund des offensichtlich werdenden Suchtpotenzials und der Zunahme akuter Vergiftungserscheinungen und Amphetaminpsychosen wurden Verkauf und Verordnung von Amphetaminpräparaten weltweit zunehmend beschränkt. Mit der Einschränkung des legalen Handels entwickelte sich gleichzeitig in großem Maßstab ein illegaler Markt, der in Verbindung mit der neuen Disco- und Partykultur der 90er Jahre gravierend an Umfang gewonnen hat. (Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen/“Die Sucht und ihre Stoffe -Eine Informationsreihe über die gebräuchlichen Stoffe - 2“)

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