Totschlagsfall in Erding U-Haft des Frauenarztes erneut auf dem Prüfstand

Von Sebastian Stricker

Nach einem halben Jahr U-Haft prüft das Oberlandesgericht München von Amts wegen die Mordermittlungen gegen einen Osnabrücker Frauenarzt. Unser Bild von Dezember 2013 zeigt das Reihenhaus im Erdinger Ortsteil Pretzen, in dem das Paar lebte. Foto: Günter Herkner/Erdinger AnzeigerNach einem halben Jahr U-Haft prüft das Oberlandesgericht München von Amts wegen die Mordermittlungen gegen einen Osnabrücker Frauenarzt. Unser Bild von Dezember 2013 zeigt das Reihenhaus im Erdinger Ortsteil Pretzen, in dem das Paar lebte. Foto: Günter Herkner/Erdinger Anzeiger

Osnabrück. Wochenlang haben sich zwei bayerische Gerichte mit der Haftbeschwerde des Osnabrücker Frauenarztes befasst, der Ende 2013 in Erding seine Ehefrau getötet haben soll. Am Ende entschieden beide: Der 54-Jährige bleibt in Untersuchungshaft. Doch möglicherweise gilt dieses Wort nicht mehr lange. Denn schon bald schauen sich die Richter den Fall erneut und immer wieder an – von Amts wegen und in kurzen, regelmäßigen Abständen.

Weil Haftsachen von den Ermittlern beschleunigt behandelt werden müssen, sieht das Gesetz nach Ablauf von sechs Monaten – im vorliegenden Fall also Anfang Juni – eine routinemäßige Haftprüfung vor. Dann müssen weitere triftige Gründe her, um bei ausstehendem Urteil die Fortdauer der Untersuchungshaft zu rechtfertigen. Laut Strafprozessordnung können dies besonders schwierige oder außergewöhnlich umfangreiche Ermittlungen sein. Die Staatsanwaltschaft Landshut hält solche Umstände im Fall des Osnabrücker Gynäkologen für gegeben. „Ich gehe nicht davon aus, dass er rauskommt“, sagt Sprecher Markus Kring.

Zuständig für die Entscheidung über den weiteren Vollzug des Haftbefehls ist das Oberlandesgericht München. Das ist mit dem Totschlagsfall in Ansätzen vertraut , seit es mit Beschluss vom 8. April einen Widerspruch gegen die Ablehnung der Haftbeschwerde durch das Landgericht Landshut zurückwies. Dabei wurden jedoch nur die Punkte geprüft, die der Haftbeschwerdeführer selbst vorgebracht hat. Die nun anstehende gesetzliche Haftprüfung ist umfassender.

Über die Generalstaatsanwaltschaft bekommt das OLG die Akten der ermittelnden Strafverfolgungsbehörde also zum wiederholten Mal auf den Tisch. „Spätestens mit Ablauf der Frist müssen sie bei uns sein“, erklärt Sprecherin Andrea Titz das Verfahren. Dann werde „sehr genau“ und binnen weniger Tage geprüft, ob „dem Beschleunigungsgebot Rechnung getragen, also bei den Ermittlungen nichts verschludert wurde“. So soll verhindert werden, dass unter Umständen „wochenlang gar nichts passiert“, während ein Tatverdächtiger – möglicherweise zu Unrecht – im Gefängnis schmort. Titz: „Es gilt ja nach wie vor die Unschuldsvermutung.“ Allerdings hält auch die OLG-Sprecherin eine Freilassung des früheren Chefarztes des Osnabrücker Marienhospitals gegenwärtig für unwahrscheinlich. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er bald auf freien Fuß gelangen könnte.“

Bleibt der Haftbefehl auch nach der vorgeschriebenen Halbjahresprüfung bestehen, wird der Fall alle drei Monate erneut geprüft – bis die Hauptverhandlung eröffnet ist, sprich der mutmaßliche Täter sich vor Gericht verantworten muss. Ein Anklagetermin sei jedoch bislang nicht absehbar, wie Oberstaatsanwalt Markus Kring sagt. „Über einen möglichen Zeitpunkt gebe ich keine Prognose ab. Das wäre unredlich.“ Akteneinsicht der Verteidigung, mögliche Einwendungen und Beweisanträge könnten eine Anklageerhebung verzögern. „Keiner kann vorhersehen, was da kommt.“ Ohnedies würden Staatsanwaltschaft Landshut und die Kripo in Erding noch auf wichtige Labor- und andere Untersuchungsergebnisse warten. „Es fehlen noch Auswertungen kriminaltechnischer Art, außerdem Gutachten aus dem psychiatrisch-psychologischen Bereich“, erklärt Kring. Im Klartext: Es wird der Geisteszustand des Medizinprofessors geprüft – wichtig für die Frage der Schuldfähigkeit. Doch was genau verbirgt sich hinter den kriminaltechnischen Gutachten? „Blutspritzer-Analysen, Tatort-Rekonstruktionen, DNA- und Fasergutachten – das kennt man doch aus dem Fernsehen.“ Das seien jedoch nur Beispiele, betont der Oberstaatsanwalt. „Was es im konkreten Fall ist, werde ich nicht sagen – ich will ja nicht unsere Beweisführung offenlegen.“

Gewohnt zurückhaltend fällt auch die Stellungnahme des Verteidigers aus: Er wolle zunächst die neuen Ermittlungsergebnisse abwarten, ehe „weitere Schritte“ in Betracht gezogen würden, teilte Strafrechtsanwalt Maximilian Müller aus München auf Nachfrage mit. Inhaltlich wolle er sich nach wie vor nicht zum Verfahren äußern.