Talente erkennen und entwickeln Forschungsprojekt für mehr Kompetenz im Handwerk

Sie wollen das heimische Handwerk für die Zukunft rüsten: (von links) Heinz-Gert Schlenkermann (Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim), die Professoren Frerich Frerichs (Universität Vechta) und Simone Kauffeld (Technische Universität Braunschweig), Eckhard Sudmeyer (Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade) und Andreas Ennen von der Firma EBM in Osnabrück. Foto: Uwe LewandowskiSie wollen das heimische Handwerk für die Zukunft rüsten: (von links) Heinz-Gert Schlenkermann (Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim), die Professoren Frerich Frerichs (Universität Vechta) und Simone Kauffeld (Technische Universität Braunschweig), Eckhard Sudmeyer (Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade) und Andreas Ennen von der Firma EBM in Osnabrück. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Rasant fortschreitende Technik, wachsender Arbeitsdruck, dazu ständig neue Aufgaben, die zunehmend Kenntnisse und Fertigkeiten aus anderen Gewerken erfordern: Handwerkern wird heute in ihrem Beruf deutlich mehr abverlangt als früher. Ein großes Forschungsprojekt soll nun dazu beitragen, heimische Betriebe und Mitarbeiter fit zu machen für die gegenwärtigen und kommenden Anforderungen der Branche.

„Integrierte Kompetenzentwicklung im Handwerk“ – kurz: In-K-Ha – lautet der sperrige Name dieser Studie, die am Donnerstag in Osnabrück mit einer Präsentation in der Handwerkskammer begann. Angelegt auf drei Jahre, hat sie zunächst die Gewerke Metall, Elektro, Kraftfahrzeugtechnik (Kfz) und Sanitär-Heizung-Klima (SHK) im Blick.

Geschultert wird das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt von fünf regionalen Partnern: der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim und ihrer Berufsbildungs- und Servicegesellschaft BUS, außerdem der Technischen Universität Braunschweig, der Universität Vechta, der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade sowie – exemplarisch für alle Betriebe – dem Osnabrücker Elektrotechnik-Unternehmen EBM. Dessen Geschäftsführer Andreas Ennen weiß besonders gut um die Notwendigkeit, Antworten auf jene Fragen zu finden, die sich unter anderem durch zunehmenden Fachkräftemangel, alternde Belegschaften und veränderte Kundenwünsche stellen. „Gewerkeübergreifende Kompetenzen werden immer wichtiger, ob zwischen Elektro und SHK oder Elektro- und Kfz-Handwerk“, sagt Ennen. Diese Fertigkeiten und Schnittmengen gelte es ausfindig zu machen und künftig in verschiedene Berufsbilder aufzunehmen.

Auch aus Sicht der örtlichen Handwerkskammer-Spitze lohnt es sich, „eine integrierte Kompetenzentwicklung im Handwerk wissenschaftlich gestützt zu entwickeln und umzusetzen“, wie Hauptgeschäftsführer Heinz-Gert Schlenkermann es formuliert. Qualifizierung der Belegschaften – abseits der klassischen Weiterbildung – sei im Tagesgeschäft oft schwierig. Dabei mache der kompetente Umgang mit neuen Technologien und Aufgabenbereichen nicht nur die Betriebe wettbewerbsfähiger. Letztlich profitiere jeder einzelne Beschäftigte davon, besonders was seine persönliche Einsatzfähigkeit und Berufslaufbahn betrifft, so der Kammerchef.

Beispiel Waschmaschine

Doch was genau verstehen die Projektpartner eigentlich unter dem Begriff Kompetenz? „Wir fassen damit Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen zusammen, das zur Erledigung der täglichen Arbeit notwendig ist“, erklärt Simone Kauffeld, Professorin für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie an der TU Braunschweig. Sie verdeutlicht es am Beispiel einer kaputten Waschmaschine: Kennt der Elektriker die Apparatur, verfügt er über Fachkompetenz. Weiß er, wie er den Fehler findet, hat er außerdem Methodenkompetenz. Sozialkompetenz kommt hinzu, wenn der Elektriker dem Kunden den Defekt erläutern kann. Merkt der Handwerker, dass er Hilfe braucht, spricht die Wissenschaft von Selbstkompetenz. „Alles das wollen wir untersuchen und Methoden entwickeln, die den Betrieben und ihren Mitarbeitern unmittelbar zugute kommen“, kündigt Kauffeld an. Dazu gehöre auch herauszufinden, wie man Kompetenzen im Handwerk überhaupt systematisch erfassen kann. Sprich: Wie lassen sich Anforderungsmängel der Mitarbeiter erkennen und abstellen? Und wie können brachliegende Talente gewinnbringend für das Unternehmen genutzt werden?

Kauffeld denkt da zum Beispiel an „Soll-Profile“ für alle Hierarchiestufen – vom Azubi über Gesellen und Meister bis zum Firmenchef. „So könnte man sehr schön sehen, wo die Mitarbeiter stehen und was ihnen möglicherweise fehlt, um ihren Job auch in Zukunft gut machen zu können.“ Doch unter dem Strich seien solche Fragen „bis heute nicht ausreichend beantwortet“, betont der zweite akademische Kopf des Projekts, Prof. Frerich Frerichs, Leiter des Fachgebiets „Altern und Arbeit“ am Institut für Gerontologie (Alterswissenschaft) an der Uni Vechta.

Handwerksbetriebe aus den teilnehmenden Bezirken sind nun aufgerufen, sich in die Studie einzubringen. Im Gegenzug kommen sie dann als Erste in den Genuss alltagstauglicher Werkzeuge, die In-K-Ha hervorbringt.


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