Interview mit Schwester Eva-Maria Die Goldene Regel zum Glücklichsein

Schwester Eva-Maria Siemer, Leiterin der Berufsbildenden Schulen im Marienheim Sutthausen. Foto: Jörn MartensSchwester Eva-Maria Siemer, Leiterin der Berufsbildenden Schulen im Marienheim Sutthausen. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Ordensschwester Eva-Maria Siemer kennt die Goldene Regel zum Glücklichsein: „Behandle andere so, wie du auch von ihnen behandelt werden möchtest.“ Wenn sich alle daran hielten, hätten wir den Himmel auf Erden, sagte die Leiterin der Berufsbildenden Schulen im Marienheim Sutthausen in unserem Glücks-Interview.

Schwester Eva-Maria, wann sind Sie glücklich?

Jetzt.

Warum?

Hier, hinter meinem Schreibtisch an der Wand, hängt eine Karte, die lag mal einer Zeitung bei. Sehen Sie: „Ich lebe jetzt!“ steht darauf. Glücklich zu sein ist kein kurzzeitiges Gefühl, sondern etwas Dauerhaftes. Glück fällt einem zu, glücklich sein kommt von innen und ist auch eine Entscheidungsfrage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Ich würde diesen Zustand so ausdrücken: Ich bin gut zufrieden.

Hilft Ihnen Gott, glücklich zu sein?

Ja, natürlich. Ich bin überzeugt, dass Gott mich berufen hat. Ich habe zu dieser Berufung ja gesagt und es bis heute nicht bereut. Es war die richtige Entscheidung, anders hätte ich wahrscheinlich nicht glücklich sein können. Papst Franziskus hat übrigens den „Glauben als Kompass zum Glück“ bezeichnet. Ich glaube daran, dass Gott das Glück eines jeden Menschen will.

Wie erkennt der Mensch das?

In der Bibel kommt das Wort Glück besonders in den Psalmen des Alten Testamentes vor und im Neuen Testament vor allem in den Seligpreisungen. In einigen Übersetzungen wird ja auch das Wort „glücklich“ anstelle von „selig“ verwendet. Da heißt es zum Beispiel: „Glücklich sind die Traurigen, denn Gott wird sie trösten.“ Die Seligpreisungen wurden oft auf das Jenseitige hin interpretiert, in dem Sinn, dass wir die Tröstung und die Seligkeit erst später im Himmel haben werden. Aber so ist es nicht gemeint. Es geht um das Hier und Jetzt. Es geht darum, auch mal eine schlechte Phase auszuhalten, Sinn und Tiefe ins Leben zu bringen, gerade wenn das Leben noch so gegen mich spielt. Wenn uns das geschenkt ist, ist das etwa kein Glück?

Da widerspreche ich nicht. Wie kann der Glaube helfen, wenn ich unglücklich bin?

So kann man die Frage nicht stellen, finde ich. Der Glaube kann helfen, wenn mich ein Unglück trifft, weil ich genau weiß: Einer steht immer zu mir. Ich glaube, Gott wirkt durch Freunde oder Familie - und in meinem Fall auch durch die Mitschwestern. Ich habe in Gott immer einen Ansprechpartner, mit dem ich mein Unglück, Schweres und Belastendes teilen kann. Wie wichtig das sein kann, erleben wir hier auch im Schulalltag, wenn Schülerinnen oder Schüler einen lieben Menschen verlieren. Vor gar nicht langer Zeit gab es so einen Fall. Ich habe einer Klasse die schlimme Nachricht überbracht, es war mucksmäuschenstill in der Klasse. Wir sind dann zusammen in die Kapelle gegangen, wir haben frei gebetet und Kerzen angezündet. Dadurch fanden die Schüler Halt, das hat ihnen gut getan, wie ich aus den Rückmeldungen hörte. Das ist auch etwas, wo wir uns als Christen zeigen sollten – bei denen zu sein, die uns brauchen und das zu tun, was dran ist.

Gibt es Momente, in denen Sie sich vom Glück verlassen fühlen?

Sicher gibt es die. In Momenten der persönlichen Enttäuschung – über mich selbst und auch über andere Menschen.

Wie begegnen Sie Menschen, die mit sich und allem unzufrieden sind und ihr Glück vielleicht darin finden, allen ihr Unglücklichsein zu zeigen.

Ich lasse sie erzählen.

Und dann?

Dann halte ich mich daran, was eine Mitschwester einmal im Noviziat gesagt hat. Das fand ich sehr beeindruckend. Sie sagte, wir beschäftigen uns ständig mit Krankheiten und dem, was dem Körper fehlen könnte, statt uns zu wundern, was alles gut funktioniert. So viele Millionen Körperzellen arbeiten zusammen, das ist doch Anlass genug, sich zu freuen und dankbar zu sein. Dankbarkeit und Glücksgefühl hängen eng zusammen. Und Pessimisten haben am Ende vielleicht Recht, aber Optimisten geht es besser.

Die Pädagogik-Professorin Ulrike Graf, die wir vorige Woche zum Thema Glück interviewten , spricht sich für ein Schulfach Glück aus. Wie findet das Thema in Ihrem Schulalltag im Marienheim statt?

Zum Beispiel im Morgenkreis, der in jeder Klasse am Montagmorgen zur Einstimmung auf die Woche stattfindet. Damit wollen wir die Jugendlichen aus dem Wochenende abholen und ihnen Raum geben, zu sich selbst zu finden und zu fragen: Wie geht es mir? Aber auch zu fragen: Wie geht es den anderen und der Klasse? In der Mittel des Stuhlkreises wird jeweils ein Thema dargestellt, das bereiten die Lehrer entsprechend vor. Alles, was gesagt wird, bleibt in diesem geschützten Kreis. Alle wissen sich in ihrem Sein angenommen.

Geben Sie mir einen Rat: Wie kann ich glücklich werden?

Beherzigen Sie einfach die Goldene Regel, die es in allen Weltreligionen gibt: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.“ Das gilt auch umgekehrt: „Behandle andere so, wie du auch von ihnen behandelt werden möchtest.“ Wenn das alle Menschen täten, hätten wir den Himmel auf Erden.

Die Goldene Regel zum Glück…

…die jeder selbst für sich umsetzen muss. Glück kann man nicht weitergeben.

Wie meinen Sie das?

Ich erzähle gern sinntiefe Geschichten, um solche Dinge zu verdeutlichen. Kennen Sie die mit dem König und dem Glück?

Nein. Erzählen Sie.

In einem fernen Land lebte ein König, der sehr krank war, und er befahl seinen Kindern, sie sollten in der ganzen Welt nach einem glücklichen Menschen suchen, und wenn sie ihn gefunden haben, dann sollte er ihnen sein Hemd geben, damit sie es ihm bringen und er wieder gesund würde. Die Kinder machten sich auf und gingen umher, aber sie fanden keinen Glücklichen, und sie kehrten wieder heim in ihre Haus. Da plötzlich sahen sie in der Ferne ein Licht. Sogleich brachen sie wieder auf, und gingen auf das Licht zu, aber als die näher zum Licht kamen, fanden sie einen Menschen, der ganz allein im Freien saß. Sie setzten sich hin und lauschten, und augenblicklich hörten sie, wie er sagte: „Gott sei Dank. Schön habe ich auch diesen Tag verbracht. Ich bin der Allerglücklichste. Gott sei Dank. Wie glücklich ich bin!“ - „ Wenn du so glücklich bist, dann gib uns dein Hemd, damit wir es unserem Vater bringen und er wieder gesund wird.“ Aber da sahen sie: Der Mann war so arm, dass er gar kein Hemd besaß.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN