Osnabrücker Radaktivist Daniel Doerk „Neumarkt sollte für Autos für immer gesperrt bleiben“



Osnabrück. Radfahren in Osnabrück kann bisweilen eine Qual sein. Der Radaktivist Daniel Doerk beschäftigt sich in seinem Blog ausführlich mit der Verkehrssituation für Radler. Doerk ist Mitglied der Grünen, bloggt aber parteiunabhängig, wie er betont. Doerk erklärt, warum er keine Radwege mag und warum der Neumarkt für immer für Autos gesperrt bleiben sollte.

Herr Doerk, wann haben Sie zuletzt selbst hinterm Autosteuer gesessen und sich über einen Radfahrer geärgert?
Das kann ich gar nicht genau sagen. Umso länger ich mich mit dem Radfahren beschäftige, umso eher sehe ich den Verkehr aus der Perspektive von Radfahrern.

Sie bezeichnen sich auf Ihrem Twitteraccount selbst als Kampfradler, warum?
Das ist natürlich ein bisschen augenzwinkernd gemeint. Für manche Leute ist man bereits ein Kampfradler, wenn man nicht auf den Radwegen fährt. Die meisten Leute wissen gar nicht, dass Radwege nur ein Angebot sind und kein Muss. Jedenfalls, wenn nicht die blauen Schilder dort stehen, die darauf hinweisen, dass man ihn nehmen muss. Aber selbst dann fahre ich bisweilen auf der Straße.

Hier geht es zum Blog von Daniel Doerk

Was haben Sie denn gegen Radwege?
Ich habe nichts gegen Radwege im Allgemeinen, aber ich habe was gegen Hochbordradwege. Die werden immer dann gefährlich, wenn sie sich mit Querstraßen oder Einfahrten kreuzen, das zeigt die Unfallstatistik. In der Regel nehmen Autofahrer Radfahrer auf Hochbordradwegen schlechter wahr.

Was sind denn gute Radwege?
Es gibt den Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, der durch eine durchgezogene Linie gekennzeichnet ist. Der ist für den Autofahrer tabu. Zusätzlich müssten Autofahrer 1,5 Meter Sicherheitsabstand halten, wenn sie einen Radfahrer überholen. Das Problem ist: Das machen sie nicht, weil sie denken, dass der Bereich des Radfahrers erst hinter der Linie anfängt, dementsprechend nah kommen sie ran. Übrigens parken in Osnabrück Autofahrer auch ständig auf Radfahrstreifen, auch wenn sie das nicht dürfen.

Das heißt, am liebsten fahren Sie auf der Straße?
Ja, da fühle ich mich am wohlsten. Ich kann Abstand zu parkenden Autos halten und Autofahrer können mich nur überholen, wenn gerade kein Gegenverkehr kommt.

Sie fahren mitten auf der Straße?
Nein, nicht in der Mitte. Aber soweit links, dass mich jedenfalls rein rechtlich kein Auto mehr überholen dürfte, wenn Verkehr auf der Gegenfahrbahn ist.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo liegt Osnabrück in puncto Radfahrerfreundlichkeit?
Irgendwo im Mittelfeld. Bei 5 würde ich sagen.

Der neue Graben ist mal als Ersatzautobahn bezeichnet worden. Für Radfahrer nicht so entspannt, oder?
Da fehlt jede Infrastruktur für Radfahrer, und die Straße ist zweispurig in beide Richtungen. Da wird seitens der Autofahrer also schneller gefahren. Wenn ich von der Martinistraße komme und bis zum Wall fahre, ist mit dem Radfahrstreifen Schluss, danach kommt eine Art Lückensystem.

Hier gibt es mehr Informationen zum Neumarkt

Stichwort Neumarkt.
Das ist im Prinzip die Fortführung des Neuen Grabens. Aber laut Stadt soll da ja nach dem Umbau alles besser werden. Wenn es nach mir geht, sollte der Neumarkt für Autos für immer gesperrt bleiben. Nach acht Monaten, wo dort zwangsweise keine Autofahrer fahren dürfen, wird sich ohnehin rausstellen, dass man den Neumarkt für den Autoverkehr nicht braucht. Die Autofahrer werden dann auch anders zurechtkommen. Insgesamt könnte man den Neumarkt ohne Autos sicherlich lebenswerter machen.

Und Blümchen pflanzen?
Ja, warum nicht? (lacht). Ganz ernsthaft könnte man mal über einen innerstädtischen Park nachdenken. Außer dem Schlossgarten gibt es ja nicht viel. Radfahren hat ja auch was mit Lebensqualität zu tun. Die Infrastruktur dafür ist deutlich platzsparender als für den motorisierten Verkehr. Der nimmt sowieso schon sehr viel öffentlichen Raum in Anspruch, der viel sinnvoller genutzt werden könnte.

Wo müsste noch dringend was für Radfahrer getan werden?
An der Martinistraße. Wenn man aus der Stadt kommt, wird man praktisch durch das Katharinenviertel gezwungen. Aber es gibt offenbar keine politischen Willen, die Straße für Radfahrer vernünftig zu gestalten.

Wo gibt es noch Probleme?
An der Lotter Straße. Auf dem Stück vom Heger Tor bis zur Straße Am Kirchenkamp fahren die Radfahrer auf den Gehweg, weil sie sich auf der Straße nicht sicher fühlen. Da könnte man problemlos eine Tempo-30-Zone einrichten, in der sich Rad- und Autofahrer die Straße teilen. Das wäre für alle entspannter. Das Gleiche gilt übrigens für den inneren Wallbereich. Da kann man praktisch eh nicht schneller fahren und natürlich für alle Wohngebiete.

Sie sind Mitglied am Runden Tisch Radverkehr der Stadt Osnabrück. Ist das ein effizientes Gremium?
Das kann ich noch nicht wirklich beurteilen. Ich war erst zweimal da. Insofern habe ich da noch keine Erfahrungswerte. Alle können da ihre Meinung sagen und Anregungen geben, das ist ja schon mal gut.

Gibt es denn auch was Positives zum Thema Radverkehr in Osnabrück zu sagen?
Klar, es ist ja auch nicht so, dass gar nichts passiert. Die neuen Radfahrstreifen an der Bohmter Straße zum Beispiel. Die sind schön breit und komfortabel. Oder das neue Parkkonzept für Fahrräder in der City. Endlich wird es deutlich mehr Abstellmöglichkeiten geben - vor allem am Jürgensort wird es Zeit. Und die Radschnellwege, über die die Stadt nachdenkt, wären natürlich auch super. Gerade nach der ebenfalls positiven Kampagne „Osnabrück sattelt auf!“ im letzten Jahr müssen jetzt Taten folgen.

Vor ein paar Wochen ist am Wall an der Kreuzung Johannistorwall/ Kommenderiestraße ein Ghostbike aufgestellt worden. Wie lange soll das Rad da stehen bleiben?
Der Vater des Radfahrers, der dort ums Leben gekommen ist, hat den Schlüssel bekommen. Wenn er es nicht da stehen haben will, kommt es natürlich sofort weg. Wenn es nach mir ginge, sollte es aber mindestens noch so lange dastehen, bis die Stadt den Bereich für Radfahrer sicherer gemacht hat.

Ist noch das Aufstellen weiterer Ghostbikes geplant?
Von meiner Seite aus nicht. Ich hoffe nicht, dass es noch mal Grund dazu geben wird.

Wie sähe die ideale Fahrradstadt aus?
Amsterdam ist schon fast paradiesisch. Da wird bei der Verkehrsplanung der Radverkehr direkt mitgedacht und ist nicht nur ein Anhängsel der Autostraßen. Radwege laufen dort komplett ebenerdig und alles erklärt sich von selbst.


Der Radaktivist und Blogger Daniel Doerk spricht sich dafür aus, den Neumarkt in Osnabrück auf Dauer für Autos zu sperren. Zudem sieht er noch einige andereBaustellen in puncto Radverkehr, wo die Stadt dringend handeln müsste.

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