Hartwig Ahrens im Interview Widerstand der Lehrer gegen das Land geht weiter

Interview im Klassenraum: Hartwig Ahrens (links) im Gespräch mit NOZ-Radakteur Dietmar Kröger. Foto: Hermann PentermannInterview im Klassenraum: Hartwig Ahrens (links) im Gespräch mit NOZ-Radakteur Dietmar Kröger. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Die niedersächsischen Gymnasiallehrer wollen weiter gegen die Heraufsetzung der Zahl ihrer Unterrichtsstunden von 23,5 auf 24,5 kämpfen. Das hat Hartwig Ahrens, Sprecher des Plenums der Personalräte an niedersächsischen Gymnasien (PPNG), im Politiktalk der Neuen Osnabrücker Zeitung bekräftigt. Das Interview wird am Mittwoch, 30. April, im regionalen Fernsehsender os1.tv ausgestrahlt.

Ahrens unterstrich noch einmal die Verärgerung der Lehrer über den „Wortbruch“ von Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt. „Wir hatten mit dem Land vereinbart, ihm einen Kredit in Form von Arbeitsstunden zu geben. Das war im Jahr 2000. Damals wurde eine Rückzahlung dieser Stunden ab 2013 bis zum Jahr 2023 vereinbart. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass es während der Rückzahlungsphase keine Stundenerhöhung geben wird. An diese Vereinbarung fühlt sich die Landesregierung nun offensichtlich nicht mehr gebunden.“ Die Lehrerschaft fühlt sich hinters Licht geführt und hat dementsprechend reagiert: Sie strich freiwillige Leistungen, wie zum Beispiel Klassenfahrten.

Die Lehrer folgen damit einem Vorschlag ihrer Ministerin. Heiligenstadt selber hatte die Lehrer aufgefordert, außerunterrichtliche Arbeitszeit, mithin Zeit für freiwillige Leistungen, in die unterrichtliche Arbeitszeit zu verschieben. „Genau das tun wir jetzt.“

Ahrens kündigt an, dass die Verbände, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie der Philologenverband, eine Klage gegen die Entscheidung der Landesregierung prüfen wollen. Gleichzeitig soll erstmalig beispielhaft an einem Hannoveraner Gymnasien eine Studie zur Arbeitsbelastung von Gymnasiallehrern durchgeführt werden.

Ahrens rechnet vor, dass ein Kollege am Gymnasium bis zu 300 Schüler pro Schuljahr unterrichtet inklusive Korrekturen von Klassenarbeiten, Unterrichtsvor- und nachbereitung, Konferenzen und Elterngespräche. Unter dem Strich ergibt sich so pro Unterrichtsstunde eine effektive Arbeitszeit von durchschnittlich mindestens zwei Stunden. Eine Unterrichtsstunde Plus bedeutet also insgesamt drei Stunden Arbeit mehr für jeden Lehrer. Verschärfend komme hinzu, dass die zugesagte einstündige Altersermäßigung für Kollegen ab dem 55. Lebensjahr und die zweite Stunde der Altersermäßigung ab dem 60. Lebensjahr von der Landesregierung „vertragswidrig“ gestrichen wurden.

Das hat laut Ahrens massive Auswirkungen auf Neueinstellungen. Allein am Ratsgymnasium würden durch die Maßnahmen der Landesregierung etwa Lehrerstunden im Gegenwert von fünf Vollzeitstellen zusammengespart. Die Behauptung, es würden neue Stellen geschaffen, sei unter diesen Voraussetzungen kritisch zu hinterfragen. „Um wieviel neue Stellen handelt es sich tatsächlich, und wo werden nur Kollegen ersetzt, die zum Beispiel in Pension gehen“, möchte der PPNG-Sprecher gerne von der Landesregierung wissen. Diese sei eine dezidierte Antwort auf diese Frage bislang schuldig geblieben. Eine Entlastung der Lehrer durch die Abschaffung von G8 und die Wiedereinführung von G9, also die Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren, zweifelt Ahrens an. „Ich kann darin keine Entlastung erkennen.“ Die Gymnasiallehrer fürchten eher eine zusätzliche Arbeitsbelastung, da nun die mühselig auf G8 umgestrickten Lehrpläne wieder auf G9 zurückgeschrieben werden müssen. „Das ist eine weitere zusätzliche Aufgabe, die wir leisten müssen.“

Die Lehrer sähen nicht ein, so Ahrens, dass die Investitionen in das Bildungssystem von ihnen getragen werden sollen. Und auch der Vergleich mit anderen Bundesländern, der von der Politik immer wieder ins Feld geführt werde, sei nicht überzeugend. „Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.“ So hätten die Kollegen in Nordrhein-Westfalen zwar tatsächlich eine Stunde Unterricht mehr, gleichzeitig sei aber die Zahl der Entlastungsstunden zum Beispiel für jene, die in der Oberstufe unterrichteten wesentlich höher.

Auch werde den Lehrern im Nachbarland eine Altersermäßigung von drei Stunden ab dem 60. Lebensjahr gewährt. Gleichzeitig werden hier in den Nebenfächern in der Sekundarstufe II jeine Klausuren mehr geschrieben, was den immensen Korrekturaufwand erheblich verringere. „Das vergisst die Landesregierung aber komischerweise immer zu erwähnen.“


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