Verkehrswissenschaftler im Interview ÖPNV-Flatrate als Chance für Osnabrücker Nahverkehr

Am Montag spricht Heiner Monheim in Osnabrück über die ÖPNV-Flatrate. Foto: privatAm Montag spricht Heiner Monheim in Osnabrück über die ÖPNV-Flatrate. Foto: privat

Osnabrück. Die Osnabrücker Klimaallianz setzt sich gemeinsam mit der Osnabrücker Sozialkonferenz für eine ÖPNV-Flatrate ein. Wie beim Semesterticket sollen dabei alle ihren Beitrag leisten – einmal im Jahr zahlen, jederzeit fahren. Die Fahrscheinautomaten könnten dann ins Museum. Der Verkehrswissenschaftler Prof. Heiner Monheim von der Universität Trier spricht dazu am Montag in Osnabrück. Vorab hat er uns ein Interview gegeben.

Osnabrück ist eine Stadt mit hohem Pendleranteil. Müsste die ÖPNV-Flatrate nicht auch gleich für die Umlandgemeinden gelten?

Sie haben völlig recht. Das gilt für alle Tariffragen, und die werden normalerweise in Verbünden geregelt. Das galt für die Umwelt-Abos in den 80er Jahren, die Semestertickets in den 90er Jahren und ebenso für die Jobtickets. Mit dem Bürgerticket ist die Breitenwirkung natürlich noch viel größer.

Stadt und Landkreis Osnabrück können sich nicht einmal auf einen Zuschuss für das Theater einigen. Wie soll eine ÖPNV-Flatrate da funktionieren?

Es gibt ja in Osnabrück durchaus einen regional organisierten öffentlichen Nahverkehr. Die Busse enden nicht an der Stadtgrenze. Wichtig ist, dass man das nicht als Bedrohung sieht, sondern als eine Chance, weil neues Geld in die Kassen kommt. Und über dieses Geld wird wie üblich bei Einnahmeaufteilungsprozeduren verfügt. Das ist im öffentlichen Verkehr eine lange Routine.

ÖPNV-Flatrate klingt sympathisch. Aber Klimaschutz hin oder her – die meisten Autofahrer reagieren wenig entzückt, sobald sie erfahren, dass auch sie dafür zahlen sollen, ob sie nun wollen oder nicht.

Das ist praktisch eine Solidarregelung, wie sie die Studenten beim Semesterticket mehrheitlich akzeptiert haben. Genau so funktioniert es bei der Krankenkasse. Jeder Versicherte zahlt, unabhängig davon, ob er Leistungen in Anspruch nimmt oder nicht. Solidarregelungen wie beim Semesterticket oder Kombiticket sind in vielen Bereichen eingeführt. Die Frage ist nur, wie man das kommuniziert. Ob die Mehrheit bereit ist, den großen Vorteil, den das bietet, zu nutzen. Alle Erfahrungen zeigen, dass das, wenn es gut kommuniziert wird, breite Akzeptanz findet. Deshalb würde ich auch nicht den Begriff Zwangsticket verwenden, der klingt sehr negativ, sondern Flatrate oder Solidarregelung.

Überzeugen Sie unsere Leser mit guten Argumenten.

Das Jobticket gilt für alle Mitarbeiter einer Firma, das Kombiticket für alle Besucher einer Sport- oder Kulturveranstaltung. Da fragt kein Mensch, ob sie das wollen oder nicht. Das ist in den Preis für die Eintrittskarte integriert. Beim Semesterticket werden alle Details vorher ausgehandelt, und dann funktioniert das. Warum soll beim Bürgerticket nicht auch die entsprechende Logik gelten? Der Landrat und der Oberbürgermeister setzen sich mit den Verkehrsanbietern an einen Tisch und handeln das aus.

In Frankreich gibt es ja schon solche Projekte. Wie steht es da um die Akzeptanz?

Dort gibt es die Versement Transport, eine Dienstgeberabgabe, die alle Betriebe mit mehr als neun Mitarbeitern bezahlen in Relation zur Lohn- und Gehaltssumme. Mit diesem Geld sind in Frankreich in den vergangenen Jahren sehr viele Straßenbahnprojekte entstanden. Die werden sehr gut angenommen und bescheren den Regionen einen Aufschwung. Gute Erreichbarkeit ist etwas, das ja auch der Wirtschaft sehr hilft. Am Ende geht es bei der Geschichte um ein gemeinsames zivilgesellschaftliches Anliegen, bei dem es gelingen soll, energiepolitische und klimapolitische Ziele umzusetzen.

Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die Flatrate reibungslos funktioniert?

Da ist zuerst einmal der Verkehrsbetrieb gefordert. Die Frage, wie teuer das ist, wird ja nicht mit Würfeln beantwortet, sondern bemisst sich nach dem Ansturm auf den öffentlichen Verkehr. Es gibt einen deutlichen Mehrbedarf an Fahrzeugen und Personal. Dieser Mehraufwand wird kalkuliert und umgelegt. Den Kosten stehen aber auch Einsparpotenziale gegenüber, so können sich die Verkehrsbetriebe den Aufwand für Vertrieb und Schwarzfahrer sparen. Wie überall steckt der Teufel auch hier im Detail, weil die bereits bestehenden Regelungen für Job- oder Semestertickets in die neue Struktur überführt werden müssen. Das ist kompliziert, aber es lohnt sich.

In Deutschland gibt es zwar Initiativen für eine ÖPNV-Flatrate, aber noch kein funktionierendes Projekt. Wo hakt’s denn?

Es ist sehr unverständlich und ärgerlich, dass der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen diesem Thema so reserviert gegenübersteht. Das war so ähnlich bei der Einführung der Umwelt-Abos in den 80er Jahren. Es hat fünf Jahre gedauert, bis die Pioniere aus Freiburg das bundesweit populär gemacht haben. Ähnlich lief es bei den Semestertickets. Dabei gibt es wohl kaum eine Neuerung, die den Verkehrsunternehmen so hohe Einnahmen generiert hat. Auch gegen die Cityplus-Regelung gab es zuerst viele Widerstände, also dass man mit der Bahncard 50 ein integriertes Generalabo hat und am Zielort mit dem öffentlichen Verkehr weiterreisen kann. Diese Regelung würde man mit dem Bürgerticket genauso hinkriegen. Um alles richtig zu machen, müsste man eine nationale Lösung verfolgen, so wie es in Dänemark und den Niederlanden angestrebt wird. Dann erübrigt sich auch die Frage, ob der Oberbürgermeister und der Landrat miteinander können.


Heiner Monheim (Jahrgang 1946) gehört zu den renommierten Verkehrswissenschaftlern in Deutschland. Der emerierte Professor der Universität Trier setzt sich für umweltfreundliche und stadtverträgliche Verkehrskonzepte ein, also für den Vorrang von Fahrrad, Bus und Bahn. Auf Einladung der Osnabrücker Klimaallianz spricht er am Montag, 28. April, um 19.30 Uhr im Zentrum für Umwelt und Kommunikation der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Sein Thema: „Die ÖPNV-Flatrate – Mobilität für alle, für eine schöne Stadt und Klimaschutz“.

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