Schwieriger Fall fürs Landgericht Exhibitionist verprügelt: Notwehr oder Selbstjustiz?

Blaue Flecken: Mehrere Fausthiebe bekam der mutmaßliche Exhibitionist ins Gesicht. Foto: dpaBlaue Flecken: Mehrere Fausthiebe bekam der mutmaßliche Exhibitionist ins Gesicht. Foto: dpa

Osnabrück. Ein Exhibitionist in der Nachbarschaft? Das war die Nachricht, die einen 50-jährigen Anwohner der Meller Straße vor einem Jahr aus dem Schlaf schrecken ließ. Mit Pfefferspray und Fausthieben setzte er dem mutmaßlichen Unhold zu, von dem er glaubte, dass er seine 16-jährige Tochter belästigt hätte. Wegen gefährlicher Körperverletzung muss er sich jetzt in einer Berufungsverhandlung vor dem Landgericht verantworten. Den Schamverletzer hatte das Amtsgericht schon zwei Monate nach der Tat zu einer Geldstrafe verurteilt.

Was genau am Abend des 15. April 2013 an der Meller Straße geschehen ist, konnte die Verhandlung bisher nur bruchstückhaft aufklären. Mehrere Zeugen haben gesehen, dass ein betrunkener Mann mit seinem elf Jahre alten Sohn von seiner Wohnung zu einer nahe gelegenen Pizzeria und zurück zog und mehrfach Passanten anpöbelte. Ob der 40-Jährige seinem Filius dabei immer wieder Backpfeifen verpasste oder lediglich mit ihm „herumkalberte“, wurde je nach Blickwinkel unterschiedlich beurteilt. Zwei Schülerinnen, die Prospekte verteilten, tat der Junge jedenfalls leid. Deshalb hefteten sie sich an die Fersen von Vater und Sohn.

Der erheblich alkoholisierte Vater bemerkte das und beleidigte die 17 und 15 Jahre alten Mädchen. Nach deren Zeugenaussagen zeigte er ihnen den Stinkefinger und zog dann auch noch seine Hose „leicht herunter“, wie es dazu wörtlich hieß. Ein Akt von Exhibitionismus, der nicht unbedingt auf einen Triebtäter schließen lässt, sondern wohl eher auf eine beleidigende Geste.

Über Handy waren Eltern und Familienangehörige schnell über das Geschehen informiert, und so fühlte sich auch der Vater einer 16-jährigen Nachbarin herausgefordert, die der exhibitionistischen Attacke gar nicht selbst zum Opfer gefallen war. Aus einem Nickerchen aufgewacht, stürzte der Staplerfahrer und gelegentliche Türsteher aus dem Haus und nahm sich den betrunkenen Nachbarn vor. Der ging trotz seiner Leibesfülle sofort zu Boden und jammerte über seine Schmerzen. Später wurden ein Monokelhämatom und eine Augapfelprellung diagnostiziert, im Gesicht soll er weitere blaue Flecken davongetragen haben.

Ein Fall von Selbstjustiz? So hatte es das Gericht schon in erster Instanz gesehen und den Schläger zu einer Bewährungsstrafe von sieben Monaten verurteilt. Doch das wollte der 50-jährige Angeklagte nicht so stehen lassen, und legte Berufung ein. Er habe in Notwehr gehandelt, sagte er zur Begründung, der Trunkenbold habe an der Bushaltestelle seine Tochter festgehalten. Als er, der Vater, dazugekommen sei, habe ihm der Unruhestifter auch noch Prügel angeboten.

Die Verhandlung wird am 7. Mai fortgesetzt.


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