Artilleriekaserne am Westerberg Unverbauter Blick zum Piesberg im Jahr 1915

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Osnabrück. 1902 baute die Stadt Osnabrück im Auftrag der preußischen Militärverwaltung eine neue Artilleriekaserne mitten in die Natur. Die Nordflanke des Westerbergs in der linken Bildhälfte, wo heute Zelterstraße, Gmünder Straße, Zum Schlehenbusch und so weiter ruhiges Wohnen ohne Artilleriegeschütz-Donner gewährleisten, war reine Ackerfläche. Der Blick geht aus der Kaserne über die Artilleriestraße hinweg zum Piesberg.

Die Sedanstraße hieß bis 1906 Atterscher Weg und war auch auf diesem Foto aus dem Jahr 1915 noch ein unbefestigter, unbebauter Weg, der etwa in Bildmitte den Abhang säumt. Über ihn marschierten die Truppen zum Übungsgelände Atterheide, wenn sie nicht vorher rechts abbogen zur Netterheide. Denn auch dort war Manövergebiet, zumindest bis 1911, bis dann die Flieger kamen.

Die Häuserreihe im Hintergrund dürfte den Verlauf der Natruper Straße und, weiter links, der Wersener Straße markieren. Der Schornstein, der aus der Häusergruppe links herausragt, könnte zu der Firma Rode & Frömbling gehören, die dort nach 1911 Stärke aus Reis fabrizierte. Der Piesberg wendet uns großflächig helle Abbau-Flanken zu. Diese Bereiche des Steinbruchs sind längst ausgebeutet, wurden nach dem letzten Krieg zur Mülldeponie umgewandelt, und auch die ist schon lange renaturiert, sodass wir heute den Piesberg aus Sicht der Stadt überwiegend grün erleben.

Garnisonsstadt

Osnabrück ist seit dem Ende der Franzosenzeit und der Zugehörigkeit zum Königreich Hannover Garnisonsstadt. Als nach 1871 im jungen Kaiserreich dem Militär bald eine größere Rolle zukam, reichten die Innenstadtkasernen am Ledenhof, im Schloss und am Dominikanerkloster nicht mehr aus. Ab 1898 entstand auf dem Westerberg die Caprivi-Kaserne für das erste Bataillon des Infanterieregiments 78, benannt nach General Caprivi, der sich als Generalstabschef im Krieg 1870/71 hervorgetan hatte und später preußischer Ministerpräsident und als Nachfolger Bismarcks Reichskanzler wurde.

Auch Artillerie und Kavallerie meldeten Platzbedarf an, und so kam es ab 1900 zum Bau der Artilleriekaserne zwischen Artillerie- und Barbarastraße. Die heilige Barbara wird als Märtyrerin verehrt, sie hatte sich im Angesicht von Verfolgung und Tod der Legende nach als besonders wehr- und standhaft erwiesen. Deshalb gilt sie all jenen Berufsständen als Schutzpatronin, bei denen es mitunter heiß und gefährlich zugeht: den Bergleuten, Hüttenarbeitern, Geologen und Glockengießern, aber auch den Schmieden, Dachdeckern, Elektrikern, Kampfmittelbeseitigern, Feuerwehrleuten und nicht zuletzt den Artilleristen. Insofern war die neue Kaserne zwischen Artillerie-, Barbara- und Sedanstraße, Letztere an die französische Ortschaft erinnernd, bei der die Preußen 1870 einen entscheidenden Schlachtensieg errangen, gut aufgehoben.

Gefangener de Gaulle

Auf dem historischen Foto ist zu erkennen, dass die Einfriedungsmauer den Sicherheitsanforderungen offenbar nicht genügte. Vor der Mauer ist ein übermannshoher Stacheldrahtzaun gespannt. Nicht etwa wegen der Gefahr von Terroranschlägen von außen, wie es die britische Garnison in den 1970er- und 1980er-Jahren handhaben musste, sondern um Fluchten aus dem Kasernen-Innern zu verhindern.

Von September 1914 bis zur Kapitulation 1918 diente die General-von-Stein-Kaserne, wie sie später nach dem Artilleriegeneral und Kriegsminister benannt wurde, als Lager für gefangene Offiziere der Kriegsgegner (wir berichteten ausführlich darüber in unserer Serie „100 Jahre Erster Weltkrieg“). Da die deutsche Stammbelegung an der Front stand, bot die Kaserne Platz für bis zu 500 Gefangene, vom Leutnant bis zum General. Auch der spätere französische Staatspräsident de Gaulle gehörte 1916 zu den Internierten.

Nach 1945 hielt die britische Besatzungsarmee Einzug, aus der Von-Stein-Kaserne wurden die „Woolwich Barracks“. 1957 übergaben die Engländer einen Teil des Geländes an die Bundeswehr. Bis zur Fertigstellung der General-Martini-Kaserne am Hauswörmannsweg machten Voraus-Einheiten der Fernmelder hier Quartier. Im Jahr 2009 endete die militärische Nutzung. Das Land Niedersachsen übernahm das 5,5 Hektar große Gelände als Erweiterung für beide Osnabrücker Hochschulen und Bindeglied zwischen den bestehenden Einrichtungen an Albrecht- und Caprivistraße und dem zukünftigen Wissenschaftspark nördlich der Sedanstraße. Mensa und Hörsaalgebäude des neuen Hochschulcampus sind bereits in Nutzung.


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