Jürgen Bendszus im Gespräch Der Schlüssel zum Glück? Interview mit Osnabrücker Psychologen

Die Gedanken schweifen zu lassen und auch Sehnsucht zu erleben – das gehört für Jürgen Bendszus mit auf den Weg zum Glück – mit dem er sich auch auf seiner Homepage www.gelingendesleben.de beschäftigt. Foto: Michael GründelDie Gedanken schweifen zu lassen und auch Sehnsucht zu erleben – das gehört für Jürgen Bendszus mit auf den Weg zum Glück – mit dem er sich auch auf seiner Homepage www.gelingendesleben.de beschäftigt. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Fragen nach dem Glück sind für Jürgen Bendszus beständige Begleiter seiner Arbeit in der Volkshochschule. Dort ist der Psychologe und Psychotherapeut Leiter des Fachbereichs für den zweiten Bildungsweg, Psychologie und Pädagogik.

Herr Bendszus, wie werde ich ein glücklicher Mensch?

Ich scheue mich ein wenig davor, diese Frage ohne Umschweife zu beantworten. Heute wird häufig der Eindruck erweckt, als sei alles machbar. Die Erwartung, mithilfe von Techniken oder Rezepten glücklich zu werden, halte ich für bedenklich. Die Jagd nach dem Glück und die Vorstellung, es herstellen zu können, finde ich problematisch. Dazu kommt: Jeder Mensch hat andere Vorstellungen von Glück.

Gleichzeitig streben alle nach Glück.

Für viele ist Glück ein angenehmes Hochgefühl, und wenn man es steigert, kommt es zu einem Kick, dem totalen Wohlgefühl, das alles andere vergessen lässt. Vor allem junge Leute suchen Situationen, in denen sie ein High-Gefühl erleben. Wenn sie an Casting-Shows teilnehmen, möchten sie erleben, im Mittelpunkt zu stehen und Beifall und Zuwendung zu gewinnen. Doch dieses kurze Glück hat Schattenseiten. Niemand kann auf einem dauernden Erregungszustand bleiben. Und wir können ja nicht immer auf der Sonnenseite leben. Auch nicht die Stars, die wir oft als eine Art Glücksboten sehen und auf die wir unsere Erwartungen projizieren. Stars scheitern oft. Ich habe früher die Musik von Whitney Houston gehört, sie war ein strahlender Star, die auf ihren Tourneen viele High-Gefühle erlebt hatte. Tragisch war ihr künstlerischer Absturz bei den letzten Konzerten. Und dann fand man sie 2012 tot in der Badewanne.

Viele scheinen das Glück in materiellen Dingen oder in ihrer Rolle in der Gesellschaft zu suchen.

Die Dinge nutzen sich ab. Ich bin vielleicht stolz auf mein neues Auto – aber wie lange? Was gesellschaftliche Normen für das Glück angeht: Status ist für viele ganz wichtig – und damit die Frage, wie er zu erreichen und erhalten ist. Dann besteht die Gefahr, sich bis zum Burn-out zu überarbeiten. Da machen Körper und Seele nicht mit.

Dann verhindert der Stress im Alltag das Glück?

Ja, wenn der Alltag als negativ empfunden und alles auf das Wochenende gesetzt wird. Dann kommt es zu einem Hoch und Runter. Trotz aller Beschwichtigungen aus der Politik über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht in der Arbeitswoche das Firmenglück oben.

Etwas scheint mit den Maßstäben nicht zu stimmen.

Wer es nicht schafft, eigene Normen zu entwickeln für ein gelungenes, glückliches Leben und sich selbst anzunehmen, kann unglücklich werden. Wichtig ist, sich von äußeren Maßstäben für Glück zu befreien. Statt oberflächliche Strategien und die Erwartungen anderer Menschen zu verfolgen, ist es hilfreich, zu eigenen Kriterien zu gelangen, die auch zur eigenen Persönlichkeit passen. Es geht um dauerhafte innere Freude. Dorthin zu gelangen, das ist Lebenskunst.

Welcher Weg führt dorthin?

Es ist das, was wir in der Stille entdecken. Viele flüchten vor der Ruhe. Sie können sie nicht ertragen, weil alles Mögliche hochkommt – auch negative Gedanken. Damit umgehen zu lernen lohnt sich. Es besteht die Chance, den eigenen Sehnsüchten nachzuspüren, das ist eine gute Sache, denn ein Mensch, der seine Sehnsüchte spürt, ist mit seinen tieferen Wünschen verbunden. Um die geht es. Deshalb ist die Stille wichtig – das Alleinsein mit sich, aber keine quälende Einsamkeit mit Gedanken vor allem darüber, was alles nicht gelungen ist. Viele bräuchten da Unterstützung, etwa mithilfe von Meditationsübungen.

Sie beschreiben die Sehnsucht als Schlüssel.

Ja, sie ist Ausdruck des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung. Dann geht es um meine Identität, wer und was ich alles bin. Und darum, welche Seiten ich noch gar nicht gelebt habe. Es zeigen sich innere Bilder. Wer gelegentlich mit sich selber alleine ist, kann sich besser von den äußeren Ansprüchen befreien und andere Dimensionen entdecken.

Das Glück liegt in der Stille?Das Glück liegt in der Stille?

Nicht alleine. Ich stelle mir eine Insel vor, auf der mir – zumindest äußerlich – alles geboten wird. Wie lange würde ich das aushalten? Ich glaube, nicht sehr lange. Das Leben wird spannungslos. Der Mensch braucht mehr als äußeres Wohlbehagen. Es gehören Aufgaben und die Freude an Tätigkeiten dazu. Etwas worauf mein Leben ausgerichtet ist. Es kommt auch auf die Work-Life-Balance an.

Trotz Krisen glücklich zu sein – ist das möglich?

Krisen gehören zum Leben, auch zu einem glücklichen. Und trotz des Scheiterns kann ein Leben am Ende gelungen sein. Das zeigte sich etwa bei meiner früheren Arbeit mit Alkoholkranken und Medikamentenabhängigen: Die waren vor ihrem Zusammenbruch ja häufig auf so einem Trip mit fragwürdigen Glücksvorstellungen. Nun waren sie auf dem Weg zu neuen Erfahrungen – und zu ihren Werten. Das gilt auch für Heranwachsende, die in der Volkshochschule ihre Chance nutzen, einen Schulabschluss nachzuholen, und damit eine Wendung in ihr Leben bringen.

Sie bringen Werte ins Spiel. Gehören auch die zum Glück?

Ja, wir brauchen Werte – und zwar echte „Lebenswerte“, die etwa mit sozialem Engagement und der Entwicklung von schöpferischen Fähigkeiten zusammenhängen. Wie wichtig tragfähige Werte sind, zeigt sich in Schicksalserfahrungen, die ja kein Mensch vermeiden kann. Dann werden Statussymbole bedeutungslos. Umso bedeutender wird dann etwa die Nähe anderer Menschen, aber auch der religiöse Glaube. Wenn der Wert des Menschen sich alleine auf seine Produktivität – Stichwort Homo oeconomicus – bezieht, wird er unglücklich. „Lebenswerte“ sind für den Einzelnen und für die Gesellschaft von Bedeutung. Es kann um die Natur gehen, um soziales und kulturelles Engagement oder um die Entwicklung schöpferischer Fähigkeiten. Wichtig sind auch Verbindungen mit anderen Menschen, Gemeinschaftserfahrungen mit gegenseitiger Wertschätzung.

Was fehlt uns jetzt noch zum Thema Glück?

Wir sollten nicht alleine darüber reden, sondern die Glückserfahrungen einfach machen.


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