Großes Interesse, aber auch Kritik Ausstellung „Echte Körper“ an der Halle Gartlage eröffnet

Von Markus Strothmann


Osnabrück. Seit Samstag gastiert „Echte Körper“ im eigenen Zelt an der Halle Gartlage. Viele zweifeln an der Seriosität der anatomischen Ausstellung oder lehnen das Konzept grundsätzlich ab: Das öffentliche Zeigen plastinierter Körper in einem kommerziellen Zusammenhang ruft neben großem Interesse immer auch Kritik hervor.

Stefan Marschall vom Veranstalter Octopus Events betonte im Vorfeld, die Wanderausstellung verfolge „einen pädagogischen Ansatz“ und sei geeignet, „einen wesentlichen Beitrag zur beruflichen Weiterbildung in den Bereichen Kranken- und Altenpflege“ zu leisten. Bei aller angebrachten Skepsis gegenüber Veranstaltungen dieser Art: Marschalls Aussage hält einer kritischen Betrachtung stand. Provokative Installationen wie bei Gunther Von Hagens´ „Körperwelten“ sucht man vergeblich; der künstlerische Anspruch erschöpft sich in der realistischen, ästhetischen Darstellung der menschlichen Anatomie. Trotzdem ist Echte Körper natürlich kein trockener Biologieunterricht.

„Klasse, hochinteressant!“, findet Manuela Hafkemeyer die Ausstellung. Sie ist zusammen mit ihrer Tochter Petra gekommen, die bis vor Kurzem als Altenpflegerin gearbeitet hat; sie bringt also einen professionellen Bezug zum Thema mit. Im direkten Vergleich fand sie Körperwelten spannender, da dort auf größerer Fläche mehr Situationen zu sehen seien, etwa „wie sich Muskulatur in Bewegung verhält“, aber lohnenswert findet auch sie den Besuch allemal.

Saskia Siepelmeyer ist medizinische Fachangestellte und hat somit ebenfalls Vorkenntnisse in der Sache, aber „es sieht doch anders aus, als man es aus Büchern kennt.“ Ihr Begleiter Markus Rohmann ist ebenfalls beeindruckt: „Das so detailliert zu sehen, ist schon faszinierend.“

Ein Rundgang durch das Zelt reicht gerade aus, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die meisten bleiben länger und vertiefen sich ins Betrachten der Exponate; Unterhaltungen finden deutlich unter Zimmerlautstärke statt. Infotafeln erläutern gezeigte Krankheitsbilder und ihre Entstehung. Thomas Müller ist seit neun Jahren verantwortlich für Auf- und Abbau der Ausstellung; er kennt sich in der Materie mittlerweile gut aus. Ein Körper ist in Querschnitte zerlegt und auf zehn Meter Glasvitrine ausgestreckt; Müller weist dezent hin auf den Zusammenhang zwischen einem Hüftschiefstand und einer Arthrose - ein vergleichsweise harmloser Gesundheitsschaden zwischen diversen Krebsarten und etlichen anderen Krankheiten innerer Organe. Müller gibt zu, er habe selbst anfänglich Vorbehalte gegen die Zurschaustellung menschlicher Körper gehabt. Die hätten sich aber schnell zerstreut: „Es kommt auf die Art der Darstellung an. Bei Körperwelten ist sicher manches grenzwertig.“ Das gelte für die Ausstellung seines Arbeitgebers nicht, glaubt er. Die Stücke seien relativ naturbelassen und nicht darauf ausgelegt, zu schocken. Das zwischen beiden Projekten ein Unterschied besteht, ist aber noch nicht bei allen angekommen: „Kürzlich in Schwerin haben Leute bei uns gegen Körperwelten demonstriert.“ Knapp daneben ist auch vorbei. Der Eindruck der Seriosität scheint bei den meisten Besuchern zu entstehen.

„Einen Gruselfaktor hat das auf jeden Fall nicht“, sagt Peter Gleich; Begleiterin Katharina Bonin stimmt zu. Geschockt zeigt sich auch sonst niemand, es herrscht allgemein reges Interesse, man fachsimpelt über vergrößerte Lebern, sucht anhand von Listen durchnummerierte Muskelpartien und staunt über die Beschaffenheit von Dingen, die man ständig mit sich rumträgt, aber selten zu Gesicht bekommt. Für Entrüstung fehlt hier schlichtweg der Anlass. Wer den Schutz der Würde des Menschen für unvereinbar hält mit der Verwendung seines leblosen Körpers als Anschauungsmaterial, wird wohl sowieso kaum vom Gegenteil zu überzeugen sein. Wer einen Blick nach Innen riskieren möchte – ohne großes Spektakel, aber trotzdem absolut fesselnd – dem bietet Echte Körper dazu eine Gelegenheit.


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