Bauern in der Region ziehen Bilanz Milchsektor schaukelt sich vom Boykott zum Rekord

Die Milch fließt – vor allem der asiatische Markt beflügelt momentan das Geschäft mit der Milch auch hier.Foto: Colourbox.deDie Milch fließt – vor allem der asiatische Markt beflügelt momentan das Geschäft mit der Milch auch hier.Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Momentan ist der Milchpreis alles andere als im Eimer. Das Geschäft blüht, und der Milchsektor gehört laut OECD zu den am schnellsten wachsenden des Agrarmarktes. Vor sechs Jahren sah die Welt der Milchbauern sehr viel schwärzer aus: Der Preis war 2008 so drastisch gesunken, dass einige Bauern auch im Landkreis Osnabrück zum Lieferstopp aufriefen. Trotz Lieferrekord heute bleibt das Geschäft ein hartes, sagen Landwirte.

Wenn Milch in den Abfluss gekippt wird, ist das nicht nur für Bauern ein Schreckensszenario. 2008 war der Preis mit 21 Cent pro Liter so tief gesunken, dass sich bundesweit viele Bauern gezwungen sahen, die Rote Karte zu ziehen. Die Stockhoffs, Milchviehhalter aus Glandorf, zogen mit anderen Bauern im Osnabrücker Land vor die Supermärkte und riefen zum Boykott auf. „Ein Schritt, der nicht nur der Kriegsgeneration unheimlich schwerfiel“, erzählt Landwirt Ansgar Stockhoff, Herr über 88 Milchkühe.

Heute, da vor allem der asiatische Markt den deutschen Milchpreis beflügelt, ist das kaum noch vorstellbar. Der Milchpreis pendelt um die 40 Cent und ist damit fast doppelt so hoch wie 2008. Die deutschen Kuhhalter haben nach Angaben des Milchindustrie-Verbandes ihre Milchanlieferungen im vergangenen Jahr mit 30,3 Millionen Tonnen ausgedehnt und damit ein Rekordergebnis erzielt. „So viel Milch wie im vergangenen Jahr ist noch nie geliefert worden“, bestätigt Stockhoff den weißen Superlativ.

Mit der Milch und ihren Preisen beschäftigen sich Gabriele und Ansgar Stockhoff seit Jahrzehnten, leisteten in den 2000ern Pionierarbeit im Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) in der Region und arbeiten noch heute täglich am fairen Preis. Nach dem Boykott stiegen sie aus der Genossenschaft aus, ein absolutes Novum in der Region – für manche ein „No-Go“. Gemeinsam mit 13 anderen Milchviehhaltern bilden die Stockhoffs seit 2009 im Südkreis eine Liefergemeinschaft, mit dieser sind sie in der Milcherzeugergemeinschaft (MeG) Nord. „Wer austreten will, kann austreten“, formuliert Gabriele Stockhoff die Freiheit. Und: „Wir verhandeln selbst.“

Auch Landwirt Christian Bielefeld, Vorsitzender des Vereins für landwirtschaftliche Unternehmer, mit 300 Kühen im Melkstand in Berge, erinnert sich an die Jahre 2008/2009. „Der Druck auf die Preise war damals immens groß. Es ging um Existenzen“, sagt er. „Heute ist der Preis stabil, aber ändern kann sich das immer.“ Anders als Familie Stockhoff ist Bielefeld Mitglied im Landvolkverband. Statt auf eine Genossenschaft oder eine Liefergemeinschaft zu setzen, liefert sein Betrieb an eine Privatmolkerei. „Kontinuierliche Geschäftsbeziehungen sind uns ganz wichtig“, betont er.

„Eigentlich Wahnsinn“

Beide Familien, so unterschiedlich sie in der Lieferung aufgestellt sind, betonen immer wieder, dass sie zu Weltmarktbedingungen produzieren müssen. So global der Markt, so schwer zu drehen sind seine Schrauben. Von Zuständen „wie in der Planwirtschaft“, spricht Bielefeld beim Blick auf die vergangenen Jahre im Milchsektor. In der EU gibt es momentan noch eine feste Milchquote, sprich: Bauern dürfen nur eine bestimmte Menge Milch produzieren. Wer darüber liegt, muss Strafe zahlen, so die Marktregeln. Von „günstigen Krediten“, die das Expandieren im Milchsektor provozieren, erzählen die Stockhoffs. „Was momentan alles so gut klingt, ist eigentlich Wahnsinn“, sagt Gabriele Stockhoff auch mit Blick auf kleine Bauern in China, deren Geschäft durch die deutsche Milch zerstört wird.

„Wenn die Grenzen mal zugemacht würden oder es Lieferstopps gibt, gucken wir groß“, sagt Ansgar Stockhoff und führt ein Beispiel vom Schweine-Markt an. Denn als die Afrikanische Schweinepest Litauen als erstes EU-Land erreichte , hat Russland den Import aus EU-Ländern gestoppt, ob sie nun vom Virus befallen waren oder nicht. „So schnell kann das gehen“, sagt Stockhoff.

Egal, wie sich Milchviehhalter heute organisieren, die latente Angst, Milch könne nicht abgenommen werden, koche immer mal wieder auf, weiß Stockhoff, übt sich aber in Gelassenheit. „Es ist am Ende noch kein Schwein im Stall geblieben“, formuliert er eine eigene Bauernregel, die für alle Sektoren gelten sollte.


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