Interview mit Ulrike Graf von der Uni Osnabrück Schulfach Glück soll es Kindern leichter machen


Osnabrück. Macht Schule unglücklich? Ist sie gar so schlecht, dass wir ein Unterrichtsfach „Glück“ brauchen? Ulrike Graf ist seit 2010 Professorin für Pädagogik des Grundschulalters an der Universität Osnabrück. Graf lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft und befasst sich unter anderem mit dem Thema „Glück als Schulfach“.

Frau Graf, an einigen deutschen Schulen wurde mittlerweile das Fach „Glück“ eingeführt. Müssen unsere Kinder Glück erlernen?

Das Schulfach Glück wurde vor sieben Jahren von Ernst-Fritz Schubert in Heidelberg und gleichzeitig von Anne-Katrin Voss in Aachen erfunden. Die beiden hat motiviert, Schüler, die mit Misserfolgen durchsetzte Schulbiografien haben, zu stärken. Das ist natürlich ein humanes Anliegen, was jeden umtreibt, der pädagogisch arbeitet. Das Schulfach Glück ist unter diesem Namen eben seit 2007 im Feld. Inzwischen wird es an ungefähr 100 deutschsprachigen Schulen unterrichtet, von Grundschule bis Sekundarschule. Auch im Kindergarten gibt es schon Konzepte dazu, die entwickelt werden. Auch an mehreren Unis ist es präsent.

Also: Neues Fach neues Glück?

Das Schulfach Glück ist als Label neu, aber nicht unbedingt alle seine Inhalte. Es gab, in den 90er-Jahren zum Beispiel, Bewegungen wie Stilleübungen oder die „bewegte Schule“. Die noch ältere Erlebnispädagogik findet man im Schulfach Glück ebenfalls wieder.

Warum braucht Schule das Fach Glück? Macht Schule selber so unglücklich? Was bringt das Fach Glück für den Mathe- und Englischunterricht?

Das Schulfach Glück ist natürlich nichts, was den „Ernst des Lebens“ negieren will, weder den, der oft mit Schule verbunden wird, noch den Ernst des Lebens in anderen Lebenszusammenhängen, wenn es zum Beispiel zu Krisen kommt. Es ist ein Vorwurf in der Glückskritik, dass Menschen alles, was schwierig ist im Leben, wegblenden sollten. Darum geht es überhaupt nicht. In der Glücksforschung gibt es andere Begriffe für Glück, die deutlicher machen können, worum es geht: well being. Das hat nichts mit Wellness zu tun, sondern mit Lebenszufriedenheit, im Sinne einer tragenden Lebenszufriedenheit, die auch in Krisen trägt.

Und dann klappt es auch mit Mathe und Chemie?

Das Schulfach Glück findet im Moment in Arbeitsgemeinschaften, Modellprojekten oder ähnlichem statt. Es ist nicht im Fächerkanon verankert. Ob es dazu kommt, weiß ich nicht. Ich hätte nichts dagegen, aber ich sehe das eigentlich nicht. Solange es als Modellfach da ist oder als Arbeitsgemeinschaft, ermöglich es natürlich zunächst einmal ein Fach, in dem die Kinder eine andere Erfahrung machen. Sie erleben einen Ausgleich zu den Problemen in Mathe oder in Chemie. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Erfahrungen aus den Misserfolgsfächern dort thematisiert werden und in das Gesamtspektrum des eigenen Könnens eingeordnet werden können. Dem Glücksthema ist mithin eine Orientierung auf Stärken und Ressourcen zu eigen.

Reicht es nicht, wenn der Fachlehrer glücklich ist?

Ich arbeite nicht vornehmlich daran, ein Curriculum von Übungen zu vermitteln. Das kommt zwar auch vor, aber anders eingebettet. Ich arbeite an der Frage, wie die Beschäftigung mit dem Thema „Lebenszufriedenheit“ für die Lehrkraft eine Leitschnur sein kann, an der sie ihr gesamtes pädagogisches Handeln ausrichtet. Das heißt jetzt nicht die Noten zu heben, weil dann alle glücklich sind, sondern zum Beispiel zu reflektieren, inwiefern trage ich mit dem, von dem ich weiß, dass es glücksstiftend ist, durch meine Art der Begegnung mit den Kindern, durch meine Art der Leistungsbewertung, durch meine Art zu unterrichten, bei? Das heißt, es geht um ein Kriterienraster im Kopf und natürlich um die eigene Auseinandersetzung damit.

Das hört sich jetzt nicht so neu an.

Zunächst einmal nicht, aber die Glücksforschung, die interdisziplinär breit aufgestellt ist, macht Dinge neu bewusst. Ich erinnere mich, als ich selbst Lehrkraft war und Übungen in diesem Kontext in der Schule in internen Lehrerfortbildungen angeboten habe. Einmal ging es darum, eigene Stärken zu benennen. Ich sehe noch heute vor mir, wie eine 40-jährige Frau doch glatt sagte: „In meinem Alter findet man nichts mehr gut an sich“. Wie will jemand, der so ein Verhältnis zu dem hat, was er kann, ressourcenorientiert mit Kindern arbeiten? Wenn ich mit Kindern arbeiten und in den Fokus rücken will, was sie können, dann muss ich bereit und fähig sein, Kompetenzen sehen zu wollen, zu können und zu formulieren.

Ist uns das Glücksempfinden, das well being, so sehr abhanden gekommen, dass wir es als Schulfach wieder einführen müssen?

Ich halte es fast schon für eine Generationenfrage. Manche sagen, das ist ein Luxusthema in einer gesättigten Gesellschaft...

Das kann man so sehen ...

Das heißt aber auch, dass ein Lebensstandard, der ein solches Ausmaß an Übersättigung ermöglicht, nicht glücklich macht. Sinn macht glücklich. Ein Feld zu haben, für das ich mich einsetze, soziale Verbundenheit, so etwas macht glücklich. Nicht das neueste Handy. Das ist nach drei Tagen alt. Wir befinden uns in einer hedonistischen Tretmühle: immer mehr, immer mehr. Well being hat eben nicht nur einfach mit Mengen zu tun, sondern mit dem, was unsere Lebensbedürfnisse sind, zum Beispiel Bedürfnisse nach physischer Sicherheit, nach emotionaler Sicherheit, nach einem materiellen Auskommen, nach Verbundenheit mit anderen Menschen, nach einer Aufgabe im Leben, nach Selbstbestimmung. In vielen Staaten können die Menschen diese Bedürfnisse auf einem hohen Niveau befriedigen. Aber an befriedigten Bedürfnissen kann die Wirtschaft nichts mehr verdienen. Also versucht die Werbung, neue Bedürfnisse zu wecken, um Sachen zu verkaufen, die kein Mensch braucht, um lebenszufrieden zu sein. Da ist die Krux. Wenn ich mich der Wirtschaftsdynamik, dass alles immer mehr wachsen muss, und dem puren Wettbewerb anheim gebe, dann werde ich nicht glücklich.

Kann man Schülern das nachhaltig beibringen?

Wir versuchen es. Weitere Forschungen stehen aber noch aus. Es gibt bisher wenige Evaluationen zu dem Unterrichtsfach. Sie sagen aus, dass Schüler besser beurteilen können, was sie nicht zufrieden macht. Zumindest bei denjenigen, die schon mit einem höheren Level der Selbstwahrnehmung, des Selbstvertrauens eingestiegen sind.

Was aber ist mit jenen, die diese Voraussetzungen nicht haben? Schule hat so viele strukturelle Probleme, dass sie hier kaum nachbessern kann.

Ich sehe es umgekehrt. Ich kenne das noch selber aus dem Lehrerzimmer. Die Klage über die Strukturen ist ja nicht neu. Es macht natürlich unglücklich, wenn ich warte, bis jemand anderes etwas macht. Ich kann – gleichzeitig zum politischen Engagement, um für die Strukturänderungen einzutreten – meine eigenen Handlungsräume schon jetzt nutzen. Wir haben damals zu dritt in unserer Schule angefangen. Wir sind pfeifend aus der Schule gegangen, weil wir etwas geändert haben. Wir haben nicht die Schule völlig revolutioniert, aber Teile davon. Ruth Cohn hat gesagt: „Ich bin nicht allmächtig, ich bin auch nicht ohnmächtig, ich bin teilmächtig.“ Und die Teilmächtigkeit zu entdecken und Kindern zu helfen, ihre Teilmächtigkeit zu entdecken, das führt zu Gestaltungsfähigkeit, das heißt, teilhaben können, das ist ein Faktor aus der ökonomischen Glücksforschung, von dem wir wissen, das er glücklicher macht. Es ist keine Alternative zur Politik, sondern eine zweite Ebene oder eine zweite Schiene.

Viele Lehrer machen das schon. Sonst kämen sie überhaupt nicht durch den Alltag.

Ja, natürlich machen das viele. Man kann es nur noch optimieren.

Wie?

„Wie rücke ich was, wann, wie in den Blick?“ Ich übertreibe jetzt mal: Lamentiere ich täglich oder frage ich: „Wo gibt es Felder, die das Leben schwer machen? Was kann ich da tun?“ Diese Frage- und Denkrichtung löst einfach physiologisch etwas anderes aus, jetzt kann man sagen, es ist ein Trick, aber so funktionieren wir nun mal. Wenn ich dadurch die Kraft habe, auch vielleicht dagegen anzugehen, was da strukturell nicht gut läuft, dann ist ja wirklich was gewonnen. Die Forschung geht davon aus, dass es zu 50 Prozent einen genetischen Dispositionslevel gibt, also ein Maß an Lebenszufriedenheit, auf das die einzelne Person immer wieder zurückfällt oder aufsteigt, je nachdem, ob sie einen Lottogewinn macht oder Tragödien in ihrem Leben erlebt. Nach einer Weile ist sie wieder auf diesem Level. Das sind ganz spannende Zahlen. Zu 10 Prozent scheinen die Lebensumstände verantwortlich zu sein und 40 Prozent sind beeinflussbar. An denen arbeiten wir.


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