Holprige Hindernisse Osnabrück: Mit dem Rollstuhl über den Markplatz

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Hindernislauf über Kopfsteinpflaster, Schwellen und Rampen: Wie man sich im Rollstuhl fühlt, testete Corinna Weiß. Foto: Thomas OsterfeldHindernislauf über Kopfsteinpflaster, Schwellen und Rampen: Wie man sich im Rollstuhl fühlt, testete Corinna Weiß. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Maiwoche, Weihnachtsmarkt, Kulturveranstaltungen: Bei Stadtfesten wird der Markt zum Besuchermagneten. Aber nicht allen ist der Platz vor dem Rathaus leicht zugänglich. Das konnten Passanten nun selbst testen. Das Behindertenforum Osnabrück bot ihnen die Gelegenheit, mit dem Rollstuhl einen Parcours abzufahren oder sich mit Dunkelbrille und Blindenstock zurechtzufinden.

„Ich schaffe die Schwelle nicht“, sagte Corinna Weiß, die sich zur Probe in den Rollstuhl setzte. Die Kita-Erzieherin fuhr vor und zurück, um Schwung für die drei Zentimeter hohe Kante zu holen. Eine Helferin schob sie kräftig an – erst das brachte den gewünschten Erfolg. Auch eine Rampe mit sechs Prozent Steigung kam Weiß nur schwer hinauf: Dabei handelte es sich um Standardaufbauten, wie sie etwa bei Festen üblich sind. Sand- und Kiesflächen sowie das Öffnen einer Tür waren weitere Herausforderungen für die Erzieherin.

Zwischendurch musste Weiß über das Kopfsteinpflaster des Marktes fahren. „Das ist jetzt superanstrengend. Und die Erschütterungen sind sehr unangenehm“, erzählte sie. Von derartigen Schwierigkeiten sind nicht nur Rolli-Fahrer betroffen; auch Helfer, die sie schieben, junge Eltern mit Kinderwagen oder Senioren mit Rollator müssen mit diesen Problemen zurechtkommen.

„Blinde finden sich auf solchen Plätzen ohne Markierungen nicht zurecht“, sagte Karsten Müller, Professor für Verkehrswesen an der Hochschule Bremen, der auf barrierefreies Bauen spezialisiert ist. Von ihm hatte sich das Behindertenforum den Parcours ausgeliehen. „Den wollte die Stadt Bremen schon entsorgen“, erzählte Müller den Besuchern. Jetzt setze er ihn für die Ausbildung seiner Studenten ein. „Mit diesen Erfahrungen planen die künftigen Bauingenieure anders“, meinte er.

„Wir wollen nicht mit dem Zeigefinger agieren, sondern die Menschen für die Situation behinderter Menschen sensibilisieren. Durch das eigene Erleben der Barrieren möchten wir Verständnis wecken“, erklärte die Vorsitzende des Behindertenforums Petra Mathiske. Es gebe an vielen Stellen der Stadt Hindernisse. Mitglieder des Forums sitzen im Kultur- und Bauausschuss, um für Veranstaltungen, öffentliche Gebäude und Verkehrsmittel das Ziel Inklusion umzusetzen. Und das mit Erfolg: Sie konnten bereits einige Verbesserungen bewirken. „Wir machen seit über 30 Jahren unsere ganze Arbeit ehrenamtlich. Das ginge nicht ohne Spenden“, fügte Mathiske hinzu.

„Behinderung ist kein Makel. Die Situation kann jeden treffen“, betonte Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler. Gleichberechtigte Teilhabe sei wichtig für das soziale Miteinander in der Friedensstadt. Eine Teil-Änderung der Pflasterung des historischen Platzes sehe sie aber erst einmal nicht als Möglichkeit. Bei Festen würden Schwellen und Bretterböden verlegt.

Das Osnabrücker Rathaus ist für das „Europäischen Kulturerbe-Siegel“ nominiert. „Wenn die Entscheidung positiv ausfällt, wird wohl am Marktplatz überhaupt nichts mehr verändert“, äußerte Mathiske ihre Befürchtung.


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