Punk und ausgeprägtes Wir-Gefühl Osnabrücker Stadtteilkultur (1): Der Schinkel



Osnabrück. In unserer neuen Serie „Stadtteilkultur“ werfen wir einen Blick auf die Kultur, die jenseits der eingeführten Kulturorte stattfindet. Zum Auftakt geht es um einen bunten Osnabrücker Stadtteil: Den Schinkel.

Der Tanztee im Ostbunker ist eine Veranstaltung mit Tradition. So, wie das Jugendzentrum in dem einstigen Luftschutzbunker ein Haus mit Tradition ist – und ein kultureller Faktor im Stadtteil Schinkel. In den frühen Achtzigern hatte die Punk-Szene dort ein Zuhause, und wenn der Drummer der Toten Hosen, Vom Ritchie, mit seiner Band Cryssis dort, wie diesen Januar, ein Konzert gibt, ist das wie ein Nachhall aus alten Zeiten.

Der Unterschied: Heute schreckt Punk niemanden mehr. „Damals galt das als anrüchig“, sagt Walter Leineweber, der Vorsitzende des Bürgervereins Schinkel-Ost. „Heute ist das ja Kultur geworden“, ergänzt er und lacht dazu. Und jenseits der Jugendkultur? Leineweber muss überlegen, bevor er auf die Frage antwortet, was der Schinkel kulturell zu bieten hat. „Wenig“, sagt er zunächst, und auch sein Kollege vom Bürgerverein Osnabrück-Schinkel von 1912 e.V., Carsten Friderici, sagt, „mehr Kultur wäre wünschenswert“.

Darin schwingt allerdings eine Vorstellung von „Kultur“ mit, die den Begriff scharf eingrenzt auf Stadttheater und klassische Musik. Dabei bringen im Schinkel Bürger Kultur für Bürger hervor, und manch eine Institution, manch ein Künstler strahlt über die Grenzen von Stadtteil und Stadt hinaus: Die Jacob’s Gospel Singers sind nicht nur in der Jakobus-Gemeinde aktiv, sondern gehen auch mal ins Studio oder unternehmen Reisen durch die ganze Republik. Und der bildende Künstler Reinhard Klink hat sich in der gesamten Region einen Namen gemacht.

Mindestens genauso wichtig ist aber das, was der Stadtteil aus sich heraus und für sich entstehen lässt. Zum hundertjährigen Jubiläum der Eingemeindung des Schinkel in die Stadt Osnabrück haben die Bürgervereine eine Ausstellung über die Schinkelaner Höfe organisiert. Denn: „Die Höfe sind die Urzellen von Schinkel“, sagt Leineweber.

Später hat das Dreieck aus Bahn, Karmann und Klöckner den Stadtteil stark geprägt – unter anderem haben der Autozulieferer und das Stahlwerk viele Migranten in den Schinkel gelockt. Das zieht Fragen der Integration nach sich, denen sich Bürgervereine, Uwe Jasper vom Ostbunker und Martin Niemann vom Heinz-Fitschen-Haus mit Erfolg stellen: Leineweber freut sich, wenn Vertreter der Moschee in der Schützenstraße an den Feiern zum Jubiläum der Eingemeindung teilnehmen.

Allerdings hatte der Stadtteil auch kulturelle Rückschläge zu verkraften, etwa die Schließung der Stadtteilbibliothek. „Dort wurden Kinder ans Lesen herangeführt“, sagt Friderici. Heute muss der Bücherbus als Ersatz genügen. Auch Klaus Kijaks Installation an den Wänden der Eisenbahnunterführung in der Buerschen Straße ist wegen Vandalismus verschwunden. Schade, denn die Figuren gestalteten für Leineweber das „Tor zum Schinkel“ freundlicher.

Seine kulturelle Vielfalt offenbart sich hingegen im zweijährigen Turnus beim Stadtteilfest im Heinz-Fitschen-Haus. Dafür entwerfen Bürger- und Sportvereine sowie die Kirchengemeinden ein Bühnenprogramm – Kultur wird so zum Ausdruck eines „Wir-Gefühls“, wie Niemann sagt. Und das macht, unter anderem, „den Schinkel zum lebendigsten, schönsten Stadtteil“.


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