Geburt ist ein magischer Moment Osnabrücker Hebamme Hera Schulte Westenberg im Porträt

Von Carolin Appelbaum

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Für Hera Schulte Westenberg ist eine Geburt ein magischer Moment. Foto: Egmont SeilerFür Hera Schulte Westenberg ist eine Geburt ein magischer Moment. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Was zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben? Dieser Frage werden wir in unserer neuen Porträtreihe nachgehen. Wir beginnen diese Reihe mit Hera Schulte Westenberg. Sie ist selbstständige Hebamme, Wechseljahreberaterin und Paartherapeutin.

Auf dem Parkett liegen zehn Futonmatten im Kreis, ausgestattet mit Kissen und Decken zum Einkuscheln. Durch die hohen Fenster des Altbaus scheint die Sonne herein. Besucher des einladenden Raumes können sich gut vorstellen, wie hier werdende Mütter in der Runde liegen, um bei einem Geburtsvorbereitungskurs die Entspannungsatmung zu lernen.

An diesem sonnigen Nachmittag ist der Kursraum noch leer, und auch Hera Schulte Westenberg ist noch nicht da. Vier selbstständige Hebammen teilen sich die Räume in der Hebammenpraxis Johannisstraße. Hera Schulte Westenberg hat die Praxis 1998 mitgegründet. Damals war sie auf die Betreuung von Hausgeburten spezialisiert. Isabella Töpker, eine Mutter, die mit ihrer Hilfe ihr erstes Kind entbunden hat, erinnert sich noch gut an ihren Geburtsvorbereitungskurs: „Hera hat so viel Wissen und Sicherheit ausgestrahlt, „dass ich dachte, wenn ich irgendwo ein Kind bekomme, dann zu Hause und mit dieser Frau“.

Wenige Minuten später ist Hera Schulte Westenberg in der Praxis angekommen, ein wenig außer Atem und mit herzlichem Lächeln: „Möchten Sie auch einen Tee? Ja, Sie möchten auch einen Tee“, beantwortet sie gleich selbst die Frage und setzt noch im Mantel das Teewasser auf. Für einen ayurvedischen Tee mit Orangen, Fenchel, Kardamom. „Nicht dass Sie denken, Hebammen müssen Kräutertanten sein, Sie können auch Kaffee bekommen.“ Nein, Tee ist in Ordnung, auch Kräutertee, wofür auch immer er gut ist. Auf jeden Fall ist er gut für ein ruhiges Gespräch.

Warum Hebamme?

Warum sie Hebamme geworden ist? Hera Schulte Westenberg denkt lange nach. So genau könne sie das gar nicht mehr sagen. Sie hatte gar nichts mit Babys zu tun. Sie war die jüngste von drei Schwestern und kannte in ihrer Kindheit auch keine Hebamme. „Aber“, das fällt ihr schließlich ein, „als kleines Mädchen habe ich mir aus der Zigarrenkiste meines Onkels einen Arztkoffer gebastelt, und darauf stand: Praktische Ärztin und Geburtshelferin“.

Auf jeden Fall wollte sie irgendwas mit Medizin machen, und die Idee, einmal als Hebamme zu arbeiten, schlich sich langsam in ihre Gedanken: „Ich hatte immer das Bild im Kopf: Ich habe ein Moped und juckle damit als Hebamme über die Lande.“

Es war die Zeit der ersten Bioläden, der aufkommenden Alternativmedizin, der Besinnung auf natürliche Geburten. Und Hera wollte nach dem Abitur weg von zu Hause, weg vom elterlichen Bauernhof und wollte nichts wissen von den sicheren Berufen, die sich ihre Mutter für sie wünschte. Eine Banklehre und ein Leben mit Eigenheim und Einbauküche waren für sie unvorstellbar. Sie jobbte und reiste durch Afrika und wartete zwei Jahre lang auf einen Schulplatz an einer Hebammenschule. Schließlich landete sie in Berlin.

Die Übergänge im Leben eines Menschen

Und damit begann sie, den roten Faden ihres Lebens aufzunehmen. Dieser rote Faden sind nicht die Kinder, denen sie als Hebamme auf die Welt hilft, ihr roter Faden ist für sie das Leben an sich. „Ich bin neugierig auf die Übergänge im Leben eines Menschen, auf den Übergang ins Erwachsenenleben, vom Frausein zum Muttersein, vom Paarsein zum Elternsein, vom fruchtbar sein zu den Wechseljahren.“ Als Hebamme sieht sie sich als Begleiterin in all diesen Lebensphasen. Und hat sich darauf entsprechend vorbereitet. So ist sie ausgebildet als Heilpraktikerin, als Paartherapeutin, als Coach und Wechseljahresberaterin. Und wenn sie von all ihren Plänen und Aufgaben erzählt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Im Moment spielt sie mit dem Gedanken, noch eine Ausbildung als Sexualtherapeutin zu machen. In den Geburtsvorbereitungskursen bemerkt sie immer wieder, mit wie viel Scham und Unwissenheit das Thema Sexualität belegt ist. „Wenn ich über Sexualität spreche, stoße ich oft auf betretenes Schweigen, auch bei den vermeintlich coolen jungen Leuten.“

Fast jedes Mal geheult

Von der Geburtsvorbereitung bis zur Nachsorge – sie kümmert sich um alle Themen rund um die Geburt. Doch Geburten selbst betreut sie nicht mehr. Obwohl sie es geliebt hat: „Es ist ein Staunen, als ob die Welt still steht. Ich habe fast jedes Mal geheult bei einer Geburt“, so beschreibt sie heute noch den Geburtsvorgang, der für sie voller Magie und Zauber steckt. Dennoch hat sie es aufgegeben? Ja, denn nach so vielen Jahren war sie auch erschöpft. Diese Verantwortung, diese ständigen Rund-um-die-Uhr-Bereitschaftsdienste und schließlich auch die hohen Kosten für die Versicherung. Auf die Dauer sei es zu hart verdientes Geld.

22 Jahre hat sie so gearbeitet. Jetzt sollen Jüngere ran, jüngere Kolleginnen, die auch die Energie haben, für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung zu kämpfen.

Jetzt also kümmert sie sich unter anderem um die Geburtsvorbereitung. Sie bietet vor allem Wochenendkurse für die „modernen Entfernungsbeziehungen an“, wie sie das nennt. Für Paare, die aus beruflichen Gründen nur die Wochenenden zusammen verbringen und dann möglichst schnell und kompakt auf die Geburt vorbereitet werden wollen.

„Information, Information, Information“

Die werdenden Eltern wünschen sich meistens: „Information, Information, Information“, erzählt Hera Schulte Westenberg und schüttelt leicht den Kopf: „Und da sage ich ihnen erst mal: Ihr bekommt doch das Kind hier“, und zeigt auf ihren Bauch, „und nicht mit dem Kopf“. Natürlich gibt sie in ihren Kursen auch viele Informationen weiter, doch in erster Linie geht es ihr ums „Fühlen, Anfassen, Spüren“.

Genau das hat offensichtlich auch Isabella Töpker überzeugt. Als sie mit ihrer ersten Tochter schwanger war, hatte sie zunächst im Traum nicht daran gedacht, ihr Kind zu Hause zur Welt zu bringen. „Ich dachte, die Leute sind doch lebensmüde“, erzählt sie, doch in dem Kurs hat Hera Schulte Westenberg ihr so viel Vertrauen in ihren eigenen Körper vermittelt, dass sie sich schließlich selbst eine Hausgeburt wünschte.

Ruhe, Zeit, Einfühlung. All das hätte sich Hera Schulte Westenberg auch für die Geburt ihrer eigenen Kinder gewünscht. Doch vor 25 Jahren kam alles anders. Ihre Zwillinge kamen per Kaiserschnitt zur Welt. Lange Zeit war sie sehr traurig darüber, aber inzwischen ist sie fast froh über diese Erfahrung, sagt sie heute, denn sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn nicht alles glatt läuft. Denn auch das gehöre zum Leben dazu.

Als Hebamme habe sie selbst immer einen Schutzengel gehabt, fügt sie nachdenklich hinzu. Es ist in all den Jahren nicht ein einziges Kind oder eine Mutter bei der Geburt gestorben. „Ich habe 22 Jahre gearbeitet, ohne ein großes Drama zu erleben. Das ist schon ein Glück.“

Aus Hertha wurde Hera

So hat sie ihrem Namen „Hera“ in ihrem Berufsleben wohl alle Ehre gemacht. Aber da räumt Hera Schulte Westenberg schon mit der Spekulation um ihren vermeintlich schicksalhaften Namen auf. Ursprünglich hieß sie Hertha. Ein Name, der ihr noch nie gefallen hat, und sie hat lange überlegt, wie sie stattdessen heißen wolle. Schließlich hat sie nur das „th“ aus dem Namen getilgt und sich fortan Hera genannt. Die Bedeutung dieses Namens sei ihr tatsächlich erst viel später bewusst geworden: Hera gilt in der griechischen Mythologie als die Hüterin der ehelichen Sexualität und der Niederkunft.

Den roten Faden nimmt die Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Verena Navarro Schröder auf.

Drei Fragen

Was zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben?

Mein Interesse an Gesundheit und Heilkunst und beides sowohl auf körperlicher als auch auf seelischer Ebene.

Was verbindet Sie mit der Person, an die Sie den roten Faden weitergeben?

Mit Verena Navarro Schröder verbindet mich unser gemeinsames Interesse am Atmen. Atmen beginnt mit der Geburt und hilft uns Frauen zunächst mal durch die Geburt. Bewusstes Atmen verbindet uns mit uns selbst. Atem ist ein ganz wesentlicher Aspekt unserer beider Arbeit. Und so jung sie auch ist, ich kenne Verena seit knapp 20 Jahren. Das Atmen, das Singen, das Musizieren hat sie immer ausgemacht. Außerdem durfte ich sie bei der Geburt ihres Sohnes begleiten.

Warum geben Sie den roten Faden an diese Person weiter?

Verena ist sehr stringent in ihrem Interesse und Engagement für die Themen, die mir selbst am Herzen liegen. Sie ist sehr konsequent, ohne dogmatisch zu sein.


Was zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben? Dieser Frage werden wir in unserer neuen Porträtreihe nachgehen. Gleichzeitig verfolgen wir den roten Faden, der sich durch die Stadt zieht und Menschen verbindet, die einander schätzen, bewundern, interessant oder überraschend finden. Die Menschen, die hier porträtiert werden, entscheiden selbst, an wen sie den roten Faden weiterreichen.

Wir beginnen diese Reihe mit Hera Schulte Westenberg. Sie ist selbstständige Hebamme, Wechseljahreberaterin und Paartherapeutin.

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