Typisch. So reden Osnabrücker Das Glück ergreifen, aber auf dem Boden bleiben



Osnabrück. Vielleicht ist es westfälische Genügsamkeit, vielleicht aber auch die Unfähigkeit, über große Gefühle zu reden. In der Hauptstadt des Glücks lässt sich das Wohlbefinden am besten mit zwei Worten ausdrücken: gut zufrieden. Wer die Osnabrücker kennt, weiß, dass da schon eine Menge Glück im Spiel ist.

Der typische Osnabrücker – falls es ihn überhaupt gibt – neigt nicht zur Euphorie. Bei einer repräsentativen Erhebung gaben 87 Prozent der Befragten aus der Stadt und der Region Osnabrück an, dass es sich hier gut oder sogar sehr gut leben lässt. Okay, das liegt schon elf Jahre zurück, aber das Glücks-Image wird vom Stadtmarketing munter weitergepflegt. Dabei hatten die Demoskopen nicht etwa eine Glücks-, sondern eine Zufriedenheitsmesslatte angelegt. Egal.

Für einen bodenständigen Osnabrücker kommt „gut zufrieden“ dem absoluten Glück schon sehr nahe. Der Sprachwissenschaftler Utz Maas sieht das zwar anders (siehe Interview), weil er seinen Blick vor allem auf die an sich ja überflüssige Steigerungsform „gut“ richtet. Er übersieht dabei das Understatement, das im Adjektiv „zufrieden“ steckt. Da kommt die Tendenz zum Vorschein, ein Glücksempfinden etwas neutraler auszudrücken.

Was aber bewegt einen von Kummer oder Krankheit geplagten Menschen, sich als „schlecht zufrieden“ zu bezeichnen? Helmut Spiekermann, Spezialist für die westfälische Sprache an der Uni Münster, erkennt hier eine Neigung, die negative Bedeutung abzumildern oder zu verschleiern. Ob sich hinter dieser milden Beschönigung eine besondere Einstellung zum Glück verbirgt? Eine Zufriedenheitsquote von 87 Prozent wäre ja ein Indiz.

Dass eine negative Bedeutung ins Positive verkehrt wird, lässt sich vielleicht auch an einer Formulierung ablesen wie „Den kann ich gut leiden“. Gemeint ist natürlich eine Sympathie, die alles andere als Leid bedeutet. Ob dieser Kontrast irgendwann in der Sprachentwicklung bewusst eingesetzt wurde, ist nicht bekannt. Der Linguist Helmut Spiekermann hält auch eine zufällige Übereinstimmung für möglich. Auch wenn Zugereiste das nicht recht glauben mögen: „Gut leiden können“ ist eine Zufriedenheitsvokabel und passt damit ins Glücksschema.

Wer immer noch Zweifel an der Glücksthese äußert, könnte nun einwenden, dass die Menschen an der Hase eher sparsam mit Lob umgehen. „Da kann man nich meckern“ gehört schon zu den kraftvolleren Gutheißungen. Böswillige Naturen könnten daraus den Schluss ziehen, die Osnabrücker würden gerne meckern.

Hartherziges Lob

Damit kämen wir der schwäbischen Variante „Nicht geschimpft ist Lob genug“ schon sehr nahe. Aber das klingt doch hartherzig im Gegensatz zum heiteren „nich meckern“, oder?

Sprachforscher Helmut Spiekermann wertet die Formulierung als Indiz für gelebte Zurückhaltung. „Das kenne ich aus Westfalen“, sagt der Professor aus Münster und sieht darin ein typisches Merkmal der Nordwestdeutschen. Für alle, die sich mit dieser Zurückhaltung schwertun, lässt sich das Gefühl auch so ausdrücken: Das Glück ergreifen, aber auf dem Boden bleiben. So machen wir das in Osnabrück.


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