Hause Schöningh Mit dem Abriss ignorierte die Stadt einen Gerichtsbeschluss

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Osnabrück. So sah der Domhof vor 54 Jahren aus. Der Straßenbahn-Nostalgiker wird sich am Anblick der guten alten Rumpel-Dinos erfreuen, der Alt-68er an die Tage zurückdenken, als er das Haus Schöningh (vorne links) besetzte, um es vor dem Abriss zu bewahren, und der Stadtplaner wird feststellen, dass der Wiederaufbau des Hauses Domhof 2 (heute: Kunsthandlung Esch) 1960 noch nicht begonnen hatte.

chts direkt vor dem Domportal durften noch Autos parken. Ansonsten ist auf der rechten Straßenseite nicht so viel passiert, das Bischöfliche Palais scheint wie eh und je durch die Bäume hindurch. Die Bäume selbst sind bei der Umgestaltung des Domhofs in den 1990er-Jahren zwar erneuert, aber wieder in der historischen Doppelreihung gesetzt worden.

Das Parkverbotsschild unter den Linden galt natürlich nicht für die Straßenbahn. Im Gegenteil: Sie sollte hier parken. Das rechte der drei Gleise hieß „Theatergleis“, weil es vor dem Theater abzweigte. In den verkehrsschwachen Vormittagsstunden stellten die Straßenbahner hier die Beiwagen ab. Sie wurden erst wieder angekuppelt, wenn mittags die Schülerrückbeförderung anstand.

Ein gravierender städtebaulicher Eingriff geschah 15 Jahre später. Als es öffentliche Gelder dafür gab, setzte die Stadt mit der „Neuen Heimat“ als Sanierungsträger eine großräumige Flächensanierung in der Altstadt in Gang. Die alte Dielingerstraße war einer Totaloperation unterzogen worden. Die historischen Baufluchten wurden aufgehoben, eine vierspurige Straße führte in das Herz der Altstadt. Die Lortzingstraße sollte auf das gleiche Profil aufgeweitet werden, mit der Option, den Durchstich dieser „Stadtautobahn“ über den Herrenteichswall bis zum bereits ähnlich breit ausgebauten Nonnenpfad zu verlängern. Am westlichen Ende war die Verschwenkung der Lotter Straße geplant. Sie sollte nicht mehr auf das Heger Tor, sondern zwischen Kulturgeschichtlichem Museum und Villa Schlikker hindurch direkt auf die Dielingerstraße zulaufen. All das entsprang dem Wunsch nach einer autogerechteren Stadt.

Heute wird diese Planung als Irrweg angesehen, damals aber war sie Beschlusslage des Rates. In der Bevölkerung regte sich allerdings Widerstand gegen die „Sanierung mit der Abrissbirne“. Zum einen waren es konservative Kreise, die das Wenige, das der Bombenkrieg stehen gelassen hatte, bewahrt wissen wollten. Der andere Teil bestand aus „Langhaarigen“, aus jungen Leuten, die das alte Schöningh’sche Haus (Lortzingstraße 2/Domhof 5) nach Berliner und Frankfurter Vorbild besetzten, um es vor dem Abriss zu bewahren und es als „Unabhängiges Jugendzentrum“ (UJZ) zu reklamieren.

Am 9. April 1975 um 4.30 Uhr rückten 250 Polizeibeamte mit Wasserwerfern und Hundestaffel an, räumten die Barrikaden im Treppenhaus des Schöningh’schen Hauses weg, stürmten das Haus und nahmen 17 Besetzer vorläufig fest. Heftige Protestdemonstrationen folgten. Doch Stadt und „Neue Heimat“ hielten an dem Abriss fest, der der Verbreiterung der Lortzingstraße dienen sollte. Gegner beantragten eine einstweilige Verfügung mit dem Ziel, den Abriss aufzuschieben. Dem gab das Verwaltungsgericht statt. Als die Verantwortlichen in der Verwaltung die Verfügung gegen 10.40 Uhr ausgehändigt bekamen, war das Dach bereits eingerissen. Die Stadt ignorierte den Willen der Richter und ließ das Abbruchunternehmen weitermachen.

Das gab erheblichen Ärger. Der Kammervorsitzende des Verwaltungsgerichts sprach von einem einmaligen Fall, dass eine Behörde einen Gerichtsbeschluss nicht befolge. Unter den kritischen Stimmen war auch diejenige des damaligen Bezirksvorsitzenden der Jungen Union, Fritz Brickwedde. Er beantragte, gegen den Diensthabenden in der Verwaltung, Stadtrat Wolfgang Engel, ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Oberstadtdirektor Raimund Wimmer stellte sich später vor seinen Vertreter und argumentierte, dass der Gerichtsbeschluss rechtlich ins Leere ging, da nicht die Stadt, sondern die „Neue Heimat Bremen GmbH“ die „Abbrechende“ und im Besitz einer unangefochtenen Abbruchgenehmigung war.

Mit dem Abbruch waren vollendete Tatsachen geschaffen worden, die Verbreiterung der Lortzingstraße wurde planmäßig umgesetzt, doch dabei blieb es dann auch. Die Stadt schlug einen versöhnlicheren Kurs gegenüber den Sanierungsgegnern ein. Aus den Planungen für ein UJZ ging später das Kulturzentrum „Lagerhalle“ hervor.

Eine Folge des Abrisses Domhof 5 war, dass das benachbarte „Alfahaus“ (Domhof 4) plötzlich zum Eckhaus geworden war. Zwischen 1976 und 1979 wurde dieses frühe Beispiel der Osnabrücker Rundbogen-Architektur für 3,8 Millionen DM umfassend renoviert und der Domhof-Fassade ihr neoromanisches Aussehen von 1853 zurückgegeben. Der Name „Alfahaus“ geht auf einen Haushaltswarenladen zurück, der früher hier unter dem Motto „Alles für das Haus“ sein Geschäft betrieb.


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