Das industrielle Herz Osnabrücks Das Schinkeler Stahlwerk gab 5000 Menschen Arbeit

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Osnabrück. Betrachtet man das Stahlwerksgelände aus der Luft im Abstand von 45 Jahren, so wird deutlich, dass die Konversion des Industriekomplexes wie auch des benachbarten Güterbahnhofs bislang weniger erfolgreich verlaufen ist als die Umnutzung der Briten-Kasernen. Viel städtebauliches Brachland wartet hier noch darauf, wachgeküsst zu werden.

Die Fotos zeigen die sich kreuzenden Bahnlinien Bremen–Münster (von links Mitte nach rechts unten) und Löhne–Rheine (von rechts oben nach links unten). Am Schnittpunkt liegt der Hauptbahnhof (unterer Bildrand). Auf dem Stahlwerksgelände ist das Verwaltungsgebäude, 1956 repräsentativ dem Bahnhof gegenübergestellt und mit dem Schriftzug „Klöckner“ versehen, erhalten geblieben. Ebenso der Schiffssteven, der als Beispiel der Osnabrücker Schmiedekunst auf dem Rasen zwischen Bahn und Verwaltung postiert war. Wegen des Baus der Franz-Lenz-Straße musste er da weg, wurde aber als ein Wahrzeichen Schinkels auch auf Betreiben der beiden Bürgervereine nicht verschrottet und rückte dichter an das Bürogebäude heran.

Die Lage des Werks am Eisenbahnkreuz war kein Zufall. Nach 1850 boomte der Eisenbahnbau und brauchte Stahl ohne Ende, sowohl für die Gleise wie auch für das rollende Material. Waggonräder und -achsen, Schienen und Weichen konnten so auf kurzem Weg an die Bahn übergeben werden. Gründungsidee des Werks war, das in den Hochöfen der Georgsmarienhütte gewonnene Roheisen nach dem Bessemer-Verfahren zu Stahl zu verarbeiten und daraus Produkte für die Eisenbahn zu schmieden oder zu gießen. 1868 wurde das „Eisen- und Stahlwerk zu Osnabrück“ gegründet. Gleich nach dem Krieg von 1870/71 nahm das damals modernste deutsche Bessemer-Werk mit drei Konvertern und einer Jahreskapazität von 25000 Tonnen die Produktion auf. Hammerwerk, Walzwerk, Kesselhaus und mechanische Werkstätten ergänzten die Werksanlagen.

Von Anfang an wuchsen die Bäume für das Osnabrücker Stahlwerk nicht in den Himmel. Der Markt war heftig umkämpft, Krupp und Bochumer Verein ließen sich nicht gerne Anteile von dem Kuchen wegnehmen, den sie fast monopolartig beherrschten. Hinzu kam der technische Fortschritt: Ab 1878 gestattete es das Thomasverfahren, auch aus minderwertigem Eisen Stahl herzustellen. Der Wettbewerbsvorteil der Georgsmarienhütte in Gestalt ihres phosphorfreien Roheisens war dahin. Nur den zahlreichen Erfindungen und Patenten des Stahlwerksdirektors August Haarmann im Bereich des Eisenbahnoberbaus war zu verdanken, dass das Stahlwerk sich weiter am Markt behaupten konnte. Nach einer Hochkonjunkturphase im Ersten Weltkrieg – Geschossdreherei, Geschosspresswerk und Gießerei wurden ergänzt – begannen danach wieder Krisenzeiten. 1923 übernahm Peter Klöckner den Georgsmarienhüttenverein und damit auch das Stahlwerk Osnabrück. Erst nach 1933 entschied der Klöckner-Konzern unter dem Eindruck der neuen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, das in Teilen veraltete Werk für 60 Millionen Mark zu modernisieren. Es entstand die Werksstruktur, die auch nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs im Wesentlichen so wiederaufgebaut wurde und auf dem Foto von 1969 zu sehen ist.

1971 wurde die Roheisenerzeugung im Ergebnis der „Stahlkrise“ zurückgefahren. Die fusionierten Schmiedewerke Krupp Klöckner (SKK) waren der neue Hausherr. Konzentrationsprozesse innerhalb der westdeutschen Schwerindustrie führten dazu, dass eine Abteilung nach der nächsten schließen musste. 1989 schließlich war der Ofen ganz aus. Ringwalzwerk, Hammerwerk, Weichenbau, Glüherei und Putzerei, Gießerei, Kesselhaus – insgesamt zwei Drittel des Betriebsgeländes wurden abgeräumt. Nur im hinteren Teil blieben die Mechanische Bearbeitung und einige Nebenwerkstätten erhalten, die als Firma Magnum weiterhin Kaltbearbeitungen vornimmt. Seit 1998 gehört IAG Magnum zu Jürgen Großmanns Georgsmarienhütte Holding.

Der Stadt war an der Umwandlung des Geländes in einen Gewerbepark gelegen, um die verloren gegangenen Arbeitsplätze langfristig zu ersetzen. Mittel für einen direkten Ankauf des 40 Hektar großen Areals konnte sie allerdings nicht aufbringen. So blieb ihr nur die Suche nach einem finanzkräftigen Investor und Erschließungspartner. Der wurde 1989/90 mit der Doblinger Industriebau AG München (Dibag) gefunden.

Die Hoffnung der Stadt, dass sich schnell neue Betriebe auf der innenstadtnahen Fläche ansiedeln würden, ging jedoch nicht auf. Den Hauptgrund dafür sehen Stadtplaner und Politiker in den Preisvorstellungen des Grundstückseigentümers.

Inzwischen sind im Hasepark Verwaltungsgebäude, Verbrauchermärkte und Autohäuser entstanden, aus einer früheren Werkshalle wurde die „Alex Skate Hall“. Auch wenn Aussicht besteht, dass der Paketdienstleister DHL dort bald ein neues Paketzentrum baut – auf dem ehemaligen Gelände des Schinkeler Stahlwerks klaffen weiterhin große Lücken.


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