Cognitive Science Osnabrück: 34-jährige Hirnforscherin wird Professorin

Ulla Martens findet heraus, wie das menschliche Gehirn Objekte erkennt. Hier setzt sie gerade Elektroden auf den Kopf von Probandin Joy Bredehorst. Foto: Elvira PartonUlla Martens findet heraus, wie das menschliche Gehirn Objekte erkennt. Hier setzt sie gerade Elektroden auf den Kopf von Probandin Joy Bredehorst. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Hirnforscherin Ulla Martens ist 34 Jahre alt. Wenn alles gut läuft, hat sie bald einen Professorentitel. Momentan vertritt sie eine Professur am Osnabrücker Institut für Cognitive Science. In ihren Studien beschäftigt sie sich damit, wie Menschen Objekte in ihrer Umgebung wahrnehmen. Ihre Erkenntnisse könnten eines Tages zum Beispiel verhindern, dass ein Lkw einen Radfahrer übersieht.

Die junge Wissenschaftlerin sitzt an ihrem Schreibtisch in einem Osnabrücker Uni-Gebäude. Am Ende des Tisches stapeln sich Klausuren. An der Wand hängen vier große, quadratische Ostsee-Bilder. Dr. Ulla Martens ist 34 Jahre alt, Psychologin mit neurowissenschaftlichem Schwerpunkt, und die beiden Buchstaben „PD“ vor ihrem Namen bedeuten Privatdozent. Das bedeutet, dass sich Martens bereits habilitiert, aber noch keine Professorenstelle hat. Um aus dem „PD“ ein „Prof.“ werden zu lassen, muss eine Universität sie als Professorin berufen.

In nur vier Jahren hat die 34-Jährige ihr Psychologiestudium durchgezogen. Noch einmal zwei Jahre, dann hatte sie ihren Doktor. Für die Habilitation brauchte sie noch knapp vier Jahre. Das ist unwahrscheinlich schnell. „Ich hatte gute Arbeitsbedingungen“, sagt Martens lachend. Dass die nicht der einzige Grund waren, zeigt ein Blick auf ihr Arbeitspensum. „Mit 40 Stunden kommt man nicht hin“, sagt sie. „Es gab auch Phasen, da war eine 60- bis 80-Stunden-Woche nichts. Aber ich denke nicht darüber nach. Ich komme gerne morgens ins Büro. Das ist einfach Wissenschaft.“

So lang wie die Liste ihrer Qualifikationen ist auch die Liste der Orte, an denen Martens geforscht und gearbeitet hat: Konstanz, Leipzig, Kiel, Magdeburg, Glasgow und Ulm. Einen Wissenschaftspreis in Höhe von 20000 Euro investierte Martens in einen Forschungstrip nach Finnland, wo sie drei Monate lang mit einem speziellen Messgerät gearbeitet hat. In Osnabrück lebt die Wissenschaftlerin seit fünf Jahren. „Das ist für meine Verhältnisse extrem lange.“

In ihrer Forschung geht es um die menschliche Wahrnehmung. Als Beispiel zeigt Martens zwei Bilder aus einer Präsentation. Sie zeigen beide eine Frau, die vor einem geöffneten Backofen steht. Auf dem einen Bild hält die Frau ein Blech mit Keksen in der Hand, auf dem anderen ein Schachbrett mit Figuren. „Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich das Backblech in seinem Kontext schneller erkenne, als wenn es alleine präsentiert wird“, erklärt Martens.

Die Wissenschaftlerin nutzt eine Methode, mit der sie untersuchen kann, welche Bereiche des Gehirns im Fall des Schachbretts aktiviert werden. In einer bestimmten Frequenz lässt sie dazu das Objekt selbst auf einem Bildschirm aufflackern. Der Hintergrund ohne Objekt flackert ebenfalls, aber in einer anderen Frequenz, sodass sich beide Bilder überlappen. Die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn korrespondiert mit diesen beiden Frequenzen. Ein Ergebnis der Studien: Für das Gehirn ist es ein größerer Aufwand, wenn der gezeigte Gegenstand nicht in den Kontext passt. Ziel der Forschung ist es herauszufinden, wie Menschen Objekte in ihrer natürlichen Umgebung wahrnehmen. Auch wenn es sich um Grundlagenforschung handelt: Die Ergebnisse ihrer Arbeit könnten zukünftig zum Beispiel einen Lkw erkennen lassen, dass er einen Radfahrer oder Fußgänger gefährdet. „Man kann eine intelligente Maschine diesen Kontext lernen lassen“, so Martens. Bis ins Kleinste erklärt sie souverän, wie ein Computer eine zweidimensionale Szene in ihre Bestandteile aus hell und dunkel übersetzt, Regelmäßigkeiten erkennt und den Radfahrer auf der Straße identifiziert.

So wie diesen Aspekt ihrer Forschung kann Ulla Martens alles, was sie tut, vereinfachen und dem Laien begreiflich machen. Nur folgerichtig, dass ihr auch die Lehre Spaß macht. Neun Stunden pro Woche kümmert sich Martens um den wissenschaftlichen Nachwuchs. Sie lehrt kognitive Psychologie, schult im Umgang mit dem EEG und betreut Bachelor- und Masterarbeiten. Die Lehre gefalle ihr, sagt Martens. „Da bekommt man unmittelbar Feedback. In der Forschung kann es mehrere Jahre dauern, bis man die Früchte seiner Arbeit erntet.“ Nebenbei hat die 34-Jährige als Studiendekanin in Osnabrück den Masterstudiengang Psychologie mit aufgebaut. Zudem engagiert sie sich als Gleichstellungsbeauftragte.

Ganz oben auf ihrer Agenda stehen jetzt zwei Dinge: Professur und Forschungsgelder. Ein Antrag für die Finanzierung weiterer Studien soll bis zum Sommersemester fertig sein. Gleichzeitig bewirbt sich Martens um einen Lehrstuhl. Die Konkurrenz ist groß im Rennen um den Professorentitel. „Bis zu 130 Bewerber auf eine Stelle.“ Die Qualifikation ist dabei wichtig, ein Netzwerk hilfreich, und Forschungsgelder sind nicht von Nachteil. Die hat Ulla Martens im Moment noch nicht: „Die Mitgift fehlt“, stellt sie mit einem Lachen fest.

Ob so viele Verpflichtungen und Umzüge überhaupt ein Privatleben zulassen? „Es gibt ein paar Konstanten. Und ich habe einen Partner, der das all die Jahre brav mitgemacht hat“, sagt Martens. Zu einer dieser Konstanten führen die Bilder an der Wand: „Mein Anker ist mein Segelboot in der Ostsee. Das ist der Ausgleich.“ Große Teile ihrer Habilitation habe sie dort geschrieben. Zum Meer fährt die 34-Jährige regelmäßig mit dem Zug. Der hat einen großen Vorteil: Steckdosen und Tische. „Ich habe kein Auto, weil man darin nicht arbeiten kann“, sagt Martens.


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