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„So eine Tat ist unverzeihlich“ Mordfall Christina: Angeklagter muss acht Jahre in Haft



Osnabrück. Acht Jahre muss der Mörder der kleinen Christina ins Gefängnis. Die Jugendkammer am Landgericht Osnabrück verurteilte einen 46-jährigen Osnabrücker für das Verbrechen am 27. November 1987 nach Jugendstrafrecht. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Vater und Mutter lehnen die Entschuldigung des Täters ab.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte die Mutter nach dem Richterspruch: „Aus Sicht der Eltern kann es kein gerechtes Urteil geben. Ob acht oder zehn Jahre, das bringt mir meine Tochter auch nicht wieder.“ Im Gegensatz zu Christinas Vater hatte sie sich dagegen entschieden, als Nebenklägerin an dem Prozess teilzunehmen. Die Eltern lebten bereits zum Tatzeitpunkt getrennt.

Den Tod der Tochter habe sie mittlerweile verarbeitet, so die Mutter. „Auch wenn der Schmerz bleibt.“ Die Entschuldigung des Mörders lehnte sie genauso wie der Vater ab. „Das ist unverzeihlich“, sagte sie. Anders als der Vater hatte die Mutter sich dagegen entschieden, als Nebenklägerin an dem Prozess teilzunehmen.

Urteilsbegründung

„Sie haben Ihr Leben leben können“, hielt der Vorsitzende Richter Franz-Michael Holling dem Angeklagten in seiner Urteilsbegründung vor. „Das sind alles Dinge, die Christina verwehrt worden sind.“ Der 46-Jährige wackelte unter der Wucht der Worte mit dem Oberkörper hin und her.

Er habe das Mädchen „grausam geschändet“, führte Holling aus und machte noch einmal deutlich, mit welcher Gewalt der Neunjährigen ihr Schal in den Hals gestopft worden sein musste, damit sie letztlich daran erstickte. „Der Vernichtungswille ist ganz offenbar da gewesen“, so der Vorsitzende Richter. Die Tat sei „zu tiefst sinnlos und unerklärlich“.

Aus Sicht des Gerichts hatte der Osnabrücker Christina vor 26 Jahren gegriffen, in ein Gebüsch gestoßen und hier dann versucht zu vergewaltigen. Um die Straftat zu verbergen, habe er das Mädchen „mit erheblicher Kaltblütigkeit“ ermordet. Es habe sich um eine Spontantat gehandelt, die vorher nicht geplant worden sei.

„Erwachsener mit kindlichen Zügen“

Holling begründete die Verurteilung nach Jugendstrafrecht mit dem Entwicklungsstand des Mörders zum Tatzeitpunkt. Damals war er 19 Jahre alt. Als „Erwachsenen mit kindlichen Zügen“ beschrieb ihn der Vorsitzende Richter. Dem Mann habe elterliche Liebe gefehlt, nach dem seine Mutter früh gestorben, sein Vater im Gefängnis saß und er selbst bei Pflegefamilien aufgewachsen sei. Er habe eine sexuelle Identitätsstörung gehabt und zumindest zum Tatzeitpunkt eine pädophile Neigung.

Als Maximalstrafe hätte das Gericht zehn Jahre ansetzen können. Das mildere Urteil begründete Holling unter anderem mit dem Geständnis des Mannes. Er habe „unter dem Druck des DNA-Ergebnisses reinen Tisch gemacht“. Holling: „Wir konnten uns hier mit Christina befassen und nicht mit irgendwelchen Anträgen.“ Auch die Tatsache, dass der 46-Jährige nach dem Mord nie wieder strafrechtlich in Erscheinung getreten war, hielt ihm das Gericht zu gute. Es habe sich um eine „furchtbare einzelne Tat gehandelt, bei der Sie Schuld auf sich geladen haben.“

Revisionsfrage offen

Das Gericht entsprach mit dem Urteil der Forderung von Staatsanwaltschaft und Nebenklage , die ebenfalls acht Jahre Haft gefordert hatten. Pflichtverteidiger Frank Otten hatte sechs Jahre und sechs Monate gefordert. Eine Woche bleibt seinem Mandanten jetzt Zeit zu entscheiden, ob er Revision einlegen will. Dann müsste der Bundesgerichtshof das Osnabrücker Urteil überprüfen.

Holling schloss seine Urteilsbegründung mit den Worten, dass „ein Gefühl der Unfassbarkeit bleibt“. Die Frage nach dem Warum habe über dem Verfahren geschwebt, sei aber nicht beantwortet worden.

Horst Kuhn, ehemaliger Leiter der Mordkommission Christina bei der Osnabrücker Polizei, zeigte sich nach dem Urteil dennoch „einfach erleichtert“. Er hatte 1987 die Ermittlungen geleitet, konnte den Täter aber nicht fassen. „Gerechtigkeit konnte es in diesem Fall nicht geben. Das Urteil ist aber angemessen“, sagte der pensionierte Ermittler. Ob er nun mit dem Fall abschließen könne? „Die Traurigkeit, die bei mir im Zusammenhang mit Christina immer wieder hochkommt, kann man nicht unterdrücken.“

„So eine Tat ist unverzeihlich“

Ähnlich äußerte sich auch Anwalt André Knapheide, der den Vater als Nebenkläger im Verfahren vertreten hatte. „So eine Tat ist unverzeihlich“, sagte er hinsichtlich der Entschuldigung des Mörders bei den Eltern des Mädchens. „Christinas Vater hat sich die Entschuldigung angehört, aber eine Absolution kann er nicht erteilen“, sagte der Jurist.

Wie geht es weiter? Wird das Urteil rechtskräftig, wird der 46-Jährige, der vor wenigen Tagen Geburtstag hatte, verlegt. Seit seiner Festnahme im vergangenen Jahr sitzt er in der JVA Osnabrück in Untersuchungshaft. Diese ist aber nicht für längerfristige Aufenthalte gedacht. Vermutlich wird er in die JVA Lingen verlegt, wo unter anderem entsprechende Therapiemöglichkeiten bestehen. In seinem Schlusswort hatte der Mann angekündigt, weiter nach der Antwort auf die Frage nach dem Warum suchen zu wollen. Sollte er sie finden, wolle er sie Christinas Eltern mitteilen.


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