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Kunterbunte Mischung Die Redlingerstraße entdeckt sich neu – Ein Spaziergang durch das angesagte Viertel



Osnabrück. Oswald „Ossi“ Kaufmann ist mit seinem Lokal von der Redlingerstraße nach Lüstringen ausgewandert. Der 75-Jährige war 25 Jahre lang Pächter der Altstadtkneipe „Zum Krummen Ellenbogen“ im Haus Nr. 8 an der Ecke zum Kamp, in dem heute die Tapas-Bar „Saro“ ist. Als 2009 sein Vertrag auslief, musste er gehen und ist jetzt Vereinswirt am Stadtrand.

Die Ecke war früher „verkrümelt“, eine „graue Zone“ und „verarmt“, sagt Ossi Kaufmann über die Redlingerstraße. Trotz der Nähe zur Großen Straße hätte sich keiner freiwillig dorthin verlaufen. Es sei denn, es habe geheißen: „Mensch, ich geh nach Ossi“, so Kaufmann. Und das sei ständig der Fall gewesen.

Als er angefangen habe, war da noch das Haus Brehe am Kamp. „Das stand mitten auf der Straße“, sagt Kaufmann, „das ist alles weggerissen worden.“ Das war im Jahr 1992.

Ossi Kaufmann erinnert sich gerne an die Zeit an der Redlingerstraße. Das sei eine schöne Zusammenarbeit gewesen: mit dem „alten Haudegen“, wie er den verstorbenen Wirt des Grünen Jäger, Helmut Rupp, nennt und dem Tiefenrausch. Wäre er nicht so alt, würde er dort wieder neu anfangen, sagt er.

Ein paar Meter vom jetzigen „Saro“ entfernt haben Nicole Knese und ihr Mann Yll Qirezi Mitte September die Kaffeebar „barösta“ eröffnet. Auch Yll Qirezi kennt die Redlingerstraße von früher – aus Zeiten, als er noch an der Rolandsmauer wohnte. Die Straße passe zum Konzept des Kaffees: „Bioprodukte, selbst gemachte Kuchen und frisch gerösteter Kaffee“, zählt Qirezi auf. Ein bisschen alternativ, wie er sagt. Das Publikum? „Ein Mix“, sagt Qirezi. Vor allem aber Frauen und Studenten – auch männliche, so Qirezi.

Auf derselben Straßenseite steht ein hellblaues Haus. 1952 sei es wieder aufgebaut worden, erzählt Wolfgang Brüggemann. Aus seinem Wohnzimmerfenster blickt der 76-Jährige auf die Redlingerstraße. Seine Familie wohnt – mit Unterbrechungen in Zeiten des Kriegs – seit 1901 dort. „Sie ist lebhafter geworden“, sagt Brüggemann über die Straße. Vor dem Krieg waren hier Handwerksbetriebe, wie er sagt: „Elektro Hartmann, ein Tischler, ein Schuster, ein Sattler und eine Schmiede“, erinnert er sich.

Mit den Kneipen sei es etwas lauter geworden und oft schwer, einen Parkplatz zu finden. „Ich finde, es hat sich gut entwickelt“, sagt seine Frau, Ursula Brüggemann. Seit die Abkürzung über den Schulhof der Hauptschule geschlossen sei, würden die Jugendlichen auch nicht mehr so „dölmern“, sagt die 75-Jährige. Ein Ärgernis bleibe das Stück an der Einfahrt zum Bunker. Vor dem Neubau des Hauses 4a standen einst „lauter blühende Büsche“, sagt Ursula Brüggemann. Jetzt sei die Ecke etwas verwildert. Anwohner hätten da schon Schilder aufgehängt mit der Aufschrift: „Auch du bist live im Netz auf ,www.beetpisser.de‘.“ Ein Scherz (die Internetseite existiert nicht), um sogenannte Wildpinkler abzuschrecken.

Auch Petra Koch, Inhaberin des Cafés „Bagel“, würde sich eine Gestaltung der Ecke wünschen. „Gerade wo die Straße so schmuck ist“, sagt sie. Im Sommer habe es ein Treffen mit Anwohnern, dem Servicebetrieb, dem Leiter des Familienbündnisses und dem Besitzer des Neubaus gegeben. Sie hatte vorgeschlagen, Parkplätze für Kinderwagen einzurichten – hüfthohe Boxen mit Vorhängeschloss. „Was will die Neue mit den spleenigen Ideen?“, dieses Gefühl hatte Koch nach dem Termin.

Jetzt soll der Eigentümer Rabattenzäune aufstellen, erklärt Frank Bludau vom Osnabrücker Servicebetrieb. Anschließend werde die Stadt die Flächen mit Efeu begrünen.

Fast schon ein Urgestein in der heutigen Redlingerstraße ist der Comicladen „Neunte Kunst“. Besitzer Ansgar Sprehe sieht das Aufsehen um die Straße gelassen: Es habe immer Fluktuation gegeben – „mal mehr, mal weniger“. Er befürchtet, dass irgendwann die Mieten ansteigen könnten, wenn der Wirbel um die Redlingerstraße anhält.

Jeden Wandel gelassen übersteht die Traditionskneipe „Der Grüne Jäger“, die an der Ecke zum Adolf-Reichwein-Platz thront. Seit 1859 wird dort Bier ausgeschenkt. Die Geschwister Pascal Rupp und Sylvia Schley führen den „Jäger“ in zweiter Generation seit 1989. Mittlerweile kämen schon die Kinder der Studenten, die ihr Vater bedient habe.

Als Kinder spielten sie auf dem Parkplatz, der an der Osterberger Reihe entstand, nachdem die Kriegstrümmer weggeräumt worden waren. Pascal Rupp erinnert sich an „einen Opa mit einem Arm“, den Parkplatzwächter. „Hieß der Wilhelm?“, überlegt er. Damals saßen dort Mitglieder der Christlichen Versehrtenhilfe, um die Parkscheine abzureißen. Zu der Zeit sei dort nur eine kleine Spielfläche gewesen. „Ein Hundeklo“, sagt Rupp. Von 1974 bis 1981 wohnten die Rupps an der Redlingerstraße. „Das war unsere Kindheit“, sagt der Gastwirt. Dann hätten sie mit den Kindern aus dem chinesischen Restaurant an der Katharinenkirche gespielt, „da, wo jetzt die Loge drin ist“, erzählt Rupp.

Gerne sei er auch auf den Spielplatz gegangen, der am anderen Ende der Redlingerstraße beim „Krummen Ellenbogen“ gelegen habe. „Da sind wir immer rumgeturnt“, erzählt Rupp. Kein Vergleich jedoch zu dem Spielplatz mit der Hansekogge, der heute auf dem Adolf-Reichwein-Platz ist. Mittlerweile würden viele sagen, dass er der schönste Platz in Osnabrück sei. Zu dem „urbanen, familiären Flair“ des Platzes, wie Rupp sagt, passe die Redlingerstraße. „Schade, dass dort noch ein paar Häuser leer stehen“, sagt der Gastwirt. Die Redlingerstraße jedenfalls sei viel schöner, als sie damals gewesen sei.


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