Plädoyers im Mordprozess Fall Christina: „Unser Angeklagter ist kein Monster“


Osnabrück. Plädoyers im Mordfall Christina: Die Staatsanwaltschaft fordert acht Jahre Haft nach Jugendstrafrecht für den Angeklagten. Die Verteidigung hält ein Strafmaß von sechs Jahren und sechs Monaten für angemessen. Am Montag fällt das Urteil vor der Jugendkammer des Landgerichtes Osnabrück.

Am Ende seines gut einstündigen Plädoyers hält Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp inne. Grauenhafte Details hat er geschildert, achteinhalb Jahren Haft wegen Mordes nach Jugendstrafrecht gefordert. An die Zuschauer im Saal des Landgerichtes Osnabrück gewandt, sagt er: „Unser Angeklagter ist kein Monster. Er ist ein Mensch.“

Unser Angeklagter – eine ungewöhnliche Formulierung von dem Mann, der seit 1999 mit dem Mordfall Christina betraut war. Auch er jagte das Phantom mehr als ein Jahrzehnt vergeblich. Jetzt sitzt der Osnabrücker, der den Mord an dem Mädchen am 27. November 1987 gestanden hat, nur wenige Meter von ihm entfernt.

„Unbedingten Vernichtungswillen“ attestiert ihm der Anklagevertreter. Er habe Christina nach dem sexuellen Missbrauch ihren Schal in den Hals gestopft, bis sie erstickte, um „das Mädchen als Zeugin zu beseitigen“. Feldkamp wählt harte Worte. Der Angeklagte auf der anderen Seite des Saals weint. „Diese schreckliche Tat hat ein Gesicht bekommen“, sagt der Oberstaatsanwalt in seine Richtung, um dann verstörende Einblicke in das Sexualleben des 45-Jährigen zu geben.

Trotz des unfassbaren Verbrechens, das „auf grausamste Art bewusst gemacht hat, dass wir das liebste und kostbarste, was wir haben, nicht immer schützen können“, sei der Angeklagte aber „nicht die Reinkarnation des Bösen“, schließt Feldkamp.

Er fordert acht Jahre Haft nach Jugendstrafrecht. Die Nebenklage schließt sich später an. Die Gutachten hätten ergeben, dass der zum Tatzeitpunkt 19-Jährige vom Reifegrad einem Heranwachsenden gleichzustellen war. Zehn Jahre wären maximal möglich. Doch Feldkamp rechnet dem Osnabrücker sein Geständnis an. Ohne seine Aussage wäre der Mord wohl nicht nachzuweisen gewesen. Es wird das Geständnis sein, das ihn ins Gefängnis bringt. Nicht die DNA-Spur, die 25 Jahre nach dem Mord zu ihm führte.

Verteidiger Frank Otten widerspricht Feldkamp in einem Punkt: Es dürfe seinem Mandanten nicht nur das Geständnis angerechnet werden. Auch die lange Zeit, die die Ermittler im Dunkeln tappten, müsse berücksichtigt werden, fordert er und verweist auf andere Gerichtsentscheidungen. Sechs Jahre und sechs Monate hält er deswegen für angemessen, schiebt aber hinterher: „Was ist ein Mensch in Zahlen ausgedrückt?“ Ob er damit Christina oder den Angeklagten meint, bleibt unklar.

„Er hat nichts beschönigt oder getrickst“, sagt Feldkamp. Es sei alles logisch gewesen, was der Angeklagte gestanden habe. „Das Einzige, was für mich nicht logisch ist: warum er mit dem Mädchen schlafen wollte. Das bleibt für mich ein Rätsel.“

Der 45-Jährige greift das später in seinem Schlusswort auf. „Darauf habe ich auch keine Antwort“, sagt er, nachdem er sich hingestellt hat. Sollte er sie je finden, werde er sie den Eltern von Christina mitteilen. „Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Ich wollte mich eigentlich nur entschuldigen.“ Dann setzt er sich hin. Ein Monster ist dieser Mann nicht. Aber ab Montag wohl ein verurteilter Mörder.

Den fünften Verhandlungstag können Sie auf noz.de nachlesen. Den gesamten Fall haben wir auf der Themenseite noz.de/christina zusammengefasst.


Am Montag wird die Jugendkammer ihr Urteil fällen. Der letzte Prozesstag beginnt ab 11 Uhr. Zuschauer erhalten ab 10 Uhr am Landgericht Sitzplatzkarten.

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