Thema „Soldatsein heute“ Anspruchsvoller Auftakt der Osnabrücker Friedensgespräche

Eine hochrangig besetzte Experten-Runde diskutierte zum Auftakt der Osnabrücker Friedensgespräche über das Thema „Soldatsein heute“. Foto: Uwe LewandowskiEine hochrangig besetzte Experten-Runde diskutierte zum Auftakt der Osnabrücker Friedensgespräche über das Thema „Soldatsein heute“. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Ein komplexes wie durch die Krim-Krise unverhofft aktuelles Thema stand zum Auftakt der diesjährigen Osnabrücker Friedensgespräche auf dem Programm: Soldatsein heute. Vor gut gefüllter Aula im Schloss analysierte ein dreiköpfiges Expertengremium die Konflikte, in die ein Soldat der heutigen Bundeswehr sowohl im Auslandseinsatz als auch innerhalb Deutschlands geraten kann.

Moderator Arnulf von Scheliha, Theologe sowie Erziehungs- und Kulturwissenschaftler an der Universität Osnabrück, richtete zur Einleitung der Debatte den Fokus auf das Selbstverständnis der Einsatzkräfte, welches ebenfalls geprägt sei von Spannungen und Konflikten, aber auch von diffizilen Schuldfragen.

Truppe in Entwicklung

Befindlichkeit und Selbstwahrnehmung der Truppe hätten in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und bis heute Phasen der Wandlungen durchlaufen, stellte Dirk Kurbjuweit, „Spiegel“-Autor sowie Autor des Romans „Kriegsbraut“ über eine deutsche Soldatin im Afghanistan-Einsatz, dar. So sei die Bundeswehr Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre „von einer Kampftruppe weit entfernt“ gewesen. „Das waren die Zeiten des Kalten Krieges, die Friedenszeiten waren. An Kämpfen dachte keiner, es war eher wie eine Spedition in Uniform“, sagte Kurbjuweit, selbst Kriegsdienstverweigerer, als Journalist aber in mehreren Kriegsgebieten im Einsatz und mit deutschen Soldaten dort unterwegs.

2009 in Afghanistan sei die Lage anders gewesen. „Da war zum ersten Mal Krieg“, sagte Kurbjuweit. Ein „neuer Typus“ des Soldaten, der „Krieger“ habe sich herausgebildet, die Grundstimmung sei „Paranoia“ gewesen - „berechtigt“ nach den Anschlägen beispielsweise in Kundus, wie Kurbjuweit betonte. „Doch es schien mir, die Soldaten gehen sehr gelassen um mit neuen Gefahren und neuen Bedrohungen“, so der Autor weiter. „Es schien mir, die Bundeswehr sei eingestellt und bereit dafür.“

Frauen im Einsatz

Auch seien erstmals Frauen auch in Kampfeinsätzen der Bundeswehr gewesen. Aus einer Begegnung mit einer Soldatin in Afghanistan, mit der er lange Gespräche geführt habe, sei dann sein Buch „Kriegsbraut“ entstanden. Dem Buch bescheinigen Literaturkritiker wie Militärexperten eine hohe Glaubwürdigkeit und einen exakten Blick in das Leben und Fühlen der Soldaten im Auslandseinsatz.

Das Grundproblem, unter dem dieser neuer Typus des Soldaten leide, so Kurbjuweit, sei das Gefühl, im eigenen Land keinen Rückhalt zu haben. Diese Kriegseinsätze seien nicht einmal bei Politikern „ein besonders populäres Thema“, darüber spreche „nicht einmal Frau Merkel gern“, so der Autor. „Für Soldaten ist das besonders verletzend, wenn sie sich im Stich gelassen und allein gelassen fühlen“, sagte er. Hinzu kommen Langzeitfolgen nach traumatischen Ereignissen im Kriegseinsatz.

Angelika Dörfler-Dierken, Wissenschaftliche Direktorin am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in Potsdam, bestätigte dies. Die Gesellschaft sei eher pazifistisch und Kriegseinsätzen gegenüber kritisch eingestellt. Demgegenüber stehe der Soldat, der die Herstellung der Ordnung mit der Waffe erzeugen müsse, was Konfliktstoff berge.

Und nicht einmal in der Truppe selbst sei die Selbstwahrnehmung eindeutig oder gar homogen. Dörfler-Dierken richtete in diesem Zusammenhang den Fokus auf die Individualität eines jeden einzelnen Soldaten. Es gebe eine Vielfalt an Meinungen und Einstellungen, einen „Pluralismus innerhalb der Bundeswehr“, führte Dörfler-Dierken aus. „Die Soldaten haben kein einheitliches, konkretes Selbstverständnis“, erläuterte Dörfler-Dierken.

Dienst an der Waffe

„Und was eint sie? Ganz einfach: Sie leisten Dienst an der Waffe“, fügte die Wissenschaftlerin hinzu, die auch Theologin ist. Die Soldaten wüssten, dass Schießtrainings Teil der Ausbildung und auch später im Soldatenalltag präsent seien. „Herstellung von Ordnung unter Einsatz der Waffe“, sei hier einende Element.

Dem gegenüber steht die persönliche Verschiedenartigkeit, die Dörfler-Dierken mit Zahlen aufzeigte: Von den rund 190.000 Soldaten, die es heute bei der Bundeswehr geben, seien zehn Prozent Frauen und etwa 30 Prozent Berufssoldaten. Allein diese Gruppen haben je unterschiedliche Anforderungen, Bedürfnisse und Erwartungen an die Truppe udn an ihr persönliches Leben.

Drittgrößter Posten im Bundeshaushalt

Wie bedeutsam die Bundeswehr in unserem Land ist, belegte sie mit weiteren Zahlen. So sei die Bundeswehr einer der größten Arbeitgeber im Land, etwa „vergleichbar mit der Caritas“, zudem seien 60 Prozent der Bundesbediensteten bei der Bundeswehr. „Etwa zehn Prozent des Bundeshaushaltes“ mache der Wehretat aus, das sei der „drittgrößte Posten überhaupt“, erklärte Dörfler-Dierken.

Fehlende Präsenz

Dass die Bundeswehr heutzutage „kaum noch in Deutschland präsent“ sei, kritisierte Hellmut Königshaus, Wehrbeauftragter der Bundesregierung und Dritter in der Expertenrunde. So seien etwa Fahrzeuge der Bundeswehr heutzutage „nur noch in Ausnahmefällen olivgrün“. Auch hätten Uniformierte Probleme, etwa wenn sie in Schulen Informationsstunden abhalten wollten. Hinzu käme die Ablehnung von Bundeswehreinsätzen im Ausland. „Soldaten legen Wert drauf, dass sie den Rückhalt der Gesellschaft haben“, erklärte Königshaus. „Aber es gibt in vielen Bereichen erhebliche Ablehnung, und das führt zu einer großen Belastung.“

Hinzu kämen Details, die vielen Unbeteiligten oft nicht bekannt oder bewusst seien. So seien viele Soldaten, „auch etwa Mütter und Väter von kleinen Kindern“ häufig „wochenlang von zu Hause weg“, etwa zur Ausbildung oder im Einsatz. „Bis zu 150 Tage im Jahr“ könne dies ausmachen, sagte der Wehrbeauftragte. „Dann sehen sie ihre Kinder kaum oder nur am Wochenende“, fügte er hinzu und betonte, hier gebe es „Nachholbedarf“, um die Bundeswehrstrukturen entsprechend anzupassen.

Keine Zeit für Verein und Co.

Auch das gesellschaftliche Leben leide, es sei bei diesem Arbeitsrhythmus praktisch nicht möglich, einem Verein, einem Chor oder der Freiwilligen Feuerwehr beizutreten. „Und auch die Trennungs- und Scheidungsrate muss man sich mal ansehen“, sagte Königshaus, der auch „Standortentscheidungen“ ohne Ansehen der Bedürfnisse der Soldaten sowie die immer noch mangelhafte Ausrüstung der Truppe kritisierte. „Und dann noch die seelische Vernachlässigung der Soldaten durch die Gesellschaft, während man im Einsatz mit Extremsituationen konfrontiert ist“, komplettierte Königshaus das Bild der Belastung. Hier fehle es manches Mal an Verständnis, sagte Königshaus, der auch Führungskräfte innerhalb der Truppe davon nicht ausnehmen wollte. Doch insgesamt sei dies „nicht ein rein militärisches Problem“, sagte er.

Auch gebe es Fortschritte zu vermelden, etwa im Umgang mit traumatisierten Soldaten oder auch im Einsatz vor Ort. Königshaus nannte Dinge wie die Schaffung einer funktionierenden Stromversorgung oder den Straßenbau in Afghanistan. „Es gibt nicht nur die berühmten Mädchenschulen, die gibt es auch, aber das ist eben nicht alles“, betonte er. Dies alles helfe, die Sinnhaftigkeit dieser Einsätze zu erkennen.

Gemeinsamer Ansatz

Um die Soldaten aus ihrer belastenden, weil isolierten Situation im Heimatland zu befreien, plädierte Dörfler-Dierken für einen „gemeinsamen Ansatz für Sicherheit und Frieden in der Welt“, der auch andere Gruppen, etwa Entwicklungshelfer, miteinbeziehe. Diese hätten ähnliche Erfahrungen und Belastungen durch Auslandseinsätze, erklärte die Militärexpertin. „So ein gemeinsamer Ansatz könnte die Bundeswehr aus ihrer Kriegsrolle und der Isolation holen“, sagte Dörfler-Dierken unter Applaus des Publikums.

Auch Kurbjuweit schlug eine Bresche für die Soldaten und speziell den viel kritisierten Afghanistan-Einsatz: „Die Bundeswehr hat dem Norden auch zwölf, dreizehn ruhige Jahre gebracht. Ich würde nicht sagen, dass das ein Fehlschlag war“, sagte er abschließend.

Fortführung im Mai

Die Osnabrücker Friedensgespräche werden am 11. Mai 2014 um 19 Uhr im Theater Osnabrück fortgesetzt. Das Thema: Musiktheater als politische Bühne? Gäste sind der Hamburger Politikwissenschaftler und Publizist Udo Bermbach, der Opern- und Konzertdirigent Lothar Zagrosek sowie Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und der Bayerischen Theaterakademie.


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