„Vor allem Arbeiter meldeten sich“ Historiker: Erster Weltkrieg kam schnell nach Osnabrück


Osnabrück. Wie veränderte das Sterben an der Front das Leben in den Städten? Die Wissenschaft hat diese Frage bisher kaum beantwortet. Ihr widmen sich deshalb die Osnabrücker Historiker Christoph Rass und Sebastian Bondzio. Gefördert vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium, erforschen sie anhand von Quellen aus dem Landesarchiv, wie der Tod nach Osnabrück kam.

Herr Dr. Rass, anders als im Zweiten Weltkrieg fand das Sterben im Ersten Weltkrieg fast ausschließlich weit entfernt an der Front statt. Wie kam der Krieg in die Stadt?

Sehr schnell. Eines der ersten Zeichen war: Die Männer gingen weg. Osnabrück verließen etwa 15000 Soldaten – das war fast die Hälfte der erwachsenen männlichen Bevölkerung. Der Jüngste war 16, der älteste bereits über 60. Es kamen Verwundete von der Front. Die Umstellung auf die Kriegswirtschaft brachte den Arbeitsmarkt durcheinander, zunächst schnellte die Arbeitslosigkeit hoch, später wurden die Arbeitskräfte knapp, dann gingen die Frauen in die Fabriken, neben ihnen arbeiteten Kriegsgefangene. Ab Mitte des Krieges wurde die Versorgung mit Lebensmitteln schwierig. Und oft war die ökonomische Existenz der Familie bedroht – etwa wenn der Vater einer Handwerker- oder Arbeiterfamilie starb.

Aber Berichte vom Grauen an der Front gelangten wegen begrenzter Informationsmöglichkeiten vermutlich später zu den Menschen als in folgenden Kriegen.

Das glaubt man, aber ein Befund unserer Untersuchungen ist, dass die Nachricht vom Tod eines Sohnes, Bruders, Vaters, Ehemanns relativ schnell nach Osnabrück gelangte. Nach verlustreichen Schlachten kam jeweils zwei bis drei Wochen später eine Welle von Todesmeldungen. Das erste Anzeichen war für die Familien zuvor meist, dass die Feldpost ihres Angehörigen ausblieb. Viele Soldaten haben sehr regelmäßig Lebenszeichen geschickt, und die kamen auch ziemlich zuverlässig an. Wenn nicht, wussten die Angehörigen: Irgendetwas ist passiert.

Wie erreichte die Todesnachricht die Familie?

Die militärischen Einheiten führten in ihren Stammrollen Buch über die Lebenden und die Toten. Im Todesfall ging ein Auszug daraus zu einer Zentralnachweisstelle in Berlin. Die schickte eine Nachricht an das Standesamt im Herkunftsort des Soldaten, das dann die Sterbeurkunden ausfertigte. Manchmal nahmen sich die Kompanieführer auch die Zeit, Briefe an die Familien zu schreiben. Aber das war wegen der Vielzahl der Toten die Ausnahme.

Brachte ein Amtsträger die Nachricht persönlich?

Das ist schwer zu rekonstruieren. In Preußen gab es – anders als in Frankreich – kein Standardverfahren. Auf dem Land ist ein persönlicher Besuch eher denkbar: Dort mag der Bürgermeister gekommen sein, der Priester oder der Lehrer als Respektsperson. Von Osnabrück wissen wir, dass die Geistlichen von der Entwicklung stark überfordert waren – zumal einige Priesterstellen unbesetzt waren. Viele waren selbst an der Front.

Wie spiegelte sich das Sterben in der Presse wider?

An den Zeitungen konnte man die Konjunktur des Todes ablesen. Zu Beginn gab es in der Osnabrücker Zeitung – diese haben wir ausgewertet – Totenlisten in der Rubrik „Unsere Helden“. Außerdem schalteten die Familien Todesanzeigen. Und darüber wurde geredet.

Wie haben Familien getrauert, die ein Mitglied verloren?

Das war besonders schwierig, denn im Krieg sterben die Jungen vor den Alten. Es war nicht die gesellschaftlich eingeübte, den Generationen folgende Verlustbewältigung. Dazu kam: Die Körper der Toten waren nicht da. Sie wurden im Kriegsgebiet bestattet. Und wegen des intensiven Granatbeschusses war von vielen praktisch nichts mehr übrig, oder sie konnten nicht mehr identifiziert werden. Religiöse Riten wie die Bestattung, die ja auch der Verarbeitung des Verlustes dient, funktionierten zu Hause also nicht. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Seelsorge der Kirchen durchaus zwiespältig wirkte. Oft ging diese eher in Richtung einer Heroisierung der Toten. Ob das geholfen hat, lässt sich heute schwer sagen.

War es vielleicht gar nicht erwünscht, dass allzu sichtbar getrauert wurde?

Die Regierenden achteten sehr darauf, dass die Stimmung nicht kippte. Aus der Zeitungsrubrik „Unsere Helden“ verschwanden nach ein paar Wochen die Toten, als man erkannte, dass dieser Krieg keine kurze Angelegenheit werden, sondern viele Menschenleben kosten würde. Statt der Toten wurden dort nun Ehrungen und Beförderungen aufgeführt. Die preußische Verluststatistik, die man käuflich erwerben konnte, wurde etwa zeitgleich im Jahr 1915 auf das Dreifache ihres anfänglichen Preises verteuert. Und wenn wir uns Predigten ansehen, fällt auf, dass die Geistlichen einen mitfühlenden Umgang mit den betroffenen Familien anmahnten. Das könnte darauf hinweisen, dass es eine Trennungslinie zwischen Betroffenen und nicht Betroffenen gab.

Gab es auch eine Linie zwischen sozialen Schichten?

Getrauert wurde in allen Schichten. Wir erfassen die Städte Osnabrück, Aachen und den Landkreis Aurich. Und überall zeigt sich, dass die Verteilung der Todesfälle die Gesellschaft des Kaiserreichs nahezu eins zu eins abbildet. Das ist besonders aufschlussreich bei den Kriegsfreiwilligen, die in den ersten Monaten in die Annahmestellen strömten. Publizistik und Forschung sagen seit 100 Jahren, die Kriegsfreiwilligen seien eine bürgerliche Bewegung gewesen – Oberprimaner und Studenten aus höheren Schichten. Unsere Untersuchungen zeigen aber: Der größte Teil der Kriegsfreiwilligen kam aus dem Arbeitermilieu.

Müssen wir unser Bild von der anfänglichen Kriegsbegeisterung in Deutschland korrigieren?

Unsere Untersuchungen widersprechen dem tradierten Narrativ. Die Mehrheit der rund 200000 Kriegsfreiwilligen stammte wahrscheinlich aus der urbanen Unterschicht. Das Phänomen ging quer durch die Gesellschaft und war eben nicht nur im Bürgertum angesiedelt. Das heißt: Wir haben einen großen Teil der Kriegsfreiwilligen übersehen. Die Forschung bezieht sich auf die Gruppe der Bürgerlichen. Und nun stellen wir plötzlich fest: Zwei Drittel wurden bisher nicht berücksichtigt. Das stellt uns neue Fragen. Warum meldeten sich diese Leute freiwillig? Welche Motive hatten sie? Jetzt müssen wir nach weiteren Analysemöglichkeiten und Erklärungen suchen.

Wie konnte diese Forschungslücke entstehen?

Auf der einen Seite ging vom Bürgertum nach dem Krieg eine starke Mythologisierung der „Kriegsfreiwilligen“ aus, während die Arbeiterbewegung sich sehr bald vom Krieg distanzierte. Ihr Mythos wurde die November-Revolution, und die passte mit der Kriegsbegeisterung von 1914 nicht zusammen. Auch die Quellenlage hat etwas damit zu tun. Anders als die Bürgerlichen haben die Arbeiterfamilien die Feldpostbriefe selten in die Stadtarchive gebracht, die sogenannte Kriegsarchive einrichteten. An diesem Punkt müssen wir die bisherige Quellen-Auswertung infrage stellen.

An der Front starben Hunderttausende. Die Folgen waren, wie Sie sagen, im Hinterland deutlich spürbar. Wie war es möglich, dass die Gesellschaft das so lange ertrug, ohne aufzubegehren.

Das Massensterben in besonders heftigen Schlachten an der Front schlug unterschiedlich auf die Städte und Regionen in Deutschland durch. Mal war die eine Stadt stärker betroffen, mal die andere. Diese räumliche und zeitliche Verteilung über die Gesellschaft sorgte für eine Art Kappungseffekt. Die exorbitanten Gesamtverluste waren somit nicht überall gleich spürbar. Es gab vielleicht sogar eine gewisse Vereinzelung der betroffenen Familien. Die Mehrheit kam davon, die vom Kriegstod betroffenen Familien blieben immer eine Minderheit. Das kann helfen zu erklären, warum die Gesellschaft so ein Schlachten vier Jahre lang hinnahm.

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