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Polemischer Heimatabend Bissiger Streit um Osnabrücker West-Straße


Osnabrück. Heimatabend – das klingt so anheimelnd und harmonisch. Kalla Wefels Heimatabend gestern Abend zum Thema Entlastungsstraße West (oder Westumgehung) war alles andere als harmonisch. Bissige Zwischenrufe, hämisches Gelächter: Das Thema polarisiert, und in der Lagerhalle fielen Befürworter und Gegner einander ins Wort. Es lag wohl auch daran, dass die Betroffenen unter den 250 Zuhörern die absolute Mehrheit bildeten.

Dennoch war es ein Eversburger, der sich als erster Zuhörer in der Diskussion zu Wort meldete und den Blick auf das gesamtstädtische Verkehrsnetz richtete. Berufspendler, die von Eversburg zur A 30 wollten, bleibe nur der Weg quer durch die Stadt, sagte er. Doch bevor Straßen-Gegner Andreas Kühn antworten konnte, intervenierte ein Zwischenrufer und fragte nach Alternativen zur Entlastungsstraße.

Die Antwort ging unter im munteren Dazwischenreden. Nicht nur bei dieser Frage. Wer zum Heimatabend gekommen war, um sich eine Meinung zur West-Straße zu bilden, der wird ratlos die Lagerhalle verlassen haben – vielleicht um die Erkenntnis reicher, dass dieser Abend die Gegensätze noch weiter verfestigte. Bemühte Sachlichkeit auf dem Podium, Polemik im Publikum.

Für viele Zuhörer steht mit der Bürgerbefragung am 25. Mai offenbar auch viel auf dem Spiel. Kommt die Straße, werden viele Häuser an der Trasse plötzlich weniger attraktiv und verlieren an Wert. Andererseits könnten sich die Anwohner der Gluckstraße bis Mozartstraße über Ruhe, bessere Lebensqualität und steigende Immobilienwerte freuen.

Daniel Bugiel, Vertreter der Initiative für die Entlastungsstraße, wohnt an der Gluckstraße und verhehlte nicht, dass er – um die Verkehrsbelastung wissend _ dort vor einigen Jahren ein Haus mit seiner Familie bezogen hat. Natürlich würde er persönlich von der neuen Straße profitieren. Das gelte aber auch für die Käufer der Häuser im ehemaligen Briten-Viertel: „Für die meisten ist das ein Vabanque-Spiel“, sagte Bugiel.

Ungläubiges Staunen und kritische Zwischenrufe erntete Bugiel, als er die Lärmbelastung an der Gluckstraße auf der Grundlage eines professionellen Rechenmodells darstellte. Demnach liegt die Lärmbelastung am Tage bei 60 bis 66 Dezibel und damit deutlich über dem in Wohngebieten zulässigen Grenzwert. Bugiel rechnete weiter: Wenn der Rubbenbruchsee tatsächlich in dem Maße vom Lärm betroffen wäre, wie von den Straßen-Gegnern behauptet, müssten nach diesem Modell stündlich 54000 Fahrzeuge über die West-Straße rollen. Erwartet werden laut Gutachten 16000 Fahrzeuge täglich.

Andreas Kühn („Stopp Westumgehung“) griff Kategorien aus einem Nachwuchsführungskräfte-Seminar auf und stufte die „Westumgehung“ als „unwichtig und nicht dringend“ ein. So sähen es offenbar auch die Stadtplaner, die seit 60 Jahren mehr oder weniger intensiv an der „Westumgehung“ arbeiteten. Eine ganze Generation sei im Unklaren gelassen, Versprechungen seien gebrochen worden. Es sei an der Zeit, die Planungen zu beenden und den Menschen Sicherheit zu geben.

Kühn appellierte an beide Seiten, „dass die inhaltliche Auseinandersetzung nicht eskaliert“. Es sei zu Diffamierungen und Beleidigungen gekommen, Plakate wurden nach seinen Angaben beschädigt. Zum einzigen Mal an diesem Abend applaudieren alle – ob Gegner oder Befürworter. Immerhin: Der zweite Teil des Abends, in dem Vertreter der Ratsfraktionen das Wort hatten, ließ dann die Hoffnung keimen, dass doch noch eine sachliche Debatte möglich ist.


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