Osnabrücker Helfer planen Petition Vor Steinigung geflüchtet – jetzt droht Abschiebung

Sie blicken voller Angst in die Zukunft: Kawsar und Mahdi mit ihrer kleinen Tochter Muha, die im Auffanglager Braunschweig zur Welt kam. Foto: Michael GründelSie blicken voller Angst in die Zukunft: Kawsar und Mahdi mit ihrer kleinen Tochter Muha, die im Auffanglager Braunschweig zur Welt kam. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Kawsar weint, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Immer wieder hält sie inne, die Tränen strömen über ihre Wangen, aber kein Laut kommt aus ihrem Mund, als dürfe niemand das Weinen hören. Die 20-Jährige ist mit ihrem Mann Mahdi aus Somalia geflohen, über Italien nach Osnabrück gekommen. Jetzt sollen die beiden und ihre hier geborene Tochter wieder nach Italien abgeschoben werden.

So ist das europäische Recht: Der Staat, in den der Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, muss das Asylverfahren durchführen. Das ist in diesem Fall Italien. Aber Kawsar Abdi Mahamud und ihr Mann Mahdi Osman Ahmed sind auch aus Italien geflohen, weil sie dort auf der Straße lebten und die hochschwangere junge Frau keine medizinische Hilfe bekam.

Kawsar und Mahdi lernten sich in ihrer vom Bürgerkrieg gebeutelten Heimat kennen. Er war arm, sie kommt aus einer wohlhabenden Familie, die gegen die Liebe war. Hinzu kommt, dass schon ein vorehelicher Kuss in dem Land gefährlich ist, in dem die islamistische militante Bewegung Al-Shabaab das Sagen hat. Das junge Pärchen wurde öffentlich ausgepeitscht, aber es blieb zusammen.

Die junge Frau wurde schwanger. Ihr Vater war so wütend, dass er sie verprügelte. Kawsar weint still vor sich hin, ehe sie erzählen kann, dass sie das Kind verlor. Von der Al-Shabaab, die die Scharia streng auslegt, drohte der jungen Frau die Steinigung. Als sich die militanten Islamisten bei einem Angriff verteidigen mussten, gelang dem Paar die Flucht.

Essen aus dem Müll

Ein Jahr waren sie unterwegs, zuletzt fünf Tage auf See, ehe sie im September 2012 in Lampedusa strandeten. Dort wurden ihre Fingerabdrücke registriert, die jetzt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge überprüft wurden. Eine ganze Reihe afrikanischer Flüchtlinge, die in Osnabrück untergekommen sind, hat in diesen Tagen wie Kawsar und Mahdi vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Abschiebeentscheid nach Italien bekommen.

Die kleine Familie hat Angst vor der Rückkehr nach Italien, wo sie ein unmenschliches Leben führen mussten, wie Mahdi erzählt. Mit einer Gruppe anderer Afrikaner aus verschiedenen Nationen wurden sie nach Sizilien geschickt. Nach zwei Monaten Camp ende die staatliche Unterstützung, dann müssten sich die Flüchtlinge allein durchschlagen. Von der Caritas-Suppenküche gibt es einmal täglich eine warme Mahlzeit, sonst hätten sie Lebensmittel im Müll gesucht. In Kirchen konnten sie übernachten, wenn sie vor der Schließzeit um 20 Uhr dort waren. Wenn nicht, suchten sie sich draußen einen Platz zum Schlafen.

Kawsar hatte nicht nur Angst um sich, denn inzwischen war sie wieder schwanger. Ein Landsmann in Italien habe ihnen dann Geld gegeben, um mit dem Bus nach Deutschland zu reisen. Ihre erste Station war das Auffanglager in Braunschweig. Dort erhielt Kawsar erstmals eine medizinische Versorgung und brachte im August Tochter Muha zur Welt.

Wenig später ging es weiter nach Osnabrück, wo die junge Familie eine Wohnung an der Meller Straße bezog. „Hier fühlten sie sich erstmals willkommen, hier erfuhren sie die Unterstützung, die sie bis dahin nicht kannten“, übersetzt Biliso Nour. Die Osnabrücker Studentin der Betriebswirtschaft hat somalische Wurzeln und gehört zu einem Helferkreis, der sich im Rosenplatzquartier zur Unterstützung der Flüchtlinge gebildet hat.

Anwohner, Mitglieder der katholischen Kirchengemeinde St. Josef und der evangelischen Lutherkirche sowie der Sportverein Raspo leisten ganz praktische Hilfe und unterstützen beim Einleben in Osnabrück. So bietet der pensionierte Lehrer Wilhelm Focke Deutschunterricht für die Neubürger. Im Quartier begegnen sich Einheimische und Flüchtlinge freundlich. Man kennt sich inzwischen.

In diese Situation platzt die Nachricht, dass mehr als 50 einzelne Personen und Familien nach Italien abgeschoben werden. Bei der jungen Familie erhielt zuerst das Baby Muha einen Brief, zwei Tage später kam die Abschiebemitteilung für Kawsar und Mahdi.

Nach dem Empfang bleibt den Flüchtlingen eine Woche, um Widerspruch einzulegen. Viele haben die Frist verpasst, weil sie das Schreiben nicht verstanden haben. Andere wie die junge somalische Familie konnten dank der Helfer und der Dolmetscherin Rechtsanwalt Andreas Neuhoff mit dem Widerspruch beauftragen. Der Vorsitzende des Osnabrücker Vereins Exil ist bundesweit als Spezialist für Migrationsrecht bekannt.

Allerdings gibt es wenig Hoffnung, da die Abschiebung auf europäischem Recht beruht. Kawsar und Mahdi haben Angst vor der Rückkehr nach Italien, weil sie dort voraussichtlich wieder auf der Straße landen würden. Wann genau sie „überstellt“ werden, ist unklar, spätestens aber im Juni.

Sie treibt aber noch eine andere Angst um: Von Landsleuten, die nach Italien abgeschoben wurden, haben sie gehört, dass denen dort die kleinen Kinder weggenommen wurden, weil die auf der Straße lebenden Eltern sie nicht vernünftig versorgen könnten. „Einige haben sich deshalb umgebracht“, übersetzt Biliso Mahdis geflüsterte Worte.

Der Unterstützerkreis erwägt jetzt eine Petition, um wenigstens der jungen Familie helfen zu können. Die Mitglieder sind enttäuscht und wütend in ihrer Hilflosigkeit. Die Flüchtlinge im Rosenplatzquartier sind für viele keine unbekannte Menge mehr. Wilhelm Focke bringt es auf den Punkt: „Die Flüchtlinge haben ein Gesicht bekommen.“


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