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Scharnhorstkaserne: Ein Kapitel Militärgeschichte geht zu Ende – Pferdeställe und ein Symbol des Ungeistes Die Uhr steht auf fünf nach neun

Von Frank Henrichvark

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Osnabrück. Zehn Farbschichten übereinander. Grün, grau, hellblau, dunkelblau, blutrot, schwarz: Draußen an der Wache in der Scharnhorstkaserne blättert schon die Farbe, nachdem die britischen Soldaten vor zwei Jahren ausgezogen sind. Und so könnte ein Archäologe mit den Farbtönen auch jene Regimenter identifizieren, die hier in den letzten 60 Jahren Dienst geschoben haben und als Akt der Landnahme immer gleich der Wache einen neuen Anstrich in den eigenen Farben verpassten. So weckte der Eingang zu den Belfast Barracks heimatliche Gefühle, mögen es die Green Howards, das Duke of Lancaster’s Regiment oder die Queens own Highlanders gewesen sein.

In diesen Tagen geht an der Sedanstraße ein Kapitel Osnabrücker Militärgeschichte zu Ende. Die Stadt Osnabrück will hier stadtnahes Wohnen und Firmengründungen für Absolventen von Uni und Fachhochschule ermöglichen. Im Gegensatz zur Winkelhausenkaserne am Hafen, wo zumindest einige der alten Kasernenblocks eine neue Verwendung finden, wird dann wohl nichts mehr an die zweite große Osnabrücker Kaserne aus NS-Zeiten erinnern. Jetzt beginnt das Abbruchunternehmen Moß Erdbau aus Lingen in der Scharnhorstkaserne mit seiner Arbeit. „Im Dezember wollen wir fertig sein“, sagt Polier Daniel Marien und zündet sich noch schnell eine Zigarette an. Dann weist er den Lastwagenfahrer ein, der die ersten Baucontainer bringt. Es sind die letzten Vorbereitungen für die heiße Phase in seinem Geschäft.

Die Winkelhausenkaserne in Haste und die Scharnhorstkaserne am Westerberg waren Teil der NS-Aufrüstungspolitik. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Sieger Deutschland nur ein 100000-Mann-Heer zugestanden. Adolf Hitler aber wollte mehr Soldaten, mehr Waffen und mehr Kasernen. Begonnen wurde an der Sedanstraße im Frühjahr 1937, nur kurz nach der Winkelhausenkaserne in Haste. Die war als Standort für das neu aufgestellte Infanterieregiment Nr. 37 vorgesehen. Am Westerberg gab es schon die Artilleriekaserne aus Kaisers Zeiten an der Barbarastraße, deshalb wurden nun hierher zwei Abteilungen des Artillerieregiments 6 aus Minden und Detmold verlegt.

Artillerie, das bedeutete auch im Zweiten Weltkrieg immer noch: Wenige Kanonen und viele Pferde. Die „leichte Feldhaubitze 18“, das Standardgeschütz des deutschen Heeres im Kaliber 10,5 cm wog immerhin 2000 Kilogramm. Dazu kamen feldmarschmäßig noch der Munitionswagen (die Protze) und die fünf Kanoniere zur Bedienung des Geschützes. Alles zusammen etwa drei Tonnen Gewicht auf Hartgummireifen, die von einem Gespann aus sechs Pferden bewegt werden mussten. Gelenkt wurde dieser Zug von drei Fahrern im Sattel, die jeweils ein Handpferd zur rechten führten. „Die Anforderung lautete, das Gespann in allen drei Gangarten Schritt, Trab und Galopp sowohl auf der Straße wie im Gelände und über kleine Hindernisse zu führen“, so berichtet der Militärhistoriker Michael Heinrich Schormann, „diese Leute konnten besser mit Pferden umgehen als jeder Springreiter heute.“ Dabei war der Dienst bei den berittenen Truppen ungleich länger als bei anderen Einheiten. Denn morgens und abends mussten natürlich erst mal die Pferde geputzt, getränkt und gefüttert werden. Schormann: „Dem Pferd galt alle Pflege, denn von ihm wurden letztendlich auch Höchstleistungen verlangt.“

Am 1. November 1938 bezog die III. Abteilung des Artillerieregiments 6 mit drei Batterien zu je vier Kanonen und mit den dazugehörigen Unterstützungseinheiten die neu gebaute Scharnhorstkaserne. Das waren immerhin 20 Offiziere, 82 Unteroffiziere und 505 Mannschaften, zusammen 607 Soldaten sowie rund 500 Pferde. „Für Mann und Pferd ist in den neuen Unterkünften bestens gesorgt“, berichtete das Osnabrücker Tageblatt und hob weiter hervor, dass in den Mannschaftsstuben „die Betten nicht mehr übereinander, sondern nebeneinander“ aufgestellt seien und es in allen Räumen „Zentralheizung“ gebe.

Das war zu jener Zeit längst nicht mehr selbstverständlich: Wer 1938 ein Einfamilienhaus bauen wollte, musste notgedrungen wieder Ofenheizung vorsehen – eben weil Rohre und Heizkörper für „wehrwirtschaftliche Zwecke“ reserviert waren. Trotzdem klagte Bauassessor von Alvensleben aus dem Heeresneubauamt in seiner Ansprache zur Übergabe der Kaserne vor den Offizieren und Mannschaften auf dem Exerzierplatz über große Schwierigkeiten und Verzögerungen beim Bau, hervorgerufen durch einen „erheblichen Mangel an Arbeitskräften und dem notwendigen Material“. Und tatsächlich: Heute wissen wir durch die aktuellen statischen Untersuchungen, dass beim Bau der Mannschaftshäuser und Wirtschaftsgebäude an Beton und Eisen heftig gespart wurde – weshalb die Entscheidung für den Abriss denn auch leichtgefallen ist.

Die Uhr auf dem zentralen Kantinenbau vor dem Exerzierplatz ist inzwischen stehen geblieben. Es war fünf nach neun, als endgültig der Strom abgestellt wurde. Mannschaftshäuser und Wirtschaftsgebäude sind gesichtslose Zweckbauten, wie es sie in fast jeder alten Wehrmachtskaserne gibt. In den letzten Jahren haben die Briten den Belfast Barracks ihren Stempel aufgedrückt. Aber nur die dicken Farbschichten an der Wache zeugen davon, so wie die flauschigen Teppichböden in Blau und Rot in der verwaisten Unteroffiziersmesse. Allein die lang gezogenen Pferdeställe im Westen des Kasernengeländes zeigen noch, dass hier einmal bespannte Artillerie zu Hause war. Aber eine letzte Hinterlassenschaft der Nazis gibt es dennoch: Die Gitter zu den Arrestzellen an der Wache waren – doppeldeutiges Symbol der Unfreiheit – all die Jahre noch mit geschmiedetenHakenkreuzen verziert. Ganz pragmatisch haben die Briten diese Hinterlassenschaft nur mit einer Blende verdeckt. Jetzt kommt das Symbol des Ungeistes ins Museum der Stadtgeschichte.


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