Sorge um radikale „Generation Pop-Jihad“ Tagung zum Thema Salafismus in Osnabrück

Die Tagung fand in der Schlossaula der Universität Osnabrück statt. Foto: dpaDie Tagung fand in der Schlossaula der Universität Osnabrück statt. Foto: dpa

Osnabrück. Nichts ist einfach am Thema Salafismus. Dies ist eine zentrale Erkenntnis, welche die hochkarätig besetzte und inhaltlich dicht gepackte Experten-Tagung am Samstag in der Schlossaula zutage gefördert hat.

Das fängt schon bei der Terminologie an, mit der man „vorsichtig umgehen“ müsse, wie Michael Kiefer von der Universität Osnabrück in seinem Vortrag unter der Überschrift „Fallstricke und Möglichkeiten der Präventionsarbeit“ am Nachmittag betonte. Denn selbstverständlich gibt es nicht „den einen Salafismus“, sondern es existieren diverse Spielarten dieser streng am Koran ausgerichteten Glaubensrichtung, und vieles ist Definitionssache.

Salafismus ist also ein weites Feld, und allein ein Blick auf die Veranstalter der Tagung offenbart die inhaltliche Komplexität und Tragweite der Thematik. Eingeladen hatten die Universität Osnabrück, genauer das Institut für Islamische Theologie, sowie die Polizeidirektion Osnabrück, vertreten durch Polizeipräsident Bernhard Witthaut, der auch die Diskussionsrunde am Nachmittag moderierte. Sein Resümee: Man müsse „viel früher, möglichst schon in den Familien“ mit der Präventionsarbeit beginnen, um junge Menschen vor Radikalisierung zu bewahren. „Je früher, je besser“, so Witthaut.

Die bundesweite Dimension des Themas zeigten die Förderer der Tagung auf: das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie das niedersächsische Landesministerium für Wissenschaft und Kultur. Die Referentenliste war entsprechend lang, vierzehn Experten-Namen prangten auf dem Programm. Kein Wunder also, dass die Aula des Schlosses schon am Morgen gut gefüllt war und dies bis weit in den Nachmittag hinein auch blieb - ungeachtet des Trubels in der Innenstadt, die ausschließlich auf den Ossensamstag konzentriert zu sein schien.

Der Karneval aber blieb bei dem ernsten Thema draußen vor der Tür. Statt Narrenkappe hatte Referentin Claudia Dantschke vom Zentrum für demokratische Kultur in Berlin neueste Zahlen aus dem Bundesinnenministerium im Gepäck. Die Fachleute gingen aktuell von „rund 5500 Salafisten in Deutschland“ aus, sagte Dantschke. Doch längst nicht jeder von ihnen, sondern nur ein geringer, radikal ausgerichteter Teil sehe Gewalt als probates Mittel der Durchsetzung seiner Überzeugung an. Und schon gar nicht jeder Anhänger des Salafismus in Deutschland plane gleich eine persönliche Beteiligung etwa am syrischen Bürgerkrieg, erklärte sie. Und räumte gleich mit einem weiteren Vorurteil auf: „Das richtet sich nicht nur an Männer“, auch junge Frauen stünden im Fokus der Radikalen.

Angesichts von insgesamt etwa vier Millionen Muslimen in Deutschland scheinen die Zahlen tatsächlich niedrig. Nichtsdestotrotz sei das Thema von zentraler Bedeutung. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius erklärte, warum: Die Gedankenwelt des Salafismus bilde „einen fundamentalen Gegenentwurf zu unserer Verfassung“, sagte Pistorius. Es gelte also, aufzuklären und zu informieren, forderte der Minister. Salafisten strebten einen islamischen Gottesstaat an, sagte Pistorius, und daher sei es erforderlich, aufzuzeigen, „wo die Gefahren lauern“. Radikalen Tendenzen entgegenzuwirken sei „das Merkmal wehrhafter Demokratie“, so Pistorius, der aber auch betonte, dass es zu differenzieren gelte. „Islam und Muslime sind in unserer Gesellschaft herzlich willkommen“, sagte er. Radikale aber verbreiteten „giftiges Gedankengut“.

Expertin Dantschke ging ins Detail und stellte eine junge, moderne „Generation Pop-Jihad“ dar. Entstanden sei eine „Jugendkultur, die weniger religiös ausgerichtet“ sei, sondern eher auf Alltagsbedürfnisse junger Menschen abziele. Viele dieser Jugendlichen würden „nur Floskeln vom Islam“ kennen oder seien vergleichbar mit sogenannten „Weihnachts-Christen“, erklärte Dantschke. „Das Einzige, was diese sehr unterschiedlichen Jugendlichen gemeinsamen haben, ist: Sie sind religiöse Analphabeten“, sagte Dantschke. Viele steckten zudem in persönlichen Schwierigkeiten, fühlen sich ausgegrenzt, unsicher und identitätslos, kämpften überdies mit den Schwierigkeiten der Pubertät. Auch seien viele Jugendliche mit russischen oder polnischen Wurzeln dabei - Dantschke nennt sie „Multi-Identitäten“. Sie bekämen im radikalen Salafismus „Antworten auf alle Fragen“, quasi eine Erklärung und Entschuldigung für alle ihre Probleme. Moderne Prediger kämen oft „aus den eigenen Reihen“, so Dantschke. Sie sprechen die Sprache der Jugendlichen und seien daher besonders glaubwürdig, was „ein Problem“ sei.

Das hat offenbar Methode - und es weitet sich aus: Seit einigen Jahren schon konstatieren Fachleute in Deutschland eine verstärkte Rekrutierungsarbeit, um junge Menschen für den Salafismus zu gewinnen - und sie auch zu radikalisieren. Das Ziel: Vor allem junge Männer, aber auch Frauen, sollen sich aktiv an Kampfeinsätzen, am Jihad, dem sogenannten Heiligen Krieg, beteiligen.

Und die Anwerbung geschieht mit modernsten Mitteln, hauptsächlich übers Internet. „Youtube, Twitter und hauptsächlich Facebook“ würden genutzt, so Dantschke. Moderne Gangster-Rapper können Idole sein, per Video verbreiten Kämpfer direkt aus Syrien ihre Botschaften, verpackt in hippe Bilder und übermittelt in der Sprache der Jugend.

Prävention ist also notwendig, und sie muss möglichst früh und individuell greifen, hier herrschte unter den Referenten Einigkeit, und eine Vielzahl von Projekten - so verschieden wie die Jugendlichen, um die es geht - versucht sich auf dem Gebiet. „Netzwerke“ möglichst vieler und verschiedener Träger seien notwendig, betonte Dantschke. Besonders erfolgversprechend scheinen Präventionsarbeiter zu sein, die ähnlich sozialisiert sind wie diejenigen, um die es geht. Ihm helfe seine „neuköllner Herkunft“ eindeutig weiter, berichtete etwa Andy Abbas Schulz vom Berliner Projekt Lichtjugend. Schulz ist zudem ebenfalls im Verein Violence-Prevention-Network und anderen Projekten aktiv, ein Mann der Praxis also. Im Zusammenspiel mit den wissenschaftlichen Vorträgen eine gute Mischung, die das Thema umfassend beleuchtete.

Bei aller Sorge vor der und um die „Generation Pop-Jihad“: Sämtliche Experten mahnten immer wieder zur Sachlichkeit, nur so käme man voran, hieß es mehr als einmal.

Am Ende des Tages zeigte sich, dass dies beherzigt wurde. Dem komplexen Thema näherte man sich von vielen Seiten, doch stets ausgewogen, informativ und sachlich. „So eine Diskussionskultur wie hier in Osnabrück würde ich mir für Berlin wünschen“, lobte Claudia Dantschke denn auch zum Schluss. „Da sind Sie hier in Osnabrück schon deutlich weiter.“


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