Eine glatte 1 im Vorlesen Schulsieger kämpfen um Osnabrücker Meisterschaft

Von Markus Strothmann


Osnabrück. Osnabrücks beste Vorleserin in der Jahrgangsstufe 6 heißt Nele Vetter. Mit zwei ausdrucksstarken Vorträgen setzte sie sich am Donnerstag im Haus der Jugend gegen 13 weitere Schulsieger durch und gewann die Stadtmeisterschaft des bundesweiten Vorlesewettbewerbs des Deutschen Buchhandels. Dieser findet bereits zum 55. Mal statt und steht 2013/14 unter dem Motto „Seitenforscher“.

Die fünfköpfige Expertenjury hatte es nicht leicht: Mit teilweise beeindruckenden schauspielerischen Fähigkeiten erweckten die Teilnehmer die Figuren ihrer Geschichten zum Leben und zogen die Zuhörer in ihren Bann.

In der ersten Runde wurden selbst ausgesuchte Texte gelesen. Moderator Heaven von den Angefahrenen Schulkindern rief die Vorleser der Reihe nach auf; jeder stellte kurz das Buch seiner Wahl vor und legte dann los. Die meisten entschieden sich für abenteuerliche oder gruselige Episoden, um in drei Minuten Lesezeit sofort Spannung zu erzeugen. Das fiel mal hart und realistisch aus wie bei der Schilderung eines Amoklaufs, die Sinem Oguz aus Narinder Dhamis „Böser Bruder, toter Bruder“ entnahm; mal eher geisterhaft-schaurig wie bei Robin Schmidt, der die Zuhörer mitnahm ins düstere Labyrinth einer Aztekenpyramide.

Die Vorleser trafen fast alle den richtigen Ton und fesselten Jury und Publikum, aber schon in der ersten Runde zeichnete sich ab, dass sich mit komischen Texten mehr Resonanz erzeugen ließ. Kaum jemand konnte ein Kichern unterdrücken bei Sofie Menkhaus’ sarkastischem Tonfall und ihrer lebhaften Mimik, wenn sie Sätze sagte wie: „‚Kotz‘, dachte ich und lächelte.“

Nach der ersten Runde schickte Heaven alle Anwesenden in eine kurze Pause: „Eben pinkeln, Füße waschen, Haare kämmen, und dann geht’s weiter!“

Einen vertrauten Text vor Publikum vorzutragen ist schon schwierig genug, aber in der zweiten Runde wurde es noch deutlich kniffliger. Denn nun mussten die jungen Seitenforscher aus einem Buch vorlesen, das sie nicht kannten; nicht einmal einen kurzen Blick durften sie vorher darauf werfen. Nach drei Minuten ertönte der Gong, und der nächste Kandidat las weiter – mogeln war damit praktisch ausgeschlossen. Jurymitglied Stefan Kopsch von den Altstädter Bücherstuben hatte zu diesem Zweck das Jugendbuch „Alles andere als normal“ vom Bremer Autor Jörg Isermeyer ausgesucht. Es handelt davon, wie der überdurchschnittlich normale Lukas die etwas durchgeknallte Jule kennenlernt, und ist ziemlich witzig, wie sich schnell herausstellte. Viele Teilnehmer stolperten nun im Vergleich zur ersten Runde ein bisschen, während anderen gar nicht anzumerken war, dass sie die Geschichte nicht in- und auswendig kannten: Lydia Sophie Dälken interpretierte den völlig unbekannten Text so souverän, dass man den Eindruck hatte, sie habe ihre Passage schon hundertmal gelesen, und Nele Vetter setzte noch einen drauf, indem sie beim Sprechen nebenbei ins Publikum lächelte, als bräuchte sie das Buch eigentlich gar nicht, das vor ihr auf dem Tisch lag. Nach dem letzten Beitrag zog die Jury sich zur Beratung zurück und kam schnell zu ihrem Urteil. Heaven zeigte sich erleichtert, mit der Urteilsfindung nichts zu tun zu haben, und erklärte: „Die Unterschiede waren nicht riesig, sie waren minimal. Nuancen haben entschieden.“ Derselben Ansicht war Jurymitglied und Vorjahressiegerin Leonie Sander: „Ich fand alle total gut.“

Chancengleichheit

Bürgermeister Burkhard Jasper, der es noch zur zweiten Runde geschafft hatte, bat die Teilnehmer nacheinander nach vorn und gratulierte. Auffällig: Welche Schulen sie jeweils besuchen, erfuhr weder das Publikum noch die Jury – auf Wunsch des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels . Dieser ist Träger des Wettbewerbs und möchte mit der Vorgabe maximale Chancengleichheit herstellen, wie Stefan Kopsch erklärte; dies sei vor zwei Jahren eingeführt worden.

Zusätzlich zum Buchpreis, den alle Teilnehmer erhielten, darf die Erstplatzierte Nele Vetter am Bezirkswettbewerb teilnehmen. Angesichts ihres selbstbewussten Auftritts drängte sich die Frage auf, ob sie gar nicht nervös gewesen sei. Darauf Nele: „Doch, aber man hat es mir nicht angemerkt.“ Echt cool.