Heißer Anwärter auf den Oscar Fesselndes Gesamtkunstwerk „American Hustle“



Osnabrück. Nach „The Fighter“ und „Silver Linings“ krönt David O. Russell seine Trilogie über Menschen, die sich selber neu erfinden, mit dem raffinierten Gaunerstück „American Hustle“. Der Film erhielt bereits drei Golden Globes und ist zehnmal für den Oscar nominiert. Wieso eigentlich nur zehnmal?

Die besten Geschichten schreibt bekanntlich immer das wahre Leben. Dieser Binsenweisheit bedienen sich Filmemacher in letzter Zeit beinahe schon inflationär. „ The Wolf of Wall Street“ und „ 12 Years a Slave “ sind nur zwei der jüngsten Beispiele von Filmen nach einer „wahren Geschichte“.

Auch Regisseur und Koautor David O. Russell beendet nach „ The Fighter“ und „ Silver Linings “ den Abschluss seiner Trilogie über Menschen, die sich selber neu erfinden, nun nach diesem Muster. Geht dabei aber schon im Vorspann augenzwinkernd-ironisierend mit diesem obskuren Anspruch an die Wirklichkeit im Film um: „Einiges hiervon ist tatsächlich passiert“, heißt es lapidar, noch bevor den Charakteren in „ American Hustle“ ihr Leben um die Ohren zu fliegen beginnt.

Ende der 1970er-Jahre gelang es dem FBI, mithilfe eines gewieften Betrügers die verdeckte Operation „ Abscam “ aufzubauen, die schließlich sechs Kongressabgeordnete, einen Senator sowie den Bürgermeister von Camden, New Jersey, wegen Korruption hinter Gitter brachte. So viel zum tatsächlich wahren Kern. Der Rest ist ein filmischer Geniestreich, eine fintenreiche Geschichte um Lug, Betrug und Ehebruch.

Christian Bale („Batman“ mit Schmierbauch!) spielt den Betrüger Irving Rosenfeld, der mit seiner Partnerin und Geliebten Sydney Prosser alias Lady Edith Greensly (Amy Adams) andere Leute mit betrügerischen Kreditversprechen um ihr letztes Geld bringt. Das geht so lange gut, bis die beiden von FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) auf frischer Tat überführt werden. Notgedrungen geht das Pärchen auf das Angebot von DiMaso ein, ihm bei einer verdeckten Operation zu helfen.

Nach vier Festnahmen soll Schluss sein. Sydney schwant Schlimmes, sie möchte nach Europa fliehen. Irving sieht sich seinem Ziehsohn gegenüber in der Pflicht und willigt ein. Was folgt, ist eine trickreiche Gaunerei zwischen betrogenen Betrügern und dem übereifrigen FBI-Agenten, bei der auch amouröse Funken fliegen. Einige davon könnten tatsächlich wahr sein.

Die ganze Sache läuft vor allem dank Irvings unberechenbarer Gattin Rosalyn (Jennifer Lawrence) gefährlich aus dem Ruder und erhält nochmals mächtig Schub durch den unerwarteten Auftritt eines Mafia-Bosses (Robert De Niro).

Mit „American Hustle“ ist Russell eine raffinierte Gaunergeschichte gelungen, wie man sie sonst allenfalls von den Coen-Brüdern gewohnt ist. Auch der scheinbar allwissende Zuschauer muss feststellen, dass längst nicht immer feststeht, wer hier gerade wen, wie und warum betrügt, um den Finger wickelt oder selber betrogen wird.

Dafür sorgen auch die grandios und vielschichtig dargestellten Charaktere. Der FBI-Agent als trauriges Muttersöhnchen, das aus Ehrgeiz seinen Chef verprügelt. Die betrogene und frustrierte Ehefrau, die mit sicherem Instinkt nicht nur die eigene Bude regelmäßig zum Brennen bringt. Und allen voran die undurchsichtige „Lady Edith“, die weiß, wie man Männer um den Verstand bringt.

Abgerundet wird das unterhaltsam fesselnde Gesamtkunstwerk durch ein stimmiges Zeitkolorit in Bild und Ton. Drei Golden Globes hat „American Hustle“ schon erhalten. Für zehn Oscars ist er nun bei den Acadamy Awards in der Nacht vom 2. auf den 3. im März nominiert. Warum nur zehn? Allein für die unglaublichen Frisuren müsste es einen Spezial-Oscar geben.

American Hustle. USA 2013. R: David O. Russell. D: Christian Bale, Amy Adams, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence. 138 Minuten. Ab 6 Jahren. Cinema-Arthouse, Cinestar, Filmpassage.


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