Firma aus Recke investiert Osnabrück: Hannoverscher Bahnhof wird wachgeküsst

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Osnabrück. Osnabrücks ältestes und schönstes Stationsgebäude, der Hannoversche Bahnhof am Wittekindplatz, erwacht aus seinem Dornröschenschlaf. Der Fotovoltaik-Anlagenbauer Brüwer aus Recke hat das in Teilen denkmalgeschützte Bauwerk von 1855 gekauft und will es nach einer Kernsanierung gewerblich nutzen. Gegen Jahresende sollen die ersten Mieter einziehen.

Seit einigen Tagen kündet ein Riesenplakat an der Außenwand von der nahenden „Revitalisierung“ des Hannoverschen Bahnhofs. Es verheißt „moderne Büro- und Praxisflächen in repräsentativer Lage“, wirbt außerdem mit behindertengerechtem Ausbau und „grüner Idylle“. Hasetorbahnhof und Hauptbahnhof sowie Bushaltestellen in fußläufiger Nähe sorgten für eine „gute Verkehrsanbindung“, wie es auf dem Plakat weiter heißt. Außerdem seien durch den Parkplatz gegenüber am Berliner Platz „ausreichend Stellplätze“ vorhanden. Ganz groß geschrieben wird das Versprechen „Bezugsfertig ab Herbst 2014“.

Doch wer ist der Prinz, der die im klassizistischen Rundbogenstil geschaffene Sandstein-Schönheit aus ihrem jahrzehntelangen Dämmerzustand holt? Es ist eine Firma aus Recke, und sie heißt Brüwer Solar .

Zweites Standbein

Das 1949 gegründete Familienunternehmen aus dem Kreis Steinfurt ist eigentlich auf den Bau von Sonnenstrom-Anlagen spezialisiert. Wachsende Absatzschwierigkeiten beim Kernprodukt hätten es jedoch dazu veranlasst, alternative Geschäftsmodelle zu entwickeln, berichtet Geschäftsführer Simon Brüwer. „Wir investieren in den Hannoverschen Bahnhof, weil der Markt für Fotovoltaik stark rückläufig ist und wir uns mit der Vermietung von Immobilien ein zweites Standbein schaffen.“ Durch ein Inserat auf das zuletzt einem Geschäftsmann aus Melle gehörende Stationsgebäude aufmerksam geworden, habe Brüwer Solar den Hannoverschen Bahnhof im Herbst 2013 „ziemlich schnell“ erworben. Zu welchem Preis, wollte der Geschäftsführer nicht sagen. Nach seinen Angaben ist es aber nicht das erste Engagement seiner Firma auf dem Immobiliensektor. Brüwer trete bereits rund um Recke sowie in Wallenhorst und Bramsche als Vermieter auf. Demnächst also auch in Osnabrück.

„Der Hannoversche Bahnhof soll endlich aus seinem Dornröschenschlaf erwachen“, erklärt Simon Brüwer. Die Vermarktung der Mietflächen über eine Osnabrücker Immobilienfirma läuft, erste Interessenten gebe es bereits. Wann die Baustelle am Wittekindplatz eröffnet wird, ist allerdings offen. Es seien noch einige Abstimmungen nötig – unter anderem mit der Denkmalbehörde, so der Bauherr. Denn das bald 160 Jahre alte Hauptgebäude steht – anders als seine beiden Flügel – unter Schutz. „Ganz konkret sind die Pläne also noch nicht. In zwei, drei Monaten kann ich mehr sagen.“

Offen bleibt damit vorläufig, wie teuer die Renovierung wird. Das Dach müsse auf jeden Fall erneuert werden, auch Heizung und Fenster würden heutigen Anforderungen nicht genügen, so der Geschäftsführer. „In dem Gebäude ist seit 20, 25 Jahren nicht viel passiert. Aber es hat viel Potenzial.“ Als künftige Mieter kann Simon Brüwer sich zum Beispiel Ärzte, Rechtsanwälte und Werbeagenturen vorstellen. Eben alle, die Wert auf eine stattliche Niederlassung legten. Die nutzbaren Flächen im Inneren des Hannoverschen Bahnhofs seien variabel: Zwischen 30 und 400 Quadratmeter ist alles möglich. „Da sind wir noch sehr flexibel und können beim Raumzuschnitt auf Mieterwünsche eingehen.“

Trauerbuche bleibt

Kein Verhandlungsspielraum besteht für den neuen Eigentümer hingegen in Bezug auf die markante Trauerbuche, die seit schätzungsweise 150 bis 200 Jahren den Bahnhofsvorplatz schmückt. Der dicke Baum mit der weit ausladenden Krone wurde unlängst als Naturdenkmal eingestuft und ist damit einstweilen unantastbar. Anlass für die von der Stadtverwaltung eilig veranlasste Sicherstellung war die Bauvoranfrage eines potenziellen Investors, die eine Neugestaltung des Vorplatzes ohne den Baum vorsah. Simon Brüwer beteuert jedoch, nicht der Urheber dieser Bauvoranfrage gewesen zu sein. „Den Baum zu fällen, ist überhaupt nicht unsere Absicht. Die Trauerbuche bleibt stehen!“

Auch der Bunker, der mutmaßlich seit den 1960er-Jahren unter dem parkähnlichen Vorplatz liegt, spielt in den Plänen des neuen Bahnhofseigentümers keine Rolle. „Der gehört uns gar nicht“, sagte Brüwer. Dem Vernehmen nach soll es sich um einen Schutzraum handeln, dessen Zweck die Aufrechterhaltung des Bahnbetriebs im Falle eines Krieges war.


In Osnabrück begann das Eisenbahnzeitalter am 21. November 1855 mit der Eröffnung der Strecke nach Löhne. Dort gab es bereits Anschluss nach Hannover. Und so erhielt der im selben Jahr eröffnete Bahnhof in Osnabrück den Namen Hannoverscher Bahnhof. Er wurde als repräsentativer Hauptbahnhof für den Personen- und Güterverkehr angelegt, zudem gab es Büroräume für die Verwaltungsbeamten der Hannoverschen Eisenbahndirektion. 1856 wurde die Verbindung in westlicher Richtung, über Rheine nach Emden, in Betrieb genommen. Eine schnurgerade Straße verband den Bahnhof, um den sich das noble Wohn- und Geschäftsviertel „Am Schillerplatz“ entwickelte, mit der alten Stadt. Als der Hauptbahnhof 1895 als Kreuzungsbahnhof den gesamten Eisenbahnverkehr in der Stadt aufnahm, wurde der Hannoversche Bahnhof zunehmend überflüssig. Schon bald wurde er als Haltepunkt für Personenzüge aufgegeben, als Güterbahnhof wurde er immerhin noch bis 1913 genutzt. Danach fand das imposante Gebäude jedoch stets Verwendung für die Bahnverwaltungen, ehe es 2004 von der Deutschen Bahn verkauft wurde. Seitdem steht der Hannoversche Bahnhof leer.

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