Proteste im Internet Zoo Osnabrück: Giraffentötung grenzwertig

Die getötete Giraffe Marius wurde nach einer öffentlichen Obduktion an Löwen verfüttert. Foto: Reuters/Kasper Palsnov/Scanpix DenmarkDie getötete Giraffe Marius wurde nach einer öffentlichen Obduktion an Löwen verfüttert. Foto: Reuters/Kasper Palsnov/Scanpix Denmark

Osnabrück. Der Kopenhagener Zoo hat ein Giraffen-Kalb getötet, vor den Augen der Zoo-Besucher zerlegt und Körperteile den Löwen zu fressen gegeben. Der Osnabrücker Zoo-Direktor Michael Böer findet das Vorgehen der dänischen Kollegen „sehr grenzwertig“. Er kann sich aber vorstellen, dass auch in Osnabrück Raubtiere mit halben Tierkörpern gefüttert werden – wie in der freien Wildbahn.

Herr Böer, wie beurteilen Sie das Vorgehen Ihrer Kollegen in Kopenhagen ?

Das ist sehr grenzwertig, aber rechtmäßig. Es wurde den tierliebenden Menschen sehr viel zugemutet. Vor dem Tierschutzgesetz sind alle warmblütigen Tiere gleich und dürfen nur, wie es im Gesetz heißt, aus vernünftigem Grund getötet werden. Das gilt für Mäuse, Schafe, Rinder oder Giraffen gleichermaßen. Es gibt aber Tiere, die dem Menschen emotional näher stehen als andere, und das ist von Kulturkreis zu Kulturkreis sehr unterschiedlich. Giraffen gehören auch dazu. Was in Kopenhagen gemacht wurde, ist eine Möglichkeit von vielen, ein Jungtier-Problem zu lösen. Eine sehr drastische, wie ich finde.

Das Problem war, dass kein anderer Zoo das junge Giraffen-Männchen „Marius“ aufnehmen wollte. Was machen Sie in Osnabrück in einer solchen Situation?

Wir versuchen immer, alle Jungtiere, die aus ihrem Sozialverband ausscheiden müssen, an andere Zoos abzugeben. Das ist uns bisher auch immer gelungen. Ich bin seit eineinhalb Jahren hier, und wir sind bisher nicht in dieser Situation gewesen, ein Jungtier nicht unterbringen zu können. Doch wichtiger ist ein anderer Ansatz, um das Problem erst gar nicht entstehen zu lassen: Kontrazeption.

Was meinen Sie damit?

Die Antibabypille oder Sterilisation. Die Geburtenkontrolle ist ein wichtiges Mittel, die regelmäßige Fortpflanzung unter den Tieren zu begrenzen, aber regelmäßige Fortpflanzung ist essenziell um intakte, gesunde Sozialverbände mit allen Altersstufen zu halten . Das ist wiederum unabdingbar für das Wohlbefinden der Tiere und gut für die Zoobesucher, die erleben, wie die Tiere in ihren Verbänden leben. Neben der Antibabypille kommen auch Impfungen zum Einsatz, die die Fruchtbarkeit reversibel hemmen. So können wir die Nachzuchten sehr gut regulieren. Sehen Sie, für die Tiere ist es ganz wichtig, dass sie mindestens ein oder zwei Mal in ihrem Leben Nachkommen aufziehen. Das ist essenziell für das Wohlbefinden der Tiere, essenziell für andere Jungtiere, die daraus lernen.

Ohne Geburtenkontrolle würde es im Zoo bald eng werden, oder?

Ohne Kontrazeption wäre eine Tierhaltung überhaupt nicht möglich. In der freien Wildbahn ist die Zahl der Geburten viel, viel höher. Das ist für die jeweilige Population überlebenswichtig. Nur etwa 20 Prozent der Jungtiere in einer gesättigten Population überleben und werden erwachsen.

Gesättigte Population?

Nehmen wir an, in einem Gebiet gibt es genug Fläche und Gras, um 2000 Antilopen zu ernähren. Eine weibliche Antilope, die 20 Jahre alt wird, bringt pro Jahr ein Junges zur Welt, das sind bei 15 fruchtbaren Jahren 15 Jungtiere. Der Bestand würde sich also um das 15-Fache vergrößern, wenn nicht gleichzeitig viele Tiere gefressen würden oder durch Krankheiten oder Parasiten verendeten. Im Zoo fehlt das ja alles. Im Gegenteil: Die Tiere bekommen hier eine optimale Ernährung und die beste medizinische Versorgung. Das heißt, es sind die besten Voraussetzungen für eine maximale Reproduktionsrate gegeben. Wenn wir also nicht Löwen einsetzen wollen, um die Antilopenpopulation zu regulieren, müssen wir eben die Geburtenzahl kontrollieren.

Ihre Kollegen in Kopenhagen haben Körperteile der Giraffe den Löwen zu fressen gegeben. Was halten Sie davon?

Ich darf zunächst mal festhalten, dass wir unsere Löwen nicht mit überzähligen Antilopen oder anderen überzähligen Tieren füttern. Unsere Löwen bekommen Schafs-, Ziegen- oder Rindfleisch aus der Schlachterei. In der Regel verfüttern wir Fleisch in Portionen, wie sie jeder kennt, der in einer Metzgerei für seine Familie einkaufen geht. Aber so verhält es sich in der Natur ja nicht. Wir denken in der Tat darüber nach, Führungen etwa für Schulklassen anzubieten, die das natürliche Fressverhalten der Löwen zeigen. Dazu würden die Raubtiere mit halben Schafen oder Rindern gefüttert. Damit hätten die Löwen ordentlich zu tun, sie könnten die Beute zerreißen und zerlegen, wie sie es in der Natur auch tun würden. Selbstverständlich würde das Ganze zoopädagogisch intensiv vorbereitet und betreut. Der Kölner Zoo verfüttert in dieser Weise Ziegen – ich gebe zu, mit Antilopen fiele mir das schwer. Gleichwohl, der Kollege in Köln ist dafür zunächst hart kritisiert worden, aber inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Zuschauer diese ungeschönte Form der Aufklärung honorieren. Auch wir wären dazu bereit, sind aber noch lange nicht so weit. Dieser Schritt will gut vorbereitet und vorher mit der Öffentlichkeit sensibel diskutiert sein.


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