Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

45-Jähriger muss ins Gefängnis Missbrauch, Körperverletzung und Nötigung: 15-Jährige übers Internet erpresst

Von Henning Müller-Detert | 23.09.2011, 04:00 Uhr

Das Landgericht Osnabrück hat einen 45-jährigen Kölner wegen sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Erpressung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Opfer: ein Mädchen aus dem Nordkreis, das bei dem ersten Treffen im Oktober 2009 gerade 15 Jahre alt war.

Wie sensibel das Verfahren ist, wird am ersten Verfahrenstag schnell deutlich: Der Angeklagte will sich zu den Vorwürfen äußern, doch die Vertreterin der Nebenklage fährt dazwischen: Da es um „intime Details“ im Leben ihrer jungen Mandantin gehe, müsse die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden, lautet ihr Antrag, dem die Kammer entspricht. Wie aber am zweiten Tag deutlich wird, räumt der 45-Jährige die Vorwürfe im Wesentlichen ein. Hier verdeutlicht zudem eine kurze Bemerkung des Kölners den Sachverhalt. Er wird zu seiner langjährigen Partnerschaft mit einer Frau befragt. Sadomasochistische (SM) Praktiken habe es da nicht gegeben, sagt der Angeklagte und fügt hinzu: „Die Fantasien hatte ich aber immer.“ Genau die habe er mit dem jungen Mädchen ausleben wollen. Über ein Internetforum hätten sie erstmalig kommuniziert, und es sei ihm gelungen, dass die 15-Jährige ihm Nacktfotos zugeschickt habe.

Hier nimmt ein System seinen Anfang, das das Gericht später als „perfide“ bezeichnet: Mit der Drohung, die Bilder ins Internet zu stellen, ist dem Angeklagten zweierlei gelungen: Er trifft sich zwischen Oktober 2009 und November 2010 mehrmals mit der Minderjährigen. Bei den Treffen kommt es zu SM-Praktiken. Dazu zwingt er sie, ihm Fotos und Videos zu schicken, was sie nach seinen Anweisungen ausführt – und was dem Mann weiteres Drohpotenzial in die Hände spielt. Schließlich erhält er auch noch mindestens 3000 Euro. Mit dem Geld wird das Mädchen für „Fehlverhalten“ bestraft, zum Beispiel dann, wenn es nicht zum verabredeten Zeitpunkt online ist.

Die entscheidende Frage: Inwieweit ist all das in beiderseitigem Einvernehmen geschehen? Dies sei nur gegeben, wenn sich die Partner auf „Augenhöhe“ befänden, meint die Staatsanwältin, die eine Strafe von drei Jahren und zehn Monaten fordert: „Das war hier nicht so.“ Gerade die Vertreterin der Nebenklage, die den 45-Jährigen „mindestens vier Jahre“ hinter Gitter sehen will, verweist auf ein „Herrschafts-Sklaven-Verhältnis“. Die Verteidigung räumt ein, dass es keinen einvernehmlichen Wunsch gegeben habe. Dennoch habe der Angeklagte nicht alle Zeichen realisiert. Ein Beispiel: Er habe Liebesbriefe von dem Mädchen erhalten, die es wohl geschrieben habe, um seinen Peiniger zu beruhigen: „Konnte er das erkennen?“, fragt der Rechtsanwalt. Da der 45-Jährige zudem nicht vorbestraft und geständig sei, plädiert er auf eine zweijährige Bewährungsstrafe. Dem entspricht das Gericht nicht. Für die Kammer ist klar: Der Angeklagte habe erkennen müssen, dass er gegen den Willen des Opfers gehandelt habe.