Bilanz nach 100 Tagen Präsident Lücke: Bei Neumarkt-Planung an Uni denken

Bei den Neumarktplanungen sollte die Stadt auch an die Studenten denken, fordert Wolfgang Lücke. Foto: Jörn MartensBei den Neumarktplanungen sollte die Stadt auch an die Studenten denken, fordert Wolfgang Lücke. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Nach 100 Tagen im Amt weiß Wolfgang Lücke, „wie die Universität tickt“ und wo ihre Stärken liegen. Enttäuscht ist der neue Uni-Präsident, dass das Vorhaben einer Stiftungsuniversität gescheitert ist. Außerdem bedauert der 57-Jährige, dass in der Stadt der Autoverkehr wichtiger sei als die Studenten.

Die ersten 100 Tage als Uni-Präsident haben Sie hinter sich. Sind Sie zufrieden?

Ich habe diese 100 Tage vorrangig genutzt, um die Universität kennenzulernen. Allerdings war ich immer noch nicht in allen Fachbereichen und Dezernaten, weil zwischendurch viele andere Termine anfielen. Insofern bin ich immer noch auf Entdeckungsreise durch die Universität, aber ich bekomme ein Gefühl dafür, wie sie tickt, wie sie aufgestellt ist und wo sie ihre Stärken hat.

Wo wollen Sie eigene Akzente setzen?

Ein wichtiges Projekt in diesem Jahr ist die Qualitätsoffensive in der Lehrerbildung. Bei der großen Zahl von Lehramtsstudierenden, die wir hier in allen Bereichen haben, ist es unabdingbar, dass wir uns an der Ausschreibung des Bundesbildungsministeriums beteiligen. Das würde diesen so wichtigen Bereich weiter stützen. Aber wir wollen auch die Kooperation mit der Hochschule weiter ausbauen. Ich denke da zum Beispiel an die Agrarrobotik, die Informatik und die Gesundheitswissenschaften. Zum Bereich Pflegewissenschaften könnte auch unser Institut für Migrationsforschung viel beitragen, weil möglicherweise viele Pfleger einen Migrationshintergrund haben werden.

Was ist derzeit eine große Herausforderung?

Da ist zum Beispiel die Alexander von Humboldt-Professur, die schon vor meinem Amtsbeginn eingeworben wurde. Die Umweltökonomin Professor Stefanie Engel soll von der ETH Zürich ans Institut für Umweltsystemforschung in Osnabrück kommen. Die Berufungsverhandlungen laufen zurzeit und kommen in den nächsten Wochen zum Abschluss. Wenn man sich umschaut, wer sonst noch so eine Humboldt-Professur hat, dann sind das die großen Universitäten wie in Berlin und München. Jetzt taucht in diesem Kontext aber auch mal eine mittelgroße Universität wie Osnabrück auf. Das zeigt, wie groß das Potenzial hier ist.

Ihr Vorgänger scheiterte damit, die Universität in eine Stiftungsuniversität umzuwandeln, was viele Prozesse beschleunigt hätte. Trauern Sie dieser Entscheidung nach?

Das Thema steht im Moment nicht auf der Tagesordnung. Ich komme aus einer Stiftungsuniversität und weiß, welche Vorteile eine solche Rechtsform hat. Gerade an einem Standort wie Osnabrück, wo eine staatliche Universität und eine Stiftungshochschule sich um weit über 20000 Studierende kümmern, ist das eine Herausforderung. Da ist es schon ein Vorteil, wenn man auch von der Struktur der Einrichtung ähnliche Voraussetzungen mit höheren Freiheitsgraden hätte.

An welche weiteren Vorteile denken Sie?

Es wäre besser, wenn wir unsere Entscheidungen so treffen könnten, wie ich es aus der Vergangenheit gewohnt bin. Und da hat das Präsidium eine größere Entscheidungsfreiheit und ist lediglich an rechtliche Vorgaben des Landes gebunden. Schnellere und zielgerichtetere Entscheidungen wären gerade bei der Bauherreneigenschaft wichtig. Wir müssen nicht nur den Hochschulstandort Westerberg entwickeln, sondern auch am Schloss muss was passieren. Die Entwicklungsmöglichkeiten dort sind stark eingeschränkt. Da geht es nicht nur um neue Bauten. Auch die Lernumgebung spielt eine mindestens genauso große Rolle wie die Qualität der Lehrveranstaltungen.

Sehen Sie den Campus am Schloss eingeengt? Wie möchten Sie die Grenzen sprengen?

Ich habe immer das Gefühl, dass der Autoverkehr auf dem Neuen Graben in der Diskussion eine größere Rolle spielt als die Belange der Universität. Die Uni hört am Schloss auf und dann muss man über fünf Fahrspuren, um ins Zentrum zu gelangen. Das ist eine gefühlte Barriere zwischen der Stadt und der Universität, die für einen universitären Campus nicht gut ist. Das sollte in den nächsten Jahren bei den Planungen um den Neumarkt unbedingt berücksichtigt werden. Eine so prädestinierte Lage mit dem Ledenhof und der Kneipenszene auf der einen Seite und dem Schloss sowie dem Schlossgarten auf der anderen Seite ist eigentlich der ideale Campus. Leider wirkt der Neue Graben da wie eine Zäsur. Insgesamt empfinde ich Osnabrück als eine liebenswerte Stadt, die man schnell in sein Herz schließt. Beeindruckt hat mich besonders, wie herzlich ich von verschiedenen Seiten hier aufgenommen wurde, sodass ich mich hier schon ein bisschen heimisch fühle.


Wolfgang Lücke (Jahrgang 1956) promovierte an der Georg-August-Universität in Göttingen. 1993 habilitierte er sich im Fach Agrartechnik. Sein Forschungsinteresse gilt unter anderem regenerativen Energien. Seit 2008 war Lücke Vizepräsident der Universität Göttingen. Im April 2013 wurde er als Nachfolger von Claus Rainer Rollinger zum Präsidenten der Universität Osnabrück gewählt. Die Amtszeit beträgt sechs Jahre und begann am 1. Oktober 2013.

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