Würstchensuppe halal Schüler interviewen Lehrer der Drei-Religionen-Schule Osnabrück

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Osnabrück. Während des Comeniusprojektes hat sich die Klasse 8a mit dem Thema „Toleranz in unserer Stadt – Toleranz in unserer Schule“ auseinandergesetzt. Auch in der Drei-Religionen-Schule wird das Miteinander gefördert, und das klappt schon recht gut. Die Klasse 8a der Alexanderschule Wallenhorst hat sich im Unterricht mit dem Thema Zeitung beschäftigt. Die Schüler nahmen am Klasse!-Projekt des Medienhauses Neue OZ teil und verfassten selbst Berichte. Das Interview ist dabei entstanden.

Von Lena Wulf, Florian Seifert, Jannik Weis und Michelle Olsfelder

Florian: Wie viele Klassen haben Sie momentan an dieser Schule?

Birgit Jöring: Im aktuellen Schuljahr haben wir schon drei Klassen – zwei erste Klassen und eine zweite Klasse. Und so wird die Johannisschule dann jedes Jahr um eine Klasse abgebaut, und wir bekommen jedes Jahr die neuen Klassen dazu. Insgesamt ist geplant, dass wir eine zweizügige Grundschule sind. Für den Anfang kann ich wirklich sagen, dass ich ganz froh bin, dass wir zunächst einmal ganz klein angefangen haben, weil man alles für eine Klasse sehr viel leichter planen kann.

Lena: Sind das nur drei Religionen, oder kommen da noch evangelische Kinder hinzu?

Birgit Jöring: Ja, es sind auch evangelische Kinder angemeldet und auch Kinder, die gar keine Konfession besitzen. Die evangelischen Kinder haben mit den katholischen zusammen in der ersten und zweiten Klasse konfessionell kooperativen Religionsunterricht, und ab der dritten Klasse wird dann, wie an anderen Grundschulen auch, der evangelische und katholische Unterricht getrennt voneinander unterrichtet.

Florian: Wird das Fach Religion getrennt unterrichtet oder alle gemeinsam?

Annett Abdel-Rahman: Nein, wir unterrichten es getrennt. Dies ist auch das Konzept der Schule, dass jede Religion in ihrem Bekenntnis unterrichtet und auch gelebt wird. Das ist auch das Schöne für die Schüler, aber auch die große Herausforderung. Die Kinder werden darin geschult, den anderen erklären zu können, woran sie glauben und warum sie bestimmte Dinge so machen und auszuhalten, dass es Momente gibt, in denen man sich gegenübersteht und auch gegensätzliche Meinungen haben kann.

Birgit Jöring: Und so etwas wie heute (es wird das Fest Ramadan in der Klasse thematisiert), das ist auch ganz wichtig. Es wird erklärt, was für ein großes Fest in der Religion ansteht.

Annett Abdel-Rahman: Zu unserem Konzept gehört es, dass sich die Kinder gegenseitig einladen, wenn es etwas zu feiern gibt. Man versucht gemeinsam zu feiern, aber man versucht auch, die religiösen Befindlichkeiten, die jeder hat, zu berücksichtigen.

Sebastian Hobrack: Wir hatten zum Beispiel eine Projektwoche an unserer Schule und haben einander in unseren Gotteshäusern besucht. Es zählt zum Programm, dass beispielsweise die jüdischen Kinder dann vorführen, wie eine Waschung durchgeführt wird, und zwar nimmt man dazu dieses besondere Gefäß mit Wasser und gießt es dann so über die Hände und sagt dazu diesen oder jenen Segensspruch.

Florian: Welches Ziel verfolgen Sie in der Schule?

Birgit Jöring: Das allgemeine Ziel ist, dass man als Erstes jedes Kind in seiner eigenen Religion stärkt und nicht nur mit der Hoffnung auf Wissen versieht, sondern auch mit der entsprechenden religiösen inneren Haltung. Und das zweite Ziel ist, dass jedes Kind in der Lage ist, dem anderen seine Religion erklären zu können. Und das dritte Ziel ist es, letztendlich auszuhalten, dass jemand möglicherweise eine Haltung hat, die meiner eigenen Haltung entgegensteht.

Florian: Wird den jüdischen Kindern auch Hebräisch beigebracht?

Sebastian Hobrack: Ja, das ist ein Schwerpunkt in dem Unterricht. Das erste Jahr steht im Zeichen des Lesen- und Schreibenlernens, wie auch sonst in den ersten Klassen.

Birgit Jöring: Und es gibt ja auch Kerncurricula, an die wir uns zu halten haben bzw. Bildungsstandards für die jüdischen Kinder; danach wird dann auch der Unterricht gestaltet. Das Besondere ist für uns wirklich, dass es nicht bei diesem getrennten Unterricht bleibt, sondern dass auch immer wieder ein Zusammenkommen stattfindet und ein gemeinsames Feststellen, was besonders ist.

Florian: Haben Sie in der Schule auch eine Kantine, und wird dort auf die verschiedenen Essensgewohnheiten der einzelnen Religionen geachtet?

Birgit Jöring: Wir haben das Glück, dass an der Johannisschule auch schon immer muslimische Kinder gegessen haben und der Caterer dieses mit einem Zertifikat bestätigt hat, dass das Essen „halal“ ist, also den muslimischen Speisegesetzen entspricht. Das wurde auch im Beirat abgestimmt. Dass wir hier leider keine richtige koschere Küche haben, das liegt einfach in der Natur der Sache – es ist nur koscher-style. Das bedeutet, dass zum Beispiel die Soße nicht schon beim Fleisch ist – das kommt auch den Kindern entgegen, denn nicht jeder mag unbedingt die Soße gleich auf dem Fleisch

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Annett Abdel-Rahman: Wie wichtig und schön das ist, konnte man eigentlich beim ersten Mal sehen, als wir gegessen haben. Da gab es Suppe mit Würstchen, und die muslimischen Kinder sind, wenn die Eltern es praktizieren, so getrimmt, dass sie außerhalb des Elternhauses kein Fleisch essen. Das heißt, sie sind schon innerlich so erzogen, dass sie sofort sagen „Stopp!“, was eigentlich sehr schade ist. Wir saßen alle am Tisch, und die muslimischen Kinder haben nicht gegessen, weil dort Würstchen in der Suppe waren. Und ich habe ihnen gesagt, dass sie es ruhig essen können, dass wirklich alles ,halal‘ ist. Aber trotzdem hat keiner gegessen – erst als ich gegessen habe, haben alle losgelegt.

Lena: Gab es am Anfang Probleme zwischen den Schülern im Umgang miteinander?

Annett Abdel-Rahman: Ich denke, dass das ein Prozess ist, weil viele Schüler durch ihr Elternhaus sozialisiert sind, und das spielt zum Beispiel bei muslimischen Kindern eine ganz große Rolle. Ob man arabische Eltern hat, die sehr am Palästina-Thema interessiert sind, dann ist das mit Sicherheit eine große Herausforderung, sich hier mit jüdischen Kindern und auch mit jüdischen Eltern auseinanderzusetzen.

Ich weiß von einer muslimischen Mutter, dass sie ein ganz intensives Gespräch mit einer jüdischen Mutter hatte – und das ist genau der Punkt: Sie haben sich ausgetauscht, weil sie auch beide eine Zeit lang dort gelebt haben und sie deshalb auch diesem Thema mit dem Herzen nahestehen. Und so etwas bringen Kinder natürlich mit, das ist ganz klar!

Florian: Gibt es auch ein Ganztagsangebot?

Birgit Jöring: Genau, das haben wir auch: AG am Nachmittag! Wir haben gesagt, dass es wichtig ist, dass die Kinder die Gelegenheit haben, die anderen in ihrem Leben und in ihrem Alltag kennenzulernen. Das Ganztagsangebot wird von vielen Eltern genutzt.

Jannik: Gab es schon einmal rassistische Übergriffe auf diese Schule?

Annett Abdel-Rahman: Nein, wir hoffen auch, dass es keine geben wird.

Sebastian Hobrack: Es gab sehr, sehr scharfe Kritik, auch in der israelischen Presse lancierten Briefe von einer bestimmten frommen Fraktion, wo auch unverhüllt Identitäten preisgegeben worden sind. Es ist bei Weitem nicht jeder mit uns einverstanden, und das müssen wir aushalten.

Annett Abdel-Rahman: Ich kann für die Muslime sagen, dass es das auch bei uns gibt. Es gibt Diskussionen, ob es Sinn macht, solch eine Schule zu haben und so miteinander umzugehen. Wobei ich sagen muss, dass die Muslime einen ganz anderen Blickwinkel haben, weil sie heilfroh sind, dass sie Islamunterricht haben, das gab es bisher an vielen Schulen so nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass einige Eltern das auch als Punkt nehmen, warum sie ihr Kind hierherschicken. Und erst dann erahnen, dass es da noch etwas anderes gibt – das Konzept, das dahintersteht, sich auch wirklich mit den anderen Religionen auseinanderzusetzen. Und das ist das Wichtigste.


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