Geschädigte fordern Geld Neue Anzeigen gegen Verleger der Sonntagszeitung

Von Wilfried Hinrichs

Die Zeit der Osnabrücker Sonntagszeitung scheint abgelaufen: Das Verlagshaus steht vor der Insolvenz. Foto Jörn MartensDie Zeit der Osnabrücker Sonntagszeitung scheint abgelaufen: Das Verlagshaus steht vor der Insolvenz. Foto Jörn Martens

Osnabrück. 54 stille Gesellschafter der „Osnabrücker Sonntagszeitung“ haben Anzeige gegen Verleger Norbert Fuhs wegen gewerbsmäßigen Betruges, strafbarer Werbung und Insolvenzschverschleppung erstattet. Sie lehnen das von Fuhs vorgelegte Rettungspaket ab und fordern, dessen Vermögen zu beschlagnahmen. Der Verlag der Sonntagszeitung, die Enorm Verlagsgesellschaft, steht offenbar unmittelbar vor der Insolvenz.

Die Anwälte Dimitri Rimscha und Jörg Haferkorn haben am Freitag die gemeinsame Anzeige von 52 Geschädigten an die Staatsanwaltschaft Oldenburg übersandt. Sie beantragen außerdem, das Vermögen des Beschuldigten für einen etwaigen Schadensausgleich zu sichern. Darüber hinaus liegen zwei weitere Anzeigen von Medienbrief-Opfern gegen Fuhs vor, die ihm Betrug und Insolvenzverschleppung vorwerfen. Fuhs lehnt eine Stellungnahme gegenüber der NOZ grundsätzlich ab.

Die 52 Anzeigenerstatter sind Mitglieder des Vereins der Medienbrief-Geschädigten . „Die Schadenssumme dieser Anleger liegt bei 850000 Euro“ sagt Vereinsgründer Ralf Neumann. Er wirft Fuhs vor, das Vertrauen der Anleger missbraucht und sie über die wahre Lage des Verlages getäuscht zu haben. Die meisten der Geschädigten, die sich dem Verein angeschlossen haben, sind nach den Worten von Anwalt Rimscha „keine Spekulanten oder Finanzjongleure“, sondern Rentner, die ihre Ersparnisse sicher anlegen wollten.

Die Zeit der Enorm Verlagsgesellschaft scheint abgelaufen, denn deren Rettung hängt auch davon ab, dass alle etwa 370 stillen Gesellschafter das von Fuhs vorgelegte Restrukturierungskonzept mittragen und auf einen großen Teil ihres Geldes verzichten. Geschehe das nicht, werde der Verlag Ende 2013 zahlungsunfähig, hatte Fuhs seinen Anlegern im Spätherbst mitgeteilt. Nach der Insolvenzordnung muss der Geschäftsführer spätestens drei Wochen nach Eintreten der Zahlungsunfähigkeit Insolvenzantrag stellen. Die Frist läuft kommende Woche ab.

Die Insolvenz würde für die Medienbrief-Inhaber nach Expertenmeinung einen Totalverlust bedeuten. Schlimmer noch: Der Insolvenzverwalter kann die Dividenden, die Fuhs auf die Medienbriefe in den vergangenen drei Jahren ausgezahlt hat, zurückfordern und in die Insolvenzmasse geben. Laut Vertrag zahlte Fuhs nämlich keine Zinsen, sondern Vorabvergütungen auf zu erwartende Gewinne. Gewinne hat der Verlag aber seit mindestens 2006 nicht mehr erwirtschaftet.

Gewinne abgeführt

Als der Verlag noch Gewinne abwarf, flossen sie in ein anderes Unternehmen ab, wie die Anwälte vermuten. Denn im Hintergrund stand die Firma Fuhs Verlag KG, die 1995 einen „Ergebnisabführungsvertrag“ mit der Enorm Verlagsgesellschaft schloss. Darin gibt der Verlag jede Selbstständigkeit auf und ordnet sich „in finanzieller, wirtschaftlicher und organisatorischer Hinsicht dem Willen der Fuhs KG“ unter. Der Jahresüberschuss werde der Fuhs KG überwiesen, bis auf die Summe, die zur Ausschüttung der Medienbrief-Dividenten nötig ist, heißt es in dem Vertrag. 2011 wurde die KG liquidiert. Als Norbert Fuhs in der vergangenen Woche vor einem Zivilgericht in Osnabrück nach der Funktion der KG befragt wurde, ließ sein Anwalt laut Ohrenzeugen wissen: Herr Fuhs könne sich daran nicht erinnern.

Der Verlag ist mit 6,7 Millionen Euro überschuldet, wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RTC festgestellt hat. Fuhs selbst hatte die RTC im Herbst 2013 beauftragt, sein Rettungskonzept auf Plausibilität zu überprüfen. Das Gutachten liegt der NOZ-Redaktion vor. Auf der Basis der von Fuhs vorgelegten, ungeprüften Zahlen geben die Wirtschaftsprüfer eine „positive Fortsetzungsprognose“, wenn alle Bedingungen erfüllt werden. Zu diesen Bedingungen zählt, dass alle stillen Gesellschafter das Konzept mittragen - was nicht eingetreten ist.

Eine weitere Bedingung ist, dass Fuhs selbst 1,6 Millionen Euro an den Verlag zahlt. Die Forderung des Verlages gegen Fuhs beruht offenbar auf Darlehen, die nach Angaben der Anwälte Rimscha und Haferkorn „nicht vollständig durch schriftliche Vereinbarungen hinterlegt sind“. In der Bilanz 2012 tauchen plötzlich 2,5 Millionen Euro auf, die der Enorm Verlag angeblich noch vom Gesellschafter Fuhs bekommt. Fuhs stellt eine Gegenforderung: Für die Nutzung der Namen „Osnabrücker Sonntagsblatt“ und Osnabrücker Sonntagszeitung“ sollte der Enorm Verlag Lizenzgebühren zahlen, die sich bis 2013 auf 1,6 Millionen summierten.

Das Sanierungskonzept beinhaltet auch einen drastischen Sparkurs. Die Umfänge der Sonntagszeitung sollen auf 16 Seiten reduziert, die Auflage gedrosselt, die Zustellung auf dem Lande eingeschränkt und ein neuer oder zweiter Geschäftsführer eingestellt werden. Die Umsätze sollen 2014 trotzdem um 20 Prozent gesteigert werden. Die RTC-Wirtschaftsprüfer weisen am Ende ihrer Stellungnahme darauf hin, dass sie die Unternehmensplanung „hinsichtlich der Umsatzerlöse in Teilen für ambitioniert halten“.


Medienbriefe: Der Verlag der Osnabrücker Sonntagszeitung finanzierte sich über Medienbriefe, die in der Regel von Privatleuten zu 5000 Euro pro Stück gezeichnet wurden. Verleger Norbert Fuhs lockte die Anleger mit Renditen von bis zu 6,15 Prozent pro Jahr. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnte Fuhs die Ausschüttungen seit 2010 nur noch durch die Herausgabe neuer Medienbriefe bedienen. Die Ermittler sehen darin ein betrügerisches Schneeballsystem. Die stillen Einlagen beliefen sich Ende 2009 auf 5,3 Millionen Euro und stiegen kontinuierlich bis Ende 2013 auf 8,4 Millionen Euro. Als die Ermittlungen gegen Fuhs und die wahre Lage des Verlages im Mai 2013 öffentlich wurden, kündigten 274 Gesellschafter ihre Medienbriefe. Zum 31. Dezember 2013 wurden insgesamt 4,5 Millionen Euro fällig, die der Verlag nicht bedienen kann. Medienbrief-Geschädigte haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen. Kontakt: Ralf Neumann Telefon 01 62/7 90 38 52, E-Mail: r.neumann01@gmx.net.