„Moot Court“ Osnabrücker Jura-Studenten bestehen Praxis-Test

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Verhandlung vor dem Landgericht über einen fiktiven Fall: Beim Moot Court des europäischen Jura-Studenten-Verbandes Elsa hatten Osnabrücker Studenten die Gelegenheit, das bisher Gelernte in der Praxis zu erproben. Foto: Gert WestdörpVerhandlung vor dem Landgericht über einen fiktiven Fall: Beim Moot Court des europäischen Jura-Studenten-Verbandes Elsa hatten Osnabrücker Studenten die Gelegenheit, das bisher Gelernte in der Praxis zu erproben. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. In über 20 Verhandlungen sind nun Osnabrücker Studenten der juristischen Fakultät gegeneinander angetreten. Die angehenden Juristen fochten im Landgericht einen erdachten Fall aus, der einen sehr realen gesellschaftlichen Hintergrund hat.

Unter den trockenen Studienfächern gilt die Juristerei als eines der trockensten – deshalb bietet ein Moot-Court-Wettbewerb den Studenten die Chance, ihr theoretisches Wissen über Zivilrecht praktisch anzuwenden. Dafür nehmen sie in einer fiktiven (englisch: moot) Verhandlung die Rollen von Kläger oder Beklagtem ein.

Im Osnabrücker Landgericht fand jetzt der Lokalentscheid des von der European Law Students’ Association (Elsa) veranstalteten Moot Court statt. 36 Studenten traten paarweise an, um das Team zu ermitteln, das Osnabrück beim norddeutschen Regionalentscheid in Bielefeld vertreten wird.

In allen Verhandlungen ging es um denselben fiktiven Fall: Das Ehepaar Kleinmann ist ungewollt kinderlos und wendet sich an den Reproduktionsmediziner Rüdiger Schmidt. Der Arzt wählt aus seiner Kartei den Samenspender Ralf Blum aus, mit dessen Samen Frau Kleinmann erfolgreich befruchtet wird. Das aus dieser Spende entstandene Kind Kirsten ist eine erstaunliche Persönlichkeit: Nachdem sich das Ehepaar Kleinmann geschieden hat und Vater Kleinmann den Unterhalt verweigert, erfährt Kirsten, dass sie die Tochter eines Samenspenders ist. Sie sucht daraufhin Dr. Schmidt auf, um den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren. Der Arzt gibt ihr den Namen, woraufhin Kirsten den einstigen Samenspender erfolgreich auf Unterhalt verklagt. Laut Sachverhaltsschilderung ist Kirsten zu diesem Zeitpunkt gerade mal 14 Jahre alt. Samenspender Blum verklagt nun seinerseits den Arzt, weil der ihm bei der Spende Anonymität zugesichert hatte. Statt seiner solle Dr. Schmidt die 500 Euro pro Monat an Kirsten überweisen…

„Nach dem ersten Schreck bin ich über den Fall nicht unglücklich“, sagte Hans Schulte-Nölke im Gespräch mit der Neuen OZ. Der Osnabrücker Jura-Professor organisiert seit Jahren die hiesigen Moot-Court-Wettbewerbe und agiert in vielen der fiktiven Verhandlungen als Vorsitzender Richter. Auch wenn das Thema Samenspende delikat ist und der Fall exotisch anmuten mag – laut Schulte-Nölke handelt es sich um ein höchst aktuelles gesellschaftliches Problem: Im Februar 2013 entschied das Oberlandesgericht Hamm, dass jeder Mensch das Recht hat, den Namen seines leiblichen Vaters zu erfahren – auch wenn er durch eine anonyme Samenspende gezeugt wurde. „Es gibt 20000 bis 30000 Kinder in Deutschland, auf die das zutrifft, und die kommen jetzt in das Alter, in dem sie klagen“, sagte Schulte-Nölke.

In den Moot-Court-Verhandlungen musste der Jurist mit der Unterstützung von zwei Beisitzern entscheiden, welche Partei juristisch und auch rhetorisch ihr Anliegen besser vertreten hat. „Die Argumentationen wurden mit jeder Runde anspruchsvoller, man hört immer neue Gesichtspunkte zu demselben Fall“, sagte Schulte-Nölke.

Im rein weiblichen Finale setzten sich schließlich Katharina Böhm und Marina Schukow gegen Theresa Pohl und Janna Vöcking durch. Böhm und Schukow vertraten die Klägerseite, also den Samenspender Ralf Blum, der den Reproduktionsmediziner auf Schadenersatz für seine Unterhaltszahlungen verklagt hatte. „Ihre wesentlichen Argumente, die den Anspruch stützen, kamen sehr präzise“, lobte Schulte-Nölke.


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