Erster Weltkrieg Als der Sohn des Stahlwerksdirektors an die Front zog

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Osnabrück. Was mag in dem jungen Mann vorgehen, der so traurig und verloren in die Kamera schaut, während sich die Eltern und die Schwestern so geschäftig seinem Blick entziehen? Das Foto von 1915 zeigt den 19-jährigen Hermann Wurm im Kreis seiner Familie, kurz bevor er an die Front zog. 19Monate später wurde er vermisst. Aber er überlebte den Ersten Weltkrieg. Nicht jedoch den Zweiten.

„Zurück – Vermisst“ stand auf dem Umschlag, in roter Tinte und unterstrichen. Im Mai 1917 kam dieser an den Vizefeldwebel Hermann Wurm adressierte Brief zurück an die Absenderin, seine Schwester Irma. Sie hatte ihm zum 21. Geburtstag gratulieren wollen.

Es muss ein schwerer Schlag für die Familie Wurm gewesen sein, auf diesem Wege vom ungewissen Schicksal des jungen Frontsoldaten zu erfahren. Aber Hermann Wurm war nicht gefallen. Er überlebte das Gemetzel, das Trommelfeuer und die Gasangriffe, weil er in französische Gefangenschaft geraten war.

Der Brief aus dem Ersten Weltkrieg war noch verschlossen, als er vor einigen Jahren Rolf Spilker in die Hände fiel, dem Leiter des Museums Industriekultur Osnabrück. Der sichtete Dokumente aus dem Nachlass von Alois Wurm, dem Vater des Unteroffiziers.

Alois Wurm (1866–1941) war vor 100 Jahren ein bekannter Mann in Osnabrück – vor allem als Direktor des Stahlwerks. Der Chemiker und promovierte Philologe hat aber auch als Fotoamateur und als Autor kunstgeschichtlicher Betrachtungen seine Spuren hinterlassen.

Es ist nicht bekannt, wie in der Familie Wurm über den Krieg gesprochen wurde und ob der Vater beim Waffengang seines Sohnes Stolz oder Sorge empfand. Historisch belegt ist, dass die Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg dem Osnabrücker Stahlwerk einen Auftragsboom verschaffte. Mehrfach musste der Betrieb vergrößert werden. Die Materialschlacht an der Front sicherte also den Wohlstand des Direktors und seiner Familie. Aber die Kriegsmaschine kostete unentwegt Menschenleben, und der Tod holte nicht nur die „anderen“.

Es scheint, als hätte Hermann Wurm schon eine Ahnung von diesem Dilemma gehabt, als er sich im Oktober 1915 für Kaiser und Vaterland zur Verfügung stellte. Sein Gesichtsausdruck auf dem Familienfoto spricht Bände.

Noch schönerer Frieden

Nach dem Ersten Weltkrieg studierte Hermann Wurm Chemie, erlangte wie sein Vater einen Doktortitel und arbeitete bei der BASF. 1928 heiratete er Lucia Wolf, eine Tochter aus gutem Hause. Die Ehe blieb kinderlos, und so blieb es dem Weltkrieg-1-Teilnehmer erspart, einen Sohn in den Zweiten Weltkrieg zu schicken. Trotz seines reifen Alters zog der Chemiker selbst wieder den Soldatenrock an, um nun für Hitler zu marschieren. Der Tod ließ ihn nicht noch einmal entkommen. Über die Umstände ist nur so viel bekannt: „Vermisst in Rumänien“, steht in den Dokumenten, die Rolf Spilker zur Verfügung stehen.

Der Direktor des Museums Industriekultur plant eine Ausstellung über Osnabrück im Ersten Weltkrieg, die Ende Mai eröffnet werden soll. Der Brief, den Irma Wurm im Frühjahr 1917 an ihren Bruder Hermann geschrieben hat, gehört zu den Exponaten. Rolf Spilker hat den Umschlag geöffnet.

Sie wolle „einem lieben Feldgrauen zum Wiegenfeste einen sauberen Brief nach Welschland“ senden, schreibt Irma und wünscht dem Bruder „recht viel Glück von ganzem Herzen“, außerdem „Gottes reichen Segen u. weiteren Schutz“. Vor allem aber „eine glückliche Heimkehr nach schönem Siege zu einem noch schöneren Frieden“.


Das Museum Industriekultur sucht Dokumente, Briefe , Tagebücher, Fotos und Mitbringsel aus dem Ersten Weltkrieg. Die Exponate sind für die Ausstellung „Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg bestimmt“. Willkommen ist alles, was mit der Heimatfront in Osnabrück zwischen 1914 und 1918 zu tun hat. Erbeten werden nur Leihgaben, die nach dem Ende der Ausstellung im September zurückgegeben werden. Kontakt: Frau Toepper, Telefon 0541/1393077.

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