Appell an die Politik Pflege-Flashmob in der Osnabrücker Innenstadt

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Aus Protest gegen die schwierigen Bedingungen in den Pflegeberufen haben sich in Osnabrück zahlreiche Menschen an einem Flashmob beteiligt. Foto: dpaAus Protest gegen die schwierigen Bedingungen in den Pflegeberufen haben sich in Osnabrück zahlreiche Menschen an einem Flashmob beteiligt. Foto: dpa

Osnabrück. Die Uhr steht irgendwo zwischen fünf vor und fünf nach zwölf, die Pflege liegt am Boden: Mit aussagekräftiger Symbolik machten am Samstag in der Mittagszeit Pflegende in der Osnabrücker Innenstadt mit einem zehnminütigem Flashmob auf Missstände in ihrem Beruf aufmerksam.

Der Flashmob fand zum dritten Mal und anlässlich eines bundesweiten Aktionstages statt; in bis zu 80 Städten hatten Pflegende am Samstag mit vergleichbaren Aktionen den Status quo ihres Berufsalltages für die Öffentlichkeit dokumentiert.

Um 11.55 Uhr hatten sich rund 150 Pflegende in der Innenstadt auf den Boden gelegt und eine Kette gebildet, die sich durch die Großen Straße bis zum Nikolaiort zog. Über soziale Netzwerke und den Runden Tisch Pflege hatten die Initiatoren zur Demonstration aufgerufen, deren Adressat ganz klar die Politik sei: „Wir können und werden immer wieder die Öffentlichkeit suchen, um die prekäre Lage in unseren Berufen publik zu machen“, sagte Michael Thomsen, einer der Organisatoren der Aktion am Samstag. Nachhaltige Verbesserungen könnten aber nur durch die Veränderungen rechtlicher und struktureller Grundlagen erreicht werden, hier müsse die Politik gestalten: „Es fehlen alleine schon einheitliche Regelungen bei der Berechnung von Stellenschlüsseln oder Pflegesätzen“, so Thomsen, der den drohenden Pflegenotstand als hausgemachtes Problem ansieht: „Schon vor zwanzig Jahren hat sich ein Mangel an Pflegenden abgezeichnet“, so Thomsen. Es würde vieles schöngeredet und Aktionismus betrieben, Fakt sei aber: „Es fehlt nicht nur am Nachwuchs, auch immer mehr gestandene Pflegende fliehen angesichts der sich verschlechternden Bedingungen regelrecht aus ihrem Beruf.“

Auf Pappschildern hatten die Demonstranten exemplarische Missstände formuliert, die in vielen Pflegeeinrichtungen eher Alltag denn Ausnahme darstellen: Die Häufung von Fehlern oder gefährlicher Pflege, das Einspringen für erkrankte Kollegen am freien Wochenende, die Gefährdung der eigenen Gesundheit, uneinheitliche Tarifsysteme und eine überbordende Dokumentation - in den Augen Sabrina Athmers nur einige Eckpfeiler in einem dringend renovierungsbedürftigen System. Die Altenpflegerin formulierte am Rande des Flashmobs ihre Vorstellung von guter Pflege: „Es sollte schon etwas mehr sein als nur: sicher, sauber, satt.“ Patienten mit Gesprächsbedarf nicht jedes mal auf ein vages „Später“ vertrösten zu müssen, Sterbenden ein Abschied in Würde zu ermöglichen - nach ihren Erfahrungen in der Praxis kaum möglich: „Dafür ist einfach keine Zeit. Das ist für beide Seiten unbefriedigend, aber eben die Realität“, so Athmer.

Dabei erhalten Pflegende in ihrer Ausbildung durchaus das Rüstzeug, um auch diesen Aspekten gerecht werden zu können: „Es klafft aber einfach eine riesige Lücke zwischen Theorie und Praxis“, macht Jan Philipp Nowak klar. Der 25-jährige befindet sich gerade in der Ausbildung zum Altenpfleger, nachdem er zuvor schon im Zivildienst und als Pflegeassistent einschlägig gearbeitet hatte: „Wir bekommen in den Schulblöcken gute Konzepte und Theorien mit auf den Weg, die sich aber in den Einsätzen dann kaum realisieren lassen.“ Oft herrsche ein eklatanter Personalmangel, Fließbandarbeit am Menschen sei die Folge: „An manchen Tagen hetzt man einfach nur von Patient zu Patient, ohne einen richtigen Überblick zu haben.“ Für ihn sei der Beruf zugleich Berufung, die Rahmenbedingungen hingegen ein Grund zur Sorge: „Der Verantwortung, die wir tragen, können wir realistisch gesehen kaum gerecht werden, wenn sich nichts verändert.“


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