„Das ist ein Essen für die Seele“ Osnabrücker Familie legt Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil

Von Carolin Appelbaum

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Osnabrück. Jeden Freitagnachmittag geht es rund auf dem Gemeinschaftshof Pente. Freitag ist Abholtag. Hier werden Obst, Gemüse, Brot und Eier nicht verkauft, sondern an Mitglieder abgegeben, die dafür pro Monat einen festen Beitrag zahlen. Anne Hüttl und ihr Mann Maik Bischoff gehören zu den mehr als 200 Mitgliedern, die den Bio-Hof bei Bramsche tragen. Sie haben sich für einen umweltfreundlichen, ressourcenschonenden Lebensstil entschieden.

Süße Möhren voller Sand und dick wie Kinderarme, Grünkohl so ausladend wie kleine Weihnachtsbäume, Kohlrabi, Möhren, Steckrüben – insgesamt 14 verschiedene Gemüsesorten stapeln sich hier. Tomaten, Gurken, Paprika sind nicht darunter. Denn hier gibt es nur, was in dieser Jahreszeit wächst oder noch auf Lager liegt. Die Osnabrückerin Anne Hüttl strahlt und greift sich einen frischen Salatkopf. „Heute Abend gibt es Endiviensalat .“ Das kurze Murren ihres sechsjährigen Sohns Johann ignoriert sie und ergänzt lächelnd: „Bei uns gilt: Erst mal alles probieren, wenn es dann nicht schmeckt, kann Johann einfach nur Kartoffeln essen, die schmecken ihm immer.“ Seit Juli ist die Familie Mitglied beim Gemeinschaftshof Pente und zahlt pro Monat rund 300 Euro. Dafür kann sie sich einmal in der Woche von dem Vorrat bedienen. Obst, Gemüse, Brot, Eier, Mehl und manchmal auch Fleisch.

Anne Hüttl und ihr Mann Maik Bischoff wollen sich nicht nur biologisch ernähren, sie möchten vor allem auch Produkte aus der Region essen, die nicht erst Hunderte von Kilometern herangeschafft werden müssen. Die eigene Ernährung ist für sie auch Ausdruck einer Lebenshaltung. „Natürlich stehen wir nicht jeden Morgen auf und fragen uns, wie nachhaltig leben wir heute?“, erklärt Maik Bischoff, „doch mit Blick auf die kommenden Generationen wollen wir die Belastung für die Umwelt schon so gering wie möglich halten.“

An diesem Freitag landen neben dem Endiviensalat auch noch Grünkohl, Chinakohl, Möhren und Kartoffeln in dem Korb. „Wer keine Lust hat zu kochen“, sagt Anne Hüttl, „für den ist das hier nichts.“ Manchmal ist so viel Gemüse und Obst zu verarbeiten, dass man kaum dagegen ankommt. Im Sommer hat sie 60 Gläser Marmelade eingekocht oder abendelang Fäden von den grünen Bohnen gezupft.

Wenig Energie

Dafür muss Zeit sein. Anne Hüttl arbeitet als Psychologin in Teilzeit und ist auch noch politisch aktiv – im Osnabrücker Rat ist sie stellvertretende Fraktionsvorsitzend e der Grünen. Trotz der Doppelbelastung ist das Kochen ihre Sache. „Doch wenn keiner von uns Zeit zu kochen hat, bestellen wir einfach mal ’ne Pizza. Wir sehen das nicht dogmatisch“, sagt Anne Hüttl, „das Leben muss ja auch noch Spaß machen.“

Ihr Mann, der als Umweltingenieur für den Kreis Steinfurt arbeitet, kümmert sich um die kuschelige Wärme im Haus. Der Holzpelletofen im Wohnzimmer, der das komplette Haus heizt und im Winter neben der Solarthermieanlage auch für warmes Wasser sorgt, muss regelmäßig befüllt werden. In der Winterzeit kippt Maik Bischoff alle zwei Tage rund 30 Kilo Holzpellets in den Ofen.

„Unsere Bekannten sagen manchmal: Die spinnen doch“, erzählt seine Frau, und Maik Bischoff schmunzelt. „Na ja“, ergänzt er, „wenn man sieht, wie ich hier die Holzpelletsäcke heranschleppe, die 15-Kilo-Säcke, Treppe hoch ins Haus, Treppe runter in den Keller, Treppe wieder hoch zum Ofen… Gut, dass ich noch jung bin und wir den Ofen von April bis Oktober gar nicht brauchen.“

Der Ofen heizt den offenen Wohnbereich auf jeden Fall gut ein. Für die Wärme sorgen jedoch nicht nur Ofen und Sonnenenergie allein, sondern auch die gute Isolierung des Hauses. Auch das gehört zu ihrer Lebenshaltung: möglichst wenig Energie verschwenden.

Immer wieder setzt sich Johann zu seinen Eltern ins Wohnzimmer, um dem Gespräch über Solarthermieanlagen, dezentralen Entlüftungsgeräten, Pumpensystemen und Holzpelletöfen zu lauschen. Doch nach fünf Minuten wird es ihm zu langweilig, und er widmet sich wieder seiner Benjamin-Blümchen-CD. Die Eltern dagegen sind beide Feuer und Flamme für ihr Thema und holen gerne ein bisschen aus.

Gut, also wie ist das genau mit den Entlüftungsgeräten? An der Wand über dem Sofa hängt ein unscheinbarer Kasten, den man nicht bemerkt hätte, wenn man ihn nicht ausdrücklich gezeigt bekommt: Er sorgt dafür, dass es in diesem Raum stets frische Luft gibt. Denn ein Haus, das so eingepackt wird wie dieses, schwitzt ganz einfach unter der Styroporhülle und benötigt eine regelmäßige Entlüftung. „Keiner von uns beiden kann dafür sorgen, dass hier dreimal täglich 15 Minuten lang gelüftet wird“, erklärt Maik Bischoff, „Deshalb haben wir uns für die automatische Entlüftung entschieden.“

Das Haus, eines der sogenannten Engländerhäuser in Osnabrück, ist energetisch auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Dadurch wurde der Primärenergiebedarf auf fast zehn Prozent de ursprünglichen Bedarfs gesenkt. Und vor allem hier ist viel Geld hineingeflossen – insgesamt 80 Prozent der Umbaukosten.

Es passt zusammen: „Wir setzen unsere Prioritäten bewusst anders“, sagen die Hausbesitzer, „wir fahren nicht dreimal im Jahr in den Urlaub, und Flugreisen stehen bei uns momentan auch nicht auf der Wunschliste.“

Dafür haben sie in die energieeffiziente Technik ihres Hauses investiert. Und sie zahlen auch etwas mehr für den Ökostrom, den sie von den Stadtwerken beziehen, weil sie wollen, dass ihr Stromverbrauch durch erneuerbare Energien gedeckt wird. „Ein bisschen zahlen wir auch dafür, dass wir uns gut fühlen“, erklärt Maik Bischoff. „Wenn sich die teure Technik nicht amortisiert, dann haben wir zumindest ein gutes Gewissen.“

Auch das Essen trägt zu diesem guten Gefühl bei: biologisch-dynamisch und regional angebaut. An diesem Abend gibt es selbst gemachte Käsespätzle aus Dinkelmehl vom Gemeinschaftshof Pente und dazu den frischen Endiviensalat. „Das erinnert mich an meine Kindheit“, erklärt Anne Hüttl, „das ist für mich ein Essen für die Seele.“


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