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"Wir hatten nie eine Spur" Der Mord an der neunjährigen Christina aus Osnabrück: Vergewaltigt, umgebracht und im Gebüsch liegen gelassen


Osnabrück. „Das war der Weg, verdammt noch mal.“ Horst Kuhn hält das Schwarz-Weiß-Foto in der Hand. Zwischen dem Gestrüpp, das darauf zu sehen ist, starb am 27. November 1987 die neunjährige Christina. Vergewaltigt, umgebracht und danach im Gebüsch liegen gelassen.

Kuhn war damals Kriminalhauptkommissar in Osnabrück. Vor fast 25 Jahren. „Nach Wochen, nach Monaten, nach Jahren war ich immer mal wieder am Tatort. Ich weiß, dass das komisch klingt. Erklären kann ich es nicht“, erzählt der 73-Jährige. Heute erinnert nichts mehr an das schreckliche Verbrechen, es scheint vergessen. Geblieben sind die Fragen. Bei Horst Kuhn vor allem eine: „Habe ich damals alles richtig gemacht?“ Den Mörder hat er nie fassen können.

Es war eigentlich ein ganz normaler Freitag damals im November 1987. Um 7.30 Uhr hatte Christina das Haus verlassen. Den Tornister auf dem Rücken, die Butterbrote geschmiert. Das Mädchen mit dem breiten Lachen und den kurzen blonden Haaren ging gerne zur Schule. In der vierten Klasse war sie. Wenn ihre Mutter sie heute beschreiben soll, dann muss sie nicht lange überlegen: „Eine Kindergärtnerin hat mal gesagt: Wenn Christina den Raum betritt, dann geht die Sonne auf. Das passt. So war sie.“ Die Mutter lächelt.

30 Minuten Fußweg hatte Christina an diesem Morgen vor sich. Wie andere Kinder auch nahm sie einen Schleichweg zwischen Howindstraße und Knappsbrink. Durch den dunklen Novembermorgen, vorbei an verwilderten Hecken und Schrebergärten. Etwas war doch anders als sonst: Christina ging an diesem Freitag allein. „Und das war das Verderben“, sagt die Mutter. Das Lächeln ist aus ihrem Gesicht verschwunden.

Horst Kuhn zieht an seinem Zigarillo. An den Freitag vor fast 25 Jahren erinnert er sich noch ganz genau. Sogar die Uhrzeit, als sein Telefon klingelte. „14.30 Uhr, kurz vor Feierabend.“ Am anderen Ende der Leitung war Christinas Mutter. Christina war nicht nach Hause gekommen. Von Schulkameraden hatte die Mutter erfahren, dass ihre Tochter nie in der Schule angekommen war. Anrufe bei Krankenhäusern brachten kein Ergebnis. Christina war verschwunden.

„Wir kommen sofort“, sagte Kuhn damals und legte den Hörer auf. Mit Kollegen machte er sich auf den Weg zum Haus der alleinerziehenden Mutter im Osnabrücker Stadtteil Kalkhügel. „Wir haben erst einmal alle Räume durchsucht. Manchmal kommt es vor, dass sich Kinder einfach nur vor den Eltern verstecken.“ Nicht in diesem Fall.

Die Beamten gingen den Schulweg des Mädchens ab. Polizeihundeführer machten sich auf den Weg nach Osnabrück, um bei der Suche zu helfen. Umsonst. Auf einem brachliegenden Kleingartengrundstück wurden Kuhn und seine Kollegen fündig. Der pensionierte Beamte beschreibt den Moment 25 Jahre später so: „Dann standen wir vor unserer kleinen toten Christina.“ Unserer Christina, sagt er. „Es war sofort klar, dass wir es mit einem Tötungsdelikt zu tun hatten.“ Details behält die Polizei bis heute für sich. Täterwissen. Nur der Mörder von Christina und die Beamten können sagen, wie die Neunjährige genau starb.

Die Mutter muss ein bisschen im Gedächtnis kramen, wenn sie sich an den Tag vor 25 Jahren erinnern will, der so völlig normal begann. Doch bei einem Gedanken kommen der Krankenhausangestellten nach wie vor die Tränen. Die Erinnerung daran, wie sie vom Tod der Tochter erfuhr: „Und dann klingelte es an der Tür“, erzählt sie. „Als ich die Polizisten mit dem Pastor sah, wusste ich sofort Bescheid, da war alles gegessen.“ Ihre Tochter war tot. Mit weiteren Details verschonte die Polizei die Mutter damals, die bis 2000 noch in unmittelbarer Nähe zum Fundort wohnte.

Die Details waren Sache von Horst Kuhn. Er nimmt das Schwarz-Weiß-Foto vom Schleichweg in die Hand: „Dieser Tatort war unser Dilemma.“ Keine heiße Spur, kein Zeuge. Nichts. Nur der Leichnam der kleinen Christina. Eine Mordkommission wurde eingerichtet, Kuhn an der Spitze. Rund um die Uhr liefen die Ermittlungen. Morgens täglich Treffen in der Polizeiwache am Kollegienwall: „Kein Lachen, kein Scherz, es hat alle psychisch enorm belastet“, erinnert sich Kuhn an die Stimmung damals.

Anhand von Zeugenaussagen konnte das Phantombild eines Mannes gezeichnet werden, der sich kurz vor der Tat in der Nähe des Schleichwegs aufgehalten haben soll. „Der Mann mit den roten Haaren.“ Mehrfach wurde es in der Zeitung abgedruckt, eine Belohnung ausgelobt. Doch zielführende Hinweise blieben aus. Zwei vorläufige Festnahmen gab es, doch die Verdächtigen konnten wasserdichte Alibis nachweisen. Nichts. Weihnachten kam, Neujahr ging vorüber, und irgendwann kam der Februar: „Da waren wir spurentechnisch am Ende und haben die Mordkommission aufgelöst.“ Kuhn schüttelt den Kopf. „Wir hatten nie eine heiße Spur. Nie.“

Vor allem an das Weihnachtsfest 1987 erinnert sich der pensionierte Polizist noch gut. Christinas Mutter stand in seinem Büro. „Mit einem Kuchen. Sie wollte einfach nur Danke sagen. Da fiel mir nichts mehr drauf ein.“

Einen Vorwurf macht die Mutter der Polizei bis heute nicht. „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass der Täter trotz der guten Arbeit der Polizei nicht gefasst wird.“ Während die Beamten ermittelten, kämpfte sie sich zurück ins Leben. „Ich musste weitermachen. Ich hatte ja noch einen kleinen Sohn.“ Sie organisierte die Beerdigung ihrer Tochter, und nach einer Woche ging sie wieder zur Arbeit.

Wenn sie heute erzählt, was ihr half, den Weg zurück ins Leben zu finden, dann fällt ihr vor allem eine Gegebenheit ein: Kurz nach dem Tod habe sie einen Arbeitskreis für verwaiste Eltern besucht. „Die waren zum Teil nach zehn Jahren immer noch in tiefer Trauer. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass mein Leben zerbricht.“

Selten sei sie nach der Beerdigung zum Friedhof gegangen. Mittlerweile existiert Christinas Grab nicht mehr. Die Fotoalben mit Bildern von ihr sind im Keller. Das klingt hart, doch die Mutter sagt, sie habe einen anderen Weg gefunden, mit der Trauer umzugehen. Eins stand schon damals relativ schnell für sie fest: „Ich möchte nicht für alle die Mutter des ermordeten Mädchens sein.“ Genau deshalb will sie ihren vollen Namen heute nicht in der Zeitung lesen.

Einige Erinnerungsstücke hat sie allerdings doch in der Wohnung. Topflappen zum Beispiel, die Christina gehäkelt hat. „Die benutze ich nach wie vor. Und manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich an die Geschichte denke, die dahintersteckt.“

Ob sie Hass gegen den unbekannten Täter hege? „Wenn er seine Strafe nicht in diesem Leben bekommt, dann im nächsten. Es ist nur schade, dass ich ihm nicht in die Augen schauen und fragen kann, warum?“

Die Mutter hat die Hoffnung aufgegeben, jemals Antwort auf diese und andere Fragen zu bekommen. „Manchmal sehe ich alte Klassenkameradinnen von Christina. Dann geht mir schon durch den Kopf: Würde Christina heute Kinder haben? Was für einen Beruf hätte sie?“ Viele Fragen, keine Antworten.

Genau wie bei Horst Kuhn: „Habe ich damals alles richtig gemacht? Habe ich irgendetwas übersehen?“ Er hat den Fall mit in die Pension genommen. Seit 1998 ist er im Ruhestand. Von 1986 bis 1993 hat er als Chef des 1. Fachkommissariats Mordfälle bearbeitet. Wie viele, weiß er nicht mehr. Nur an „unsere Christina“ erinnert er sich so genau. Ein „inneres Bedürfnis“ habe ihn immer wieder zum Tatort gehen lassen. Ein Verhalten, über das Kuhn selbst den Kopf schüttelt. „Ich hoffe inständig, dass dieser Fall jemals geklärt wird. Auch für die Eltern.“ Der Kommissar außer Dienst atmet den Qualm seines Zigarillos aus.

Er weiß genau, wo die 20 Ordner zum Fall Christina stehen. In einem Raum in der Osnabrücker Polizeiwache am Kollegienwall. Zusammen mit anderen ungeklärten Mordfällen. Bis heute werden sie manchmal hervorgeholt und noch mal durchgegangen. Vielleicht findet sich ja doch etwas, das bislang übersehen worden ist. Und vielleicht erinnert sich auch ein Zeuge von damals an eine Begebenheit. Unter der Telefonnummer 0541/327-2115 nimmt die Polizei auch nach 25 Jahren noch Hinweise entgegen. Horst Kuhn hofft. Die Mutter nicht.


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