Argentinische Cellistin in Osnabrück Sol Gabetta: Ich habe einen starken Charakter

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Cellistin Sol Gabetta bezeichnet die Musik des 18. Jahrhunderts als „frisch und jugendlich“. Foto: Uwe Arens Sony ClassicalCellistin Sol Gabetta bezeichnet die Musik des 18. Jahrhunderts als „frisch und jugendlich“. Foto: Uwe Arens Sony Classical

Osnabrück. Sol Gabetta ist ziemlich beschäftigt. Die berühmte argentinische Cellistin hat das Gespräch verschoben, weil eine Probe umgelegt werden musste: Die Tournee beginnt, die sie nächste Woche auch nach Osnabrück führen wird. Nach acht oder neun Stunden Probe ist sie am Abend dann doch am Telefon und sprüht im Gespräch vor Energie.

Frau Gabetta , haben Sie jetzt Feierabend?

Na ja, es gibt immer viel zu organisieren. Ich mag es, mein Leben unter Kontrolle zu haben, und organisiere viel selbst. Wenn man ständig unterwegs ist, gibt es viel zu tun. Außerdem unterrichte ich hier in Basel. Aber nicht heute, heute keine Studenten mehr.

Sie spielen Konzerte, produzieren CDs, Sie unterrichten, Sie moderieren eine Fernsehsendung, Sie haben ein eigenes Festival ... Sie arbeiten offenbar ziemlich viel?

Ja, schon. Ich kann nicht sagen, es ist für mich alles leicht. Es braucht eine unglaubliche Organisation. Gott sei Dank bin ich von Natur aus ziemlich organisiert. Es gefällt mir auch, das in meinen Händen zu haben. Aber logischerweise gibt es auch eine unglaubliche Hilfe durch meine Agentur und viele andere Leute. Alles ist ein Team, auf diese Menschen kann ich rechnen. Man hat hier in Europa allerdings einen besonderen Rhythmus. Jetzt war ich einen Monat in Australien unterwegs, und na ja, die Leute leben und arbeiten ja auch, aber sie sind viel entspannter. Ich habe das Gefühl, in Europa ist man schon an der Grenze, ein bisschen verrückt zu werden. Aber ich fühle mich als freier Mensch, weil ich auswählen kann, was ich mache und wann ich es mache.

Sie haben jetzt schon die dritte Folge Ihres Projekts mit Musik der Vivaldi-Zeit veröffentlicht. Kommt da noch mehr, oder war’s das jetzt?

Es ist nicht in meiner Planung, das war das Ende des Projekts mit Vivaldi. Ich bin aber von der Musik des 18. Jahrhunderts sehr begeistert. Sie ist sehr frisch und jugendlich. Für mich ist das sehr spannend, gerade weil ich eigentlich keine Barockistin bin. Als Mensch und Musikerin bringt mich das weiter, als wenn ich immer nur die Konzerte von Dvorák, Saint-Saëns und Elgar spiele.

Haben Sie die Werke der CD komplett neu entdeckt, oder waren Sie vorher schon bekannt?

Nein, komplett neu. Viele Noten waren gar nicht lesbar, die mussten wir von einem Kopisten bearbeiten lassen, manchmal auch verändern, denn einzelne Stimmen haben gefehlt. Ich konnte mit dem Orchester zusammen die Noten entdecken und durchlesen. Das war schon toll zu merken: Okay, da gibt es auch ganz tolle Musik. Die Musik von Platti zum Beispiel ist unglaublich weit entwickelt für diese Zeit, für Vivaldis Zeit, eigentlich viel weiter schon als Vivaldi selbst.

Wenn Sie nicht gerade Barockmusik machen, spielen Sie auch viel russische Musik. Auf CD gibt es zum Beispiel Schostakowitsch. Liegt das an Ihren eigenen russischen Wurzeln oder an Ihrer Ausbildung bei David Geringas, der in Moskau bei Rostropowitsch studiert hat?

Manchmal liegt es am Zufall. Aber trotzdem ist das schon einer meiner Lieblingsstile. Es ist mir näher sogar als argentinische oder französische Musik. Vielleicht auch deswegen, weil meine musikalische Erziehung 15 Jahre lang eigentlich die russische Schule war.

Sprechen Sie auch Russisch?

Ja, lesen kann ich es leider nicht, aber sprechen schon.

Sie leben in einem kleinen Dorf bei Basel und haben dort ein eigenes Festival aufgezogen. Wie kam es dazu?

2015 werden wir schon das zehnte Festival haben, das plane ich im Moment schon. Wir machen da Kammermusik mit meinen Freunden. Sie sind aber mehr als Freunde, nämlich unglaubliche Solisten. Es ist ein großes Glück, solche Musiker zu bekommen, das hat das Festival auf ein unglaubliches Niveau gebracht. Wir haben angefangen mit Patricia Kopatchinskaja und anderen, und im ersten Jahr haben die für fast nichts gespielt, denn wir hatten kein Geld. Das Festival hat sich dann wunderbar entwickelt, und auf keinen Fall nur dank mir. Aber ein Festival braucht eine Lokomotive, die alles in Gang hält. Und ich versuche diese Lokomotive zu sein. Wenn ich einschlafe, dann schlafen alle ein, denn es ist mein Projekt.

Sie scheinen ja immer ungewöhnlich gut drauf zu sein, gerade für eine klassische Musikerin. Ein richtiger Sonnenschein sozusagen – haben Sie eigentlich auch mal schlechte Laune?

Oh ja! Ich habe wirklich einen starken Charakter. Musiker sind gewohnt, auf der Bühne zu stehen, und es ist nicht leicht, wieder auf den Boden zu kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass da für Musiker das Hauptproblem liegt. Mein Hintergrund hilft mir da. In meiner Familie gab es immer eine sehr starke Balance. Ich war nicht die Wichtigste, auch nicht meine Geschwister. Das haben meine Eltern ziemlich gut geschafft, obwohl wir alle eigentlich starke Persönlichkeiten sind.

Konzert: Montag, 16.12., 20 Uhr, in der Osnabrückhalle .


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