Wegen drohender Prozesskosten Missbrauch im Kloster: Opfer zieht Klage zurück

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Demonstration vor dem Bonner Landgericht:  Missbrauchsopfer fordern die katholische Kirche auf, sich ihrer Verantwortung zu stellen und einen Fonds für Geschädigte einzurichten. Foto: Rainer Lahmann-LammertDemonstration vor dem Bonner Landgericht: Missbrauchsopfer fordern die katholische Kirche auf, sich ihrer Verantwortung zu stellen und einen Fonds für Geschädigte einzurichten. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Bonn/Osnabrück. Den Rechtsstreit konnte er nicht gewinnen, weil seine Ansprüche nach 54 Jahren längst verjährt sind. Vor dem Bonner Landgericht hat der Osnabrücker Heinz M. am Freitag seine Klage auf Schmerzensgeld zurückgezogen, das er für einen fortgesetzten sexuellen Missbrauch in einem katholischen Internat geltend macht. Draußen forderte eine kleine Gruppe von Missbrauchsopfern in einer Demonstration die katholische Kirche auf, sich ihrer Verantwortung zu stellen und einen Fonds für Geschädigte einzurichten.

Heinz M. (Name von der Redaktion geändert) fühlte sich erpresst. Nur um sich finanziell nicht zu ruinieren, nahm der 66-jährige Pädagoge nach längeren Beratungen die Klage zurück – in der unbestimmten Hoffnung, die Kirche in aller Öffentlichkeit demaskiert zu haben. Vom Redemptoristenorden, der das Collegiom Josephinum in Bonn betreibt, habe er zwar viele schöne Worte gehört und sich fast in einem „Streichelzoo“ gewähnt, vermerkte der Kläger. Aber zu ihrer Verantwortung habe sich die Bruderschaft nicht bekannt. Im Gegenteil: Mit seiner Widerklage habe der Orden sein wahres Gesicht gezeigt und selbst die schon eingeräumten Vergehen konsequent bestritten.

Bei einem zweiwöchigen Missionsaufenthalt in Hagen am Teutoburger Wald hatten Patres des Redemptoristenordens 1959 den damals elf Jahre alten Messdiener zu einer vierwöchigen Probezeit ins Collegium Josephinum nach Bonn eingeladen. Der Fall des inzwischen 66 Jahre alten Osnabrückers ist dokumentiert im Missbrauchsbericht, den Hermann-Josef Merzbach, der Direktor des Amtsgerichts Leverkusen, im Auftrag des Ordens erstellt hat. 28 Betroffene, fast allesamt ehemalige Klosterschüler der Redemptoristen, hatten dem Juristen in den vergangenen Jahren ihre Leidensgeschichte anvertraut. Für seine sensible Aufarbeitung und für seine klaren Worte zollten ihm auch Missbrauchsopfer großen Respekt.

Merzbach gibt in seinem Bericht wider, dass der elfjährige Heinz M. in seinem Internatszimmer nächtlichen Besuch erhielt und dabei „mehrere Male oral und anal missbraucht wurde“. Der Junge habe mit Entsetzen und „fürchterlicher Angst“ reagiert und „die verbrecherische Brutalität des Geschehens“ nur durch eine „größtmögliche Starre“ ausgehalten. Nach der Schilderung weiterer Details vermerkt der Jurist: „Sein weiteres Leben war geprägt von einem ständigen Kampf gegen und mit der Angst, welcher er in dem erlebten brutalen verbrecherischen Erleben ausgesetzt war“.

Mit dem Verständnis, auf das Heinz M. zunächst stieß, war es jedoch vorbei, als er auf Schmerzensgeld klagte. 5000 Euro hatte ihm der Orden als „Leistung in Anerkennung des Leids“ vor einem Jahr zugestanden. 100000 Euro wären angemessen, meint der 66-jährige Pädagoge im Ruhestand. Um seinen Fall vor das Landgericht zu bringen, die Prozesskosten aber im Rahmen zu halten, schraubte er seine Forderung auf einen „Teilbetrag“ von 5001 Euro herunter.

„Die Justiz wird geschehenes Unrecht nicht ungeschehen machen können“, erklärte die Vorsitzende Richterin Margret Dichter in der Verhandlung am Freitag und machte dem Kläger deutlich, dass er den Rechtsstreit verlieren werde. Sämtliche Verjährungsfristen seien überschritten, zudem fehle es an „objektiven Zurechnungskriterien“, etwa Namen von beschuldigten Tätern oder Dokumenten aus der Zeit von 1959. Heinz M. gab dem Drängen schließlich nach, „aufgrund des finanziellen Drucks“, wie sein Anwalt Stephan Kettner es formulierte. Knapp 3000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten sind für den Kläger bislang aufgelaufen. Eine Niederlage vor dem Landgericht hätte ihn wohl weitere 10000 Euro gekostet.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN