Nach 54 Jahren Sexueller Missbrauch: Osnabrücker verklagt Orden

Von Rainer Lahmann-Lammert


Osnabrück/Bonn. Für das katholische Hagen war es ein Ereignis, als vier Patres aus Bonn im Mai 1959 zu einer Volksmission kamen. Für Familie M. war es eine Ehre, dass die hochwürdigen Herren ihren elfjährigen Heinz mit in ihr Kloster nehmen wollten. Aber für den Jungen wurden die vier Wochen zum Martyrium. Nachts kamen Ordensbrüder in sein Zimmer und missbrauchten ihn. Jahrzehnte hat Heinz M. geschwiegen. Jetzt verklagt er den Orden auf Schmerzensgeld. Am Freitag kommt sein Fall vor das Landgericht Bonn.

Heinz M. (Name von der Redaktion geändert) lebt in Osnabrück. Mit 66 Jahren blickt der Pädagoge im Ruhestand zurück auf ein Leben voller Brüche. Lange Zeit war er Bettnässer, immer von der Angst geplagt, zu versagen. Im Studium, im Beruf, in der Beziehung zu Frauen. Immer wieder habe ihn sein Selbstwertgefühl im Stich gelassen. Nur als Vater, da habe er kämpfen müssen, auch um das alleinige Sorgerecht für seine Tochter. Sie ist inzwischen 26. Und sie hat ihn ermutigt, seine Geschichte aufzuarbeiten.

Die Geschichte beginnt in Hagen am Teutoburger Wald. Heinz M. war Messdiener in der Martinuskirche. Ein pfiffiger, fröhlicher Junge, so beschreibt ihn seine ältere Schwester, aber für seine elf Jahre viel zu schmächtig. Sie ist heute noch ein bisschen neidisch, dass ihr kleiner Bruder nach Osnabrück zum Gymnasium Carolinum durfte, während sie nach der 10. Klasse eine Arbeit annehmen musste. Aber nach der Rückkehr aus Bonn sei Heinz ein anderer gewesen, berichtet die 72-Jährige. Ernst, ängstlich, befangen. Auffällig verändert habe sich in der Folgezeit auch die Mutter. Für sie habe das Leben seinen Sinn verloren.

Am 3. Mai 1959 kamen vier Redemptoristenpatres aus dem Collegium Josephinum nach Hagen. Mit ausdrücklicher Genehmigung des Bischöflichen Generalvikariats durften sie in der katholischen Gemeinde missionieren, predigen und die Beichte abnehmen. Hagen feierte die zwei Missionswochen wie ein Volksfest. Und die Patres predigten „mit Schwefel, Feuer und Schwert“, wie Heinz M. sich erinnert.

Krampfhaft katholisch

Zeitzeugen berichten noch heute von der Euphorie, mit der sie damals in die Gottesdienste gingen. Vor allem Pater L. glänzte dabei mit seinem charismatischen Wesen. „Ein bildschöner Mann“, so beschreibt ihn eine alte Hagenerin, die damals 16 war. Ausgerechnet dieser charmante Ordensbruder tauchte bei Familie M. auf. Heinz’ Eltern konnten ihr Glück kaum fassen, als Pater L. ihnen eröffnete, ihr Sohn könne zu ihnen ins Internat kommen, das Collegium Josephinum in Bonn.

„Ich bin aufgewachsen in einem krampfhaft katholischen Elternhaus“, sagt Heinz M. heute. Vater und Mutter seien hörig gewesen gegenüber kirchlichen Würdenträgern. Der strenge Umgang mit dem Fastengebot und den katholischen Dogmen habe zu Hause ein Klima der Angst entstehen lassen. „Mein Vater hat wohl immer gehofft, dass er in Hagen meine Primiz erlebt“, bekundet der 66-Jährige mit bitterem Lächeln, die erste Messe, die ein Priester zelebrieren darf.

Heinz wollte und durfte mit ins Collegium Josephinum, vier Wochen zur Probe in den Sommerferien. Sein Vater platzte fast vor Stolz. Pater L. holte den Jungen mit seinem Bulli ab, doch dann, erinnert sich Heinz M., ließ ihn der Ordensbruder seines Vertrauens drei Wochen lang allein zurück in der fremden, Furcht einflößenden Klosterumgebung. Die anderen Internatsschüler hatten schon Ferien, „es war stinklangweilig, ich wusste gar nicht, was ich machen sollte“. Er sei zwar in die Gottesdienste und zu den Mahlzeiten gegangen, aber meist ziellos auf dem Gelände herumgestreunt. Niemand habe sich für ihn verantwortlich gefühlt, wundert sich der inzwischen ergraute Ruheständler. Aber es kam noch viel schlimmer.

Nach wenigen Tagen erhielt der Junge in seinem Zimmer nächtlichen Besuch von Kuttenträgern. Sie kamen im Dunkeln, und sie rochen nach Schweiß, Alkohol und Zigaretten. Heinz M. legte sich auf den Bauch und stellte sich tot. Starr vor Angst und Scham ertrug er es, dass sich fremde Hände unter seine Bettdecke schoben und ihn befummelten, dass sich jemand auf ihn legte, ihn bedrängte und penetrierte. Immer wieder musste er den brutalen Ruhestörern auch noch oral zu Diensten sein. In manchen Nächten sogar mehrfach. Heinz M. erinnert sich, dass einige Male, noch während er einem Klosterbruder ausgeliefert war, der nächste schon die Zimmertür öffnete.

Schmerz, Ekel und Schuldgefühle quälten den frommen Messdiener aus Hagen. Gegen die körperliche Pein versuchte er sich mit Nivea-Creme als Gleitmittel zu wappnen, die ihm seine Mutter mitgegeben hatte. Mit seinem Seelennotstand ging er zur Beichte – und geriet vielleicht an dieselben Patres, die ihn zuvor behelligt hatten. Heinz M. glaubt, dass es drei oder vier waren.

Das Vertrauen gebrochen

Der kleine Heinz sehnte sich nach Hause, nach seinen Kaninchen und seinem Hund. Aber sein Brief mit dem Hilferuf an die Eltern wurde vom Ordensbruder in der Schreibstube zerrissen. Und eine Flucht traute sich der Elfjährige nicht zu. In seiner Verzweiflung hoffte der Novize auf die Rückkehr von Pater L. Als der sich schließlich zurückmeldete, vertraute ihm der kleine Heinz mit dürren Worten an, dass es ihm schlecht gehe, dass er regelmäßig nächtliche Besuche bekomme und unangenehm berührt werde.

„Pater L. wurde ein bisschen komisch“, erinnert sich der erwachsene Heinz M. 54 Jahre später. Und dann habe sich der Geistliche genau wie seine Ordensbrüder an ihm, dem Jungen aus Hagen, bedient. Einen Tag später wohl noch einmal, aber da sei es schon wieder dunkel gewesen. Eine Katastrophe für den schmächtigen Knaben, der an der Schwelle zur Pubertät stand. Sein ganzes Glaubensgebäude sei zusammengebrochen, sagt Heinz M., nein, seine ganze Welt.

Seinem Vater mochte er die Leidensgeschichte nicht erzählen, seiner Mutter vertraute er sie an. „Die wollten nur nachgucken, ob du richtig zugedeckt bist“, habe sie geantwortet. Und sei doch daran verzweifelt. Für den Rest ihres Lebens habe ihre tiefgläubige Mutter an Depressionen gelitten, sagt die Schwester von Heinz M. Einmal habe sie sogar versucht, sich das Leben zu nehmen.

Der heranreifende Heinz sah für sich schon bald keinen Platz mehr in der Kirche, und er verlor auch den Glauben an Gott. Mit 20 erwog er, die Bonner Ordensbrüder anzuzeigen, doch ein Freund riet ihm davon ab. „Da haben wir lieber Party gefeiert“, erinnert er sich heute. Ein ganzes Berufsleben lang kapselte er die schmerzhafte Erfahrung ein. Heute glaubt er, dass ein anderer Weg für ihn besser gewesen wäre.

Der Abschied vom aktiven Berufsleben ließ die Erinnerungen wieder hochkommen. Und in schlaflosen Nächten die Wut aufsteigen. Heinz M. begann eine Therapie und arbeitete das Geschehene auf. Er fand heraus, dass auch viele andere Schüler im Collegium Josephinum missbraucht worden sind, dass sie eine Selbsthilfegruppe gegründet haben, die Gespräche mit der Ordensleitung führt. Dass Hermann Josef Merzbach, der Direktor des Amtsgerichts Leverkusen, die Missbrauchsfälle im Auftrag des Ordens auf sensible Weise dokumentiert hat. Und dass die Redemptoristen den Opfern eine Art Entschädigung in Höhe von 5000 Euro zahlten.

Heinz M. hat sich der Selbsthilfegruppe angeschlossen, seine Erfahrungen wurden – als einer von 28 Fällen – in Merzbachs Bericht aufgenommen, und die 5000 Euro hat er auch angenommen, obwohl er 100000 Euro für angemessener hält. Aber es empört ihn, dass der Orden zwar Worte des Bedauerns findet, jedoch keine Verantwortung für die schweren Missbrauchsfälle übernehmen will. Jedenfalls sieht er das so. Deshalb hat er 53 Jahre nach der Tat Strafanzeige erstattet – gegen Pater L. und gegen unbekannt.

Das Verfahren wurde eingestellt. Für die Staatsanwaltschaft Bonn ein klarer Fall: Pater L. ist 1999 verstorben, die anderen Patres sind nicht bekannt, und in Deutschland verjährt sexueller Missbrauch mit Minderjährigen spätestens 20 Jahre nach deren Eintritt in die Volljährigkeit. Heinz M. beschreitet nun einen anderen Weg, um den Orden zur Verantwortung zu zwingen. Er klagt auf Schmerzensgeld. Weil es ihm dabei um die Symbolik und um möglichst geringe Prozesskosten geht, wählte er einen Streitwert von nur 5001 Euro. Damit ist nicht das Amtsgericht, sondern das Landgericht Bonn zuständig.

Wahrscheinlich wird Heinz M. den Prozess verlieren. Im Zivilrecht verjähren Forderungen nach drei Jahren, nach älterem Recht spätestens 30 Jahre nach der Tat. Sein Anwalt Stephan Kettner weist darauf hin, dass es auch anders geht. Aus Österreich ist bekannt, dass in einem besonders schweren Fall von sexuellem Missbrauch die Verjährungsfrist aufgehoben wurde – allerdings in einem Strafverfahren. Heinz M. weiß, dass er sich auf dünnem Eis bewegt.

Alles längst verjährt

Weil er gegen die Redemptoristen klagt, hat ihn der Orden im Oktober nicht zu einem lange anberaumten Treffen von Missbrauchsopfern eingeladen. Die Empörung war groß unter den Leidensgefährten, aber die Provinzialleitung verteidigt die Entscheidung: Man könne nicht „zur gleichen Zeit auf verschiedenen Settings sprechen“, erklärte Provinzial Johannes Römelt auf Anfrage unserer Zeitung. Wenn der Rechtsstreit beendet sei, werde er Heinz M. gerne wieder zu Gesprächen einladen.

Römelt hat vor zwei Jahren in einer Veröffentlichung auf das „schwere Leid“ hingewiesen, „das Kindern und Heranwachsenden durch Angehörige unserer Ordensgemeinschaft angetan wurde“. Diese Verletzungen ließen sich nicht ungeschehen machen, vermerkte der Leiter der Ordensprovinz, und fügte hinzu: „Wir können allerdings dazu beitragen und unsere Verantwortung wahrnehmen, dass Betroffene heute nicht alleingelassen werden.“

Heinz M. fühlt sich vom Orden dennoch alleingelassen. Vor allem, seit er die Widerklage gelesen hat, mit der die Redemptoristen seine Klage abschmettern wollen. „Es wird bestritten, dass es überhaupt zu einer rechtswidrigen Tat gekommen ist“, lautet der Kernsatz des neunseitigen Schreibens. Somit gebe es für einen organisierten Missbrauch keinerlei Beweise. Für Heinz M. ist klar: Damit habe sich der Redemptoristenorden selbst demaskiert.


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