Zeit für „Kicker“ und Klavier Weihbischof Kettmann geht in Ruhestand – Brief an Vatikan

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Nach 35 Jahren im Dienst wird Weihbischof Kettmann am Sonntag im Dom feierlich verabschiedet. Foto: Jörn MartensNach 35 Jahren im Dienst wird Weihbischof Kettmann am Sonntag im Dom feierlich verabschiedet. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Jetzt hat er als Fan von Borussia Mönchengladbach mehr Zeit, den „Kicker“ zu lesen, mehr Zeit, Klavier zu spielen und seine 52 Großnichten und -neffen zu besuchen. „Das finde ich sehr angenehm“, sagt Theodor Kettmann, und man merkt, dass ihm mit dem Eintritt in den Ruhestand eine Last abgefallen ist. Weil sich seine Nachfolge lange hinzog, schrieb er einen kritischen Brief an den Vatikan.

35 Jahre war der eher stille Seelsorger als Weihbischof im Dienst, am Sonntag um 15 Uhr wird er feierlich im Dom verabschiedet.

Kettmann ist mit seiner Schwester, die den Haushalt führt, in eine kleinere Wohnung umgezogen. Von Büchern musste er sich trennen und von Mitbringseln, die man ihm auf Firmreisen geschenkt hat. Manches ist ins Bistumsarchiv gelangt.

Er war um die 40, als ihn im November 1978 der damalige Bischof Helmut Hermann Wittler herbeizitierte. Kettmann war damals seit zwölf Jahren Kaplan und zugleich geistlicher Beitrat des „Kirchenboten“. Nun dachte er, der Bischof würde sich wieder mal über die Bistumszeitung beschweren. Es kam anders: Wittler fragte ihn, ob er Weihbischof werden wolle – und gab ihm eine Nacht Bedenkzeit. „Sie dürfen mit niemandem darüber sprechen, nur mit ihrem Beichtvater“, bekam Kettmann mit auf den Weg. Zunächst war er sprachlos. „Du hast Dich nicht beworben“, dachte er dann, und: „Einer muss es machen.“

Am 18. Februar 1979 wurde er zum Bischof geweiht. Rund 65000 Jugendliche – ganz genau hat das niemand gezählt – dürfte er seither im Bistum Osnabrück gefirmt haben. „Ich glaube schon, dass mich das ein bisschen jung gehalten hat“, sagt der 74-Jährige und fügt hinzu, den Kontakt zu den Jugendlichen werde er vermissen.

Tausende von Kilometern war er als Weihbischof unterwegs zwischen Teutoburger Wald und Bremen, Nordsee und Emsland: zu Altarweihen, Kirchenjubiläen und für die Caritas – vor allem aber auf Firmreise. Oft waren es nur flüchtige Begegnungen, doch auch Briefkontakte sind entstanden. Jetzt will Kettmann konstanter an einem Ort bleiben und in der Pfarreiengemeinschaft Osnabrück-Süd mitwirken.

„Ich habe in einer ganz außergewöhnlichen Zeit gelebt“, blickt der Weihbischof zurück: 1964, in der Aufbruchphase des Zweiten Vatikanischen Konzils, wurde er zum Priester geweiht, dann erlebte er die stürmische 1968er Zeit. 1979 war seine Bischofsweihe, 1980 besuchte Papst Johannes Paul II. Osnabrück, und im Januar 1995 wurde das Bistum verkleinert und das Erzbistum Hamburg errichtet.

Vorübergehend leitete Kettmann nach dem Weggang von Erzbischof Ludwig Averkamp nach Hamburg vertretungsweise das Bistum Osnabrück. Keine leichte Zeit, durfte und wollte er doch keine Weichenstellungen treffen, obwohl wichtige Dinge entschieden werden mussten. Zudem machte ein Missbrauchsfall Schlagzeilen, von einem fast gleichaltrigen Priester, mit dem er zusammen studiert hatte. Damals stand er in engem Kontakt zum Vatikanbotschafter in Deutschland, Nuntius Lajos Kada, und drängte auf eine schnelle Entscheidung für einen Bischof. Als dann die Interimszeit endete und Franz-Josef Bode im November 1995 eingeführt wurde, brandete im Osnabrücker Dom viel Beifall für den Diözesanadministrator Kettmann auf.

Nun konnte er sich wieder mehr den Firmlingen widmen. Ein Drittel, so stellte er fest, war im katholischen Gemeindeleben gut verwurzelt, ein weiteres Drittel ging noch an Ostern und Weihnachten zur Kirche und dem letzten Drittel waren Gottesdienste fremd. Heute, sagt er, lassen sich die meisten Firmlinge nicht mehr das Sakrament spenden, weil es so üblich ist, sondern weil sie sich für den Glauben entschieden haben.

Immer noch erstaunt ihn, dass bei der Firmvorbereitung Fragen der Sexualität keine Rolle spielen. „Ich kenne keine Firmmappe, in der dieses Thema sehr konkret behandelt wird.“ Und er fragt sich, woher die 15- bis 17-Jährigen ihre ethischen Maßstäbe bekommen, wenn nur im Biologie-Unterricht darüber geredet wird.

Er selbst hält bei der Sexualmoral die Gewissensentscheidung der Partner für wichtig, und meint, wenn sich die offizielle Lehre der Kirche von der Praxis der Gläubigen unterscheide, sei das „auf Dauer ungut“. Aber weit schwieriger als die Sexualmoral zu akzeptieren sei es, das christliche Gebot der Feindesliebe umzusetzen.

Im November 2011 nahm Papst Benedikt XVI. Kettmanns Rücktrittsgesuch an. Doch in Rom ließ man sich viel Zeit, bis sein Nachfolger Johannes Wübbe ernannt wurde. „Die lange Wartezeit war für mich eine schwierige Situation“, räumt Kettmann ein. Er hatte sich schon auf den Ruhestand eingestellt, und die Verzögerung störte ihn auch aus anderen Gründen. Die Spekulationen über mögliche Kandidaten seien für die Betroffenen schädlich gewesen, die Bistumsleitung habe mit wichtigen Personalentscheidungen warten müssen.

„Kein Befehlsempfänger“

Daher schrieb Kettmann zwei Briefe, in dem er Sorgen und Ärger kundtat – einen an die Bischofskongregation in Rom, einen an die Vatikanbotschaft, die Nuntiatur, in Berlin. Von dort kam immerhin eine Eingangsbestätigung, aus Rom keine Antwort.

„Es kann nicht alles zentralistisch geregelt werden“, kritisiert Kettmann entsprechende Tendenzen im Vatikan und meint, ein Bischof sei nicht einfach ein Befehlsempfänger des Papstes. Nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. wünschte er sich die Wahl eines Nicht-Europäers. „Das wurde höchste Zeit.“ Dieser Wunsch hat sich erfüllt. Nun lobt er an Papst Franziskus, dass er die Rolle der Ortskirchen stärken will. Aber auch sonst ist der neue Papst für Kettmann „ein Geschenk des Himmels“.


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