Mieter aus dem Haus getrieben Osnabrück: Miete verdoppelt sich nach Öko-Sanierung

Der Balkon ist auch nach einjähriger Sanierung des Hauses immer noch nicht fertig: Gudrid Boyer (v.l.n.r.), Anette Kaiser und Alexander Dai Pra können und wollen die drastische Mieterhöhung des Vermieters nach der Öko-Sanierung nicht bezahlen und suchen sich eine neue Mietwohnung zu einem angemessenen Preis. Foto: Gert WestdörpDer Balkon ist auch nach einjähriger Sanierung des Hauses immer noch nicht fertig: Gudrid Boyer (v.l.n.r.), Anette Kaiser und Alexander Dai Pra können und wollen die drastische Mieterhöhung des Vermieters nach der Öko-Sanierung nicht bezahlen und suchen sich eine neue Mietwohnung zu einem angemessenen Preis. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Zahl der Luxus-Sanierungen in Osnabrück nimmt deutlich zu. Das berichten die Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus und Grund und der Mieterbund übereinstimmend. Mit der energetischen Sanierung steigen die Mieten. Zwei der Leidtragenden sind Gudrid Boyer und Anette Kaiser. Ihr Fall ist besonders drastisch. Sie sollen nach der Sanierung mehr als das Doppelte bezahlen und werden so aus dem Haus getrieben.

Während die Vermieter laut Haus und Grund beim Umlegen der Kosten auf die Mieter meistens darauf verzichten, den rechtlich möglichen Rahmen auszuschöpfen, ist das bei dem Paar in der Mietwohnung in Osnabrück-Wüste anders. Sie sollen elf Prozent der für ihre Wohnung aufgewendeten Kosten bezahlen. Mehr ist rechtlich nicht zulässig. Anette Kaiser spricht von Mietwucher. „Sie wissen, wie sie das meiste herausquetschen können.“

Die Grundschullehrerin Boyer und die Sozialarbeiterin Kaiser leben seit 15 Jahren in ihrer 94 Quadratmeter großen Wohnung in der Heinrichstraße. Gerne hätten sie noch weitere 15 Jahre dort gewohnt. Doch nach dem Eigentümerwechsel im vergangenen Jahr ist das Verhältnis zum Vermieter zerrüttet. Zuvor hatte sich die Miete in 14 Jahren um rund 90 Euro erhöht. Jetzt wurde die Miete nach etwa einem halben Jahr um knapp 78 Euro erhöht und soll nach einer energetischen Sanierung des Hauses von 467 Euro Kaltmiete auf 1006 Euro steigen. Der Quadratmeterpreis würde dann bei knapp elf Euro liegen, einer Miete, die selbst am Westerberg nur selten aufgerufen wird. „Der Vermieter hatte zu Beginn der Sanierung von einer Mieterhöhung von 295 Euro gesprochen. Damit waren wir einverstanden. Wir dachten, wenn es alles gemacht wird, dann rechnet sich das vielleicht bei den Energiekosten“, sagt Gudrid Boyer. Es sollte jedoch anders kommen. Die Sanierung dauerte nach ihren Angaben nicht wie angekündigt drei Monate, sondern mehr als ein Jahr. „Unser Abstellschrank vom Balkon steht seit fast einem Jahr im Treppenhaus, weil wir seitdem darauf warten, dass der Balkon gemacht wird. Dafür werden wir auch noch abgemahnt, weil wir den Fluchtweg im Flur zustellen würden“, betont Kaiser. Der Abstand vom Treppengeländer zum Schrank beträgt dabei mehr als ein Meter. „Es ist ein regelrechter Kleinkrieg entstanden“, betont die Lehrerin Boyer.

Obwohl die Sanierung noch nicht abgeschlossen war, bekamen sie im August eine Frist, noch bis Ende Oktober 326 Euro mehr Kaltmiete zu bezahlen. Wenn sie jedoch den Ablauf der rechtmäßigen Frist für die Mieterhöhung abwarten würden, müssten sie sogar eine Mieterhöhung von 540 Euro bezahlen, forderten die Vermieter sie schriftlich aus. Das Paar sieht in diesem Vorgehen die „Abzocke eines Miet-Haies“ und sehen als letzten Ausweg den Auszug.

Auch der Hartz-IV-Empfänger Alexander Dai Pra,der neun Jahre in einer Wohnung im selben Haus wohnte, muss nun ausziehen. In seiner 70 Quadratmeter großen Wohnung beträgt die Erhöhung 266 Euro, nachdem er bereits im April 60 Euro mehr zahlen musste. „Das kann ich von den 400 Euro Wohngeld des Amtes nicht mehr bezahlen“, sagt er und ist bereits auf Wohnungssuche.

Auch der Mieterbund rät den Mietern in so einem Fall ebenfalls zum Auszug, „weil die Vermieter bei einer Neuvermietung niemals so einen Preis bekommen würden“, sagt der Geschäftsführer des Osnabrücker Mietervereins Hans-Heinz Lüdtke. Während die Vermieter, die namentlich nicht genannt werden wollen, auf Anfrage unserer Zeitung sagten, dass sie für eine vergleichbare Wohnung bei einer Neuvermietung 12,50 Euro bis 14 Euro pro Quadratmeter bekämen, geht Lüdtke etwa von der Hälfte aus. Er erklärt: „Bei einer Neuvermietung, die in Zeiten der Wohnungsknappheit höhere Preise ergibt, als die Mieten nach Mieterhöhung, halten wir es möglich, dass maximal sieben Euro pro Quadratmeter erzielt werden. Wir haben dabei berücksichtigt: möglicher Lagevorteil (Heinrichstraße), neue Fenster, neues Badezimmer, Wärmedämmung.“ Ärgerlich sei im vorliegenden Fall, „dass die Mieter den teuren Umzug bezahlen müssen, um diesem Wucher zu entgehen“.

Selbst der Osnabrücker Geschäftsführer von Haus und Grund, Christian Biemann , sagt: „Solche gravierenden Steigerungen von mehr als 500 Euro habe ich in den elf Jahren meiner Laufbahn als Jurist bei Haus und Grund noch nicht erlebt.“ Die Frage sei, ob der Vermieter nicht auch mit der Hälfte der Mieterhöhung zufriedengestellt werden könne. Es sei offensichtlich, dass ein neuer Mieter nicht zu diesem Preis einziehen wird. Das generelle Problem sei zurzeit, dass sich die Politik die energetische Sanierung wünscht und die Mieter nach der Sanierung eine höhere Miete bezahlen müssen, weil der Vermieter einen gewissen Anteil zurückbekommen möchte. Im vorliegenden Fall sei der Vermieter zudem besonders raffiniert gewesen, weil er die Anpassung an die Vergleichsmiete nur kurz vor der Mieterhöhung nach Sanierung vorgenommen habe. „Andersherum wäre das nicht möglich gewesen“, erläutert Biemann. „So ist der größtmögliche Profit aus der Wohnung herausgezogen worden und die rechtlichen Möglichkeiten wurden voll ausgeschöpft.“

Anette Kaiser und Gudrid Boyer haben die Konsequenzen aus diesem Geschäftsgebaren gezogen. Am Mittwoch schalteten sie eine Annonce in der Zeitung, um eine neue Mietwohnung in der Wüste zu einem angemessenen Preis zu bekommen.


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