Wie Dickhäuter Kommandos lernen Rangu heißt Rüssel hoch: Elefantentraining im Zoo

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Osnabrück. Für ein Stückchen Brot macht ein Elefant fast alles: Füße heben, Ohren abklappen, Maul aufsperren. Sogar anlehnen und hinlegen können sich gut trainierte Dickhäuter, wenn ihr Pfleger es verlangt. Doch was nach Zirkusnummer aussieht, hat für den Zoo Osnabrück ausschließlich praktischen Nutzen: Denn das Hören auf Kommandos erspart den tonnenschweren Tieren bei medizinischen Untersuchungen die Vollnarkose. Ein Besuch beim Elefantentraining.

Eigentlich sei Nuka „nicht die hellste Birne im Kronleuchter“, sagt Revierleiter Detlef Niebler (60). Im Gegensatz zu seinem Halbbruder Dinkar, mit dem der Jungbulle im Mai aus Hannover an den Schölerberg kam, regele er die Dinge weniger mit Köpfchen als mit Kraft. Doch wenn sich der schnauzbärtige Chef-Tierpfleger mit seinem spannenden Werkzeug nähert, weiß selbst das dümmste Rüsseltier: Jetzt ist wieder Schule! Das heißt für Elefanten: Wer gehorcht, wird belohnt. Erwartungsvoll blickt Nuka durch die Gitterstäbe seines Stalls. Gleich kann er zeigen, was er gelernt hat.

Dann macht es klick

Ein Bambusrohr mit aufgepfropftem Tennisball, einen Beutel voll Brot und etwas Geduld – viel mehr braucht Niebler nicht, wenn er und sein Team die vierköpfige Rüsselbande mehrmals pro Woche im Elefantenhaus zum Unterricht bitten. Der stumpfe Stock dient den Pflegern als Ziel, das die Elefanten auf Befehl berühren müssen. „Target“, ruft Zoobiologe Andreas Wulftange (27), der an diesem Mittwochmorgen die Übung leitet. Dann macht es klick – buchstäblich. Nicht nur bei Nuka, der sanft mit der Stirn gegen den Tennisball tippt. Auch in Wulftanges Hand klickt es. Für den Elefanten ist das akustische Zeichen der Beleg, dass er alles richtig gemacht hat und dafür jetzt ein Leckerli erwarten darf. „Der Klicker ist unverzichtbar“, sagt Wulftange und zeigt ein streichholzschachtelgroßes Gerät, das funktioniert wie der Knackfrosch aus dem Kinderzimmer. „Es bestätigt dem Tier, dass die Ausführung in Ordnung war.“ Daumendruck genügt. Operante Konditionierung nennt das der Wissenschaftler. Anstatt Fehler zu bestrafen, wird erwünschtes Verhalten verstärkt. Das funktioniert auch diesmal: Wie vom Klicker versprochen, greift Wulftange in die Gürteltasche, zückt ein Stückchen Brot und wirft es Nuka vor die Füße. Mit dem Rüssel hebt der Elefant den Brösel auf und stopft ihn mit Wonne ins Maul. Bereit für die nächste Lektion!

Etwa zehn verschiedene Kommandos haben die vier Osnabrücker Jungbullen bereits verinnerlicht. „Lift“ und „Back Lift“ beispielsweise lautet die Aufforderung zum Heben von Vorder- und Hinterfuß – wichtig etwa beim Hornhautraspeln oder Nägelschneiden mit der Flex sowie für Blutentnahmen aus dem Unterschenkel. „Ear“ verlangt vom Elefanten das Aufstellen der Ohren, „Down“ bedeutet hinlegen, „Lean“ anlehnen. Und „Rangu“ heißt: Rüssel hoch, Maul auf zur Zahnkontrolle. „Das ist typisches Medical Training“, sagt Revierleiter Niebler. Es diene nicht nur der sinnvollen Beschäftigung der Tiere, sondern mache auch bei vielen tierärztlichen Untersuchungen und pflegerischen Routinen eine Betäubung der Tiere verzichtbar.

Dickköpfige Dickhäuter

Wie schnell Elefanten lernen, hänge von ihrem Talent und Ehrgeiz ab, erklärt Detlef Niebler. Nachkommen von Leitkühen, so auch Dinkar, gelten als klüger und würden Tricks schon nach wenigen Tagen beherrschen. Andere Elefanten bräuchten teilweise Wochen. „Wir fordern in kleinen Schritten“, sagt Zoobiologe Wulftange, „die Tiere sollen den Spaß nicht verlieren.“ Und wenn ein Dickhäuter einmal dickköpfig sei und keine Lust auf medizinisches Training verspüre, könnten die Pfleger sowieso nichts ausrichten. „Dann haben wir keine Chance.“ Doch in der Regel sei die Osnabrücker Rüsselbande gelehrig und mit Eifer dabei. Zoodirektor Michael Böer, selbst ein ausgewiesener Elefantenkenner , will sogar bemerkt haben, wie die Elefanten sich vor ihren Ausbildern gegenseitig zum Lernen anstacheln: „Es gibt einen Wettstreit unter ihnen: Wer lernt am schnellsten? Die Elefanten beobachten neidisch, wenn der eine mehr kann als der andere. Denn alle wollen in die Rolle des Günstlings schlüpfen!“

Einer ist solchen Strebertums völlig unverdächtig: Zuchtbulle Luka . Mit dem 3,15-Meter-Riesen, der Ende Juni aus Spanien kam , trainieren Niebler & Co. zurzeit nicht so intensiv wie mit den Kleinen. „Die baulichen Voraussetzungen in seinem Stall sind dafür noch nicht geschaffen“, so der Revierleiter. Zu viele Eisenstäbe und stählerne Lochplatten – eingebaut zum Schutz von Mensch und Tier – behinderten ein effektives Lernspiel mit Deutschlands größtem Asiatischen Elefanten. Und Vorsicht wird am Schölerberg groß geschrieben: Um gefahrlos mit den Elefanten arbeiten zu können, setzt der Zoo Osnabrück seit geraumer Zeit auf die berührungsarme Hands-off-Haltung. Direkter Körperkontakt mit den bis zu sechs Tonnen schweren Tieren ist dabei nur durch Gitter erlaubt.


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