Urteil zu Ganzkörperbadeanzug Muslimas in Osnabrück lehnen Burkini ab

Von Jean-Charles Fays

Muslimische Mädchen müssen nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts am Schwimmunterricht teilnehmen, notfalls im Ganzkörperbadeanzug Burkini. Osnabrücker Muslima, Islamexperten und die Ditib-Gemeinde lehnen das ab. Foto: dpaMuslimische Mädchen müssen nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts am Schwimmunterricht teilnehmen, notfalls im Ganzkörperbadeanzug Burkini. Osnabrücker Muslima, Islamexperten und die Ditib-Gemeinde lehnen das ab. Foto: dpa

Osnabrück. Muslimas, Islamexperten und die Ditib-Gemeinde in Osnabrück lehnen den Ganzkörperbadeanzug Burkini ab. Vor zwei Monaten hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig geurteilt, dass muslimische Mädchen dem Schwimmunterricht nicht aus religiösen Gründen fernbleiben dürfen. Eine Teilnahme im Ganzkörperbadeanzug Burkini sei zumutbar.

Muslimische Jugendliche aus dem Osnabrücker Land, Islamexperten und der türkische Verband Ditib halten das Urteil für falsch. Der Koordinator des Sportunterrichts am Graf-Stauffenberg-Gymnasium, Uwe Bolz, sagt sogar: „Wir werden Muslimas auf keinen Fall dazu zwingen.“ Einen Verstoß gegen das Urteil aus Leipzig würde er aus guten Gründen hinnehmen.

In den vergangenen sechs Jahren hat das Gymnasium am Kalkhügel vier Fälle dieser Art gehabt. Als die Eltern Befreiungsanträge vom Schwimmunterricht für ihre Töchter einreichten, hatte Bolz das akzeptiert. Er findet, man solle nicht gegen das Recht auf Religionsfreiheit ankämpfen. „Der richtige Weg ist der Dialog“, betont Bolz. Man sollte nicht mit Schulpflichtverletzungen drohen, sondern lieber auf Elternabenden diskutieren. An seiner Schule, an der 30 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben und ein sehr hoher Anteil muslimische Migranten sind, komme man mit Verboten nicht weiter. Das Burkini-Urteil habe die Schüler da sehr verunsichert.

Der Schulleiter der Bertha-von-Suttner-Realschule , Martin Sandkämper, sagt hingegen: „Bei uns nehmen alle Kinder am Schwimmunterricht teil.“ Manche Schülerinnen würden an seiner Schule, an der jede vierte Schülerin muslimischen Glaubens sei, auch im Burkini am Unterricht teilnehmen. Sandkämper sagt aber auch: „Wir haben Schwimmunterricht nur in der fünften und sechsten Klasse. Daher umgehen wir die Problematik. In der achten Klasse ist da mehr Sprengstoff.“

Der Vorsitzende der Osnabrücker Gemeinde der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) , Ramazan Karacan, weist auf die Probleme hin, die Muslimas haben, die bereits in der Pubertät sind: „Wenn man nass ist, dann sieht man alles, auch im Burkini.“ Daher sieht auch er das Problem des Bundesverwaltungsgerichts kritisch: „Wenn Schüler aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollen, dann sollte man das akzeptieren.“

Ähnlicher Meinung sind die Islamexperten der Uni Osnabrück. „Man kann nicht einfach pauschal sagen, dass junge Menschen, die aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollen, integrationsfeindliche Absichten haben“, sagt Dr. Michael Kiefer von der Uni Osnabrück. „Manchmal kann man im Stillen auch andere Wege gehen.“ Er findet diesen Ganzkörperbadeanzug „wirklich etwas eigenartig“. Man laufe dadurch Gefahr, dass man Personen „damit stigmatisiert oder der Lächerlichkeit preisgibt“. Generell sei das keine Frage, die Richter entscheiden müssten. Sein Vorschlag sind beispielsweise Mädchengruppen für den Schwimmunterricht.

Auch Professor Rauf Ceylan vom Islam-Institut der Uni unterstreicht: „Dieses Verbot ist der falsche Weg. Es ist nicht gut, dass Richter über so eine sensible Frage entscheiden.“

Die Vorsitzende der muslimischen Jugendlichen im Osnabrücker Land (mujos) , Dua Zeitun, ist ebenfalls der Ansicht, dass die Schülerinnen selbst entscheiden sollten, ob sie am Schwimmunterricht teilnehmen. Sie plädiert genauso wie Kiefer dafür, die Geschlechter für den Schwimmunterricht zu trennen. „Dieses Beispiel finden wir in einigen Bundesländern, die bereits in dieser Form stattfinden“, weiß Zeitun. Sie sieht Muslimas durch dieses moderne Integrationsmodell in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt.

Zeitun hat auf Anfrage unserer Zeitung eine Facebook-Umfrage unter den Jugendlichen des mujos-Netzwerkes gestartet. Sie leitete die Stellungnahmen, die im sozialen Netzwerk nur für die Nutzer des mujos-Netzwerkes sichtbar sind, an unsere Zeitung weitergeleitet. Ein mujos-Mitglied kommentierte das Urteil des Gerichts: „Egal, wie alt das Kind ist, es sollte selbst entscheiden.“ Als Konsequenz würden einige Schülerinnen vielleicht gar nicht erst zum Unterricht erscheinen, Krankheiten oder die Periode vortäuschen und eine mangelhafte Note in Kauf nehmen. Auch der Kommentar einer anderen Muslima spricht Bände. Sie betrat zuletzt im schulischen Schwimmunterricht ein Schwimmbad: „Ich habe mich furchtbar gefühlt, wenn die deutschen Mädchen alle mit ihren Bikinis kamen und ich in meinem Badeanzug und Badeshorts. Es ist wirklich kein schönes Gefühl. Vor allem in dem Alter und mit meinem Hüftgold. Kinder können einfach grausam sein. Wie muss sich also ein junges Mädchen in einem Burkini zwischen all den Bikini-Trägerinnen fühlen? In meinem jetzigen Alter bin ich selbstbewusst genug, um mit meiner Badekleidung (zwar kein Burkini, aber eine Art Leggins mit knielangem Oberteil) am Strand zu sein. Doch in dem zarten Alter? Nein!“